Memory von den Nummern und Strassen, I

4381932.

Eine Nummer, die fünfundzwanzig Jahre in mir verschollen lag!  Als würde auch das Unterbewusstsein Feuer fangen!  Aber eben nur wenn es richtig fest weh tut, richtig, richtig fest!- Die Druckstellen das Gewicht nicht mehr halten können, die alles verschlingende Schwäche durchbricht. Dann wird es dort auf einmal ganz hell (ich weiss nicht wo), und Bilder treiben hoch, einzelne Blätter nur, aber  immer mehr von ihnen, wie kleine Nachzügler. (junge Entelein seh ich vor mir).

4381932! Ja doch! Eine Telefonnummer, die ich einmal auswendig konnte. 4381932… und ich jubelte, ich rannte. Und dann, wie ich die Nummer wieder hab, ist da auch schon diese Strasse und die Nummer dieser Strasse, denn eine Strasse hat ja immer eine Nummer, weil man sonst das Haus nicht findet!

Ich „gehe“ also und google und sehe, dass dieses Haus immer noch existiert. Alles rundherum hat sich komplett verändert. Siedlungen sind aus dem Boden geschossen. Der Bären ist weg. Doch, vielleicht, weil es schon damals eine Abstellhalde war, das Grundstück, hat man diesen kleinen Abschnitt von vielleicht zwanzig Meter vergessen den Änderungen der Zeit anzupassen!? Das nennt sich stiefmütterliche Behandlung!

Unten, zur Strasse hin, sind noch mehr rumstehende Zementsäcke dazugekommen. Nebenan, wo noch das alte Gartentürchen quietscht, türmen sich Pneus. Und die alte Karre, aus der ölig der Auspuff tropfte, ist noch immer da, hat nur die Farbe gewechselt. Die Fassade des Häuschens selbst ist noch fader geworden, ausgebleicht die Läden, dünn wie Eis das Küchenfensterchen. Und der Eingang- kann das sein?-  mit frischem, noch hellem Holz verputzt? Aber warum, wieso? Was tut sich da?! Das sind immerhin zwanzig Meter, direkt auf den Gehsteig und die schon damals befahrene Strasse hinaus, ein Häuschen zwischendrin, vergessen. Aber die Vorderfront ist durch den Garten, der schon damals niemandem „gehörte“, fast zugewachsen.

Fünfundzwanzig Jahre frei wuchernde Hecken, Ginster, Johannisbeeren, Himbeeren; nicht zur Nummer 50 zugehörend…besitzlos?! Dabei gehörte nicht das ganze Grundstück der Nummer 50, damals? Wenn ich mich recht besinnte, nutzte der alte Inhaber der Nummer 50 diese in den Gehsteig gerammte Lotterbude als Abstellhalde und vermietete bloss die unteresten Böden an den einen und andern armen Lebenskünstler oder Gammler?!

Da! Die Türfalle gibt nach, dunkel und ruckartig, einzigartig! Weil, he! Jede Türfalle hat ja ihr ganz einzigartiges Geräusch?! Und, wie ich die Türfalle niederdrücke, wird es noch heller…. so hell. Wie das Licht am ersten Frühlingsmorgen fallen die Eindrücke über mich herein. Das heisst nein; nicht über mich, denn ich bin ja kein Körper mehr, und will auch keiner mehr sein. Ich nehme die hochtreibenden Blätter nur in Empfang. Sie zwirbeln wie durch einen Trichter von unten nach oben. Aussen nach Innen? Sicher ziehen sie weiter. So, wie wir damals weiterzogen.  Vor fünfundzwanzig Jahren, als sich für mich diese Tür öffnete, und zwar ganz, wirklich! Ich meine: die Tür zu dieser Nummer!

Aber, Herrgottnochmal, irgendwie frage ich mich schon: was habe ich damals für ein Gedächtnis gehabt?! In diesen Sommernachmittagen anno Sechsundneunzig? Hüpfte über das quietschende Gartentürchen, strich durch die Büsche, in denen es fleuchte und krabbelte, barfuss! Den lieben langen Tag. Schlief und war nur halbwach!

Und dann noch er, der mir Beeren gab: 4381932. Wie aus der Pistole geschossen.

Neuerdings hat alles auf einmal den Status des Vergangenen. Seltsam, wo doch die Gegenwart, die dazugehörige, viel zu wenig gewichtete und nichts aus ihr werden konnte (ich sie in keine Form bringen konnte, nie). Fünfundzwanzig Jahre lang dieses Wuchern! Ich weiss nicht, soll ich lachen oder weinen, weil ich-ach du Schreck- jetzt doch so etwas wie eine Erinnerung besitze! Lachen, weil das immerhin etwas ist.

Weinen, weil ich weiss, was das bedeutet, erinnern: Aus diesen Untiefen sucht dich nichts heim, solange du noch im Fluss wohnst, Unterwasser zügig treibst, knospengrün verschlossen… Sowas sucht dich heim, wenn du hinausfällst, die Zeit dich nicht mehr will. Indem zum Beispiel physische Schmerzen dein Gehirn dazu bringen, abzuspringen. Die Gegenwart, das Jetzt, friert,  und stattdessen rückt dir die Vergangenheit zu Leibe… so intensiv, wie eine Halluzination.

Was bleibt mir anderes übrig, als diese Bruchstücke rückwirkend an mich zu pressen! Diese Art von zelullärem Verfall macht sehr sentimental.

4381932.  Fünfundzwanzig Jahre in der Schublade, und dann das! Ich hab nicht mal ein Zahlengehirn!

Und dann, jetzt, habe ich mir einmal all die Strassen mit ihren Strassennummern vorgesagt, an denen ich sonst noch unterkam, nachher. Ihre realen Namen. Ihre grosse, zwischenzeitliche Wirkung. Die dazugehörige Umgebung, Telefonnummern, Infrastruktur usw. Das gelbe Handy, das baden ging, etwa. Es war so schwer, dass es absank!

Die Geräusche der Türen. Mehr die Geräusche, als was schlussendlich dahinter zum Vorschein kam….. Herrgottnochmal! (Vielleicht von den Strassen ein anderes mal.)

Abgestellt fühlte ich mich irgendwie an jedem Ort, in jeder Strasse, hinter jeder Türe. Nicht mal am Hopfenweg habe ich mich dazu entschieden, bewusst: da will ich bleiben!

Aber das ist ja eben der Lauf der Dinge, schätze ich. Dass man erst ankommt, wenn man dazu gezwungen ist. Und da ist es meistens schon zu spät.

Was man verankert: ein Schmerz.

In den zwei Zimmern an der Austrasse 48 würde heute kein Gammler mehr wohnen. Es war schon damals alles feucht.

Aber es war die Abstellhalde, in der ich mich zuhause fühlte. Kurzfristig. Spielt im Rückblick keine Rolle, weil man nicht die Dauer und Frist speichert,

sondern—–

(14.2.2021)

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