Memory_Pamela

Pamela war älter als ich, vierzehn vielleicht. Sie wohnte am oberen Ende des Hügels, dort, wo die Strasse flach wurde. Pamelas Eltern, so wurde gemunkelt, hatten nicht gerade eine konfliktfreie Ehe, dafür besass Pamelas Mutter, eine kleine, zierliche Frau im Minimum fünfhundert Paar glitzernde Stilettos! Das tönt für heutige Verhältnisse vielleicht normal, doch damals in den Achtzigerjahren bei uns in der Pampa war das schon eine Sensation. Ich hätte diese Stilettos liebend gerne einmal gesehen, aber Pamela wiegelte immer ab. Sie liess keine Besucher ins Haus, wer weiss, vielleicht lagen da noch ganz andere Schätze im Hause ihrer Eltern verborgen.

An ihren schulfreien Tagen und im Sommer spazierte Pamela mit einem wunderschönen Kinderwagen die Panoramastrasse auf und ab. Der Kinderwagen war aus schwarzem Samt, besass ein verstellbares Dach und lief auf vier glänzenden, wippenden grossen Rädern. Ich war blass vor Neid, denn mein Kinderwagen war nur ein kleiner Boogie auf holprigen Plastikrädern. Und meine Grösste, die lebensgrosse Prisca hatte in diesem Wagen nicht einmal platz. Ging ich spazieren, spazierte ich mit meinem kleinen Stoffaffen!

Jedesmal, wenn ich Pamela traf, wollte ich unbedingt hinter das samtene Dach spähen, um Pamelas Puppe zu sehen. Aber Pamela liess mich nicht. Einmal aber sah ich, dass der Puppenwagen schön ausstaffiert, aber leer war, und ich fragte: „Aber wo ist denn deine Puppe?“ – „Sie ist noch in meinem Bauch!“, sagte Pamela und zeigte mit dem Finger auf ihren Unterleib. „Ach so!“, machte ich. Pamela umfasste den noblen Griffel des Wagens und spazierte davon. Sie spazierte wirklich jeden Tag die Panormastrasse vor und zurück, auch als es Herbst wurde und früh dunkelte. Ich hatte es in Zwischenzeit aufgegeben mit meinem Boogie und dem Stoffaffen auszufahren. Lieber lungerte ich einfach so auf der Panormastrasse herum, und wenn Pamela kam, fragte ich: „Ist jetzt etwas im Wagen drin?“ – „Das Kind ist noch im Bauch.“ Sie zeigte, wie entschuldigend auf ihre Mitte, und machte sich davon.

Im Winter dann, nach Weihnachten, hiess es, Pamelas Eltern hätten sich getrennt, und Pamelas Mutter sei mitsamt ihren fünfhundert Stilettos abgreist. Die ganze Panoramastrasse wusste es, und jeder bedauerte heimlich, dass es jetzt fortan nichts mehr zu sehen gab, im Emmental, wie diese Schuhe, die keiner je gesehen hatte.

Nach der Trennung der Eltern sah ich Pamela eine ganze Weile nicht mehr auf der Panormastrasse. Sie und ihr Kinderwagen schienen wie vom Erdboden verschluckt. Erst im Frühling lief ich ihr vor der Garage ihres Hauses einmal über den Weg. Sie war dick geworden und hatte Pickel im Gesicht, sass einfach da. Der Wagen fehlte.

Als wollte sie mir zuvorkommen, als sie meinen Blick auf sich spürte, sagte sie: „Ich habe es weggemacht.“ Ich wusste damals noch nicht, was „Wegmachen“ bedeutete. Pamela begriff schnell und wiederholte: „Es ist nicht mehr in meinem Bauch.“ Dann fügte sie hinzu: „Den Wagen hat Mutter mitgenommen, für ihre vielen Schuhe.“

(29.7.22)

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