Frühe Diaries, 1999, Ryfflihof

18.4.1999

Ryfflihof. Ich bin anwesend. Ein Mensch, eine Verkäuferin, keine Ahnung. Ich habe eine Kartennummer, gehöre wieder der Welt, leiste einen Dienst. Habe ich ein Gesicht? Habe ich Augen? Niemand hat mich gesehen. Soll ich froh darüber sein? Ich bin nichts, weil ich mit dem, was ich bin kein Geld machen kann. Wäre alles nicht schlimm, wenn ich abends müde wäre und in einen tiefen Schlaf fiele, aber mit jeder halb durchgewachten Nacht erscheine ich als Kassaaushilfe brüchiger. Ich weigere mich übrigens, die Supermarkt-internen Birkenstock anzuziehen. Ich hasse diese kastrierenden und sterilisierenden Schuhe nun mal, und warum muss ich, um Parfüm zu verkaufen, einen solch argen asexuellen Pantoffel anziehen? Bin ich nicht selbst schon das, was man asexuell nennt? Zu rein, um körperlich zu sein ….

 

27.4.1999

Ich wähne mich einen faulen Hund, seit ich Artauds Briefe über die Auseinandersetzung mit dem Denken gelesen habe. Ahh, liebe Verkäuferin! Würde sich die Liebe mal wieder erfüllen, eine Woche, zwei Wochen, damit du wieder mal an die Auseinandersetzung mit dem Denken denken kannst. Ich kann weder Adern, noch Drüsen, noch Gletscher oder Gehirngletscher spalten. Trotzdem möchte auch ich das Denken frei schrubben von seinen Inhalten. Und ich möchte einmal die Möglichkeit haben meinem Denken als Fremder zu begegnen. Aber da ist noch was Vordergründigeres: Seit zehn Stunden mit dem Schlitz meines Kleides beschäftigt.

 

Das Bemühen Artauds ist schrecklich. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, zu geniessen. Die Gewalt, mit der er seinen Texten Denken antun will, macht die Einstellung zu diesem Denken unmöglich. Artaud betätigt seinen Geist, ein Geist, der aber nur existiert, weil er sich auf das Fleisch bezieht. Dieser Geist führt mich durch einen abstrakten Surrealismus, immer weiter weg von dem, was man gemeinhin für Literatur hält. Ich würde fast sagen, was Artaud macht ist mehr:

„Die Wörter verfaulen beim unbewussten Ruf des Hirns.“

„Stets ist mir dieser Starrsinn des Geistes aufgefallen, dass er in diesen Dimensionen und Räumen denkt und sich auf unwillkürliche Zustände der Dinge fixiert, um zu denken- dass er in Segmenten, in Kristalloiden denkt, und dass jeder Seinsmodus starr an einem Beginn festhält, dass das Denken nicht in augenblicklicher und ununterbrochener Verbindung mit den Dingen steht, sondern, dass diese Fixierung und dieser Frost, diese Art, die Seele zum Denkmal zu machen, sich sozusagen vor dem Denken ereignet.“

 

Und ich: „Ich möchte ein Buch schreiben, dass die Menschen verwirrt, das wie eine offene Türe ist, und das sie dort hinführt, wo hinauszugehen sie niemals eingewilligt hätten. Eine Tür, die einfach mit der Wirklichkeit verbunden ist.“

 

Oder ist es doch von Artaud?

 

2.Mai 1999

Ah, wie müd ist mein Gehirn, seit ich täglich in der Parfümerie stehe! Ich kämpfe wie eine Himbeere im Einmachglas, doch es wird mir alles egal. Abends bin ich fidel, gebrochen, hungrig, irr, ohne meine Sinne, während ich tagsüber im Raum herumgehe wie ein Clown nach seiner Nummer. Hin und her gehe ich, von einer Ecke zur andern. Vom Armani-Schlupfwinkel zum Saint-Laurant-Ständer. Die Frage nach dem Geld stellt sich erst ernsthaft, wen die Existenz physisch erträglich geworden ist.

Die Frage, wann und ob ich mir einen Sessel anschaffe, einen echten Schreibtisch verliert an Brisanz angesichts der Tatsache, dass diese Existenz, so, in erster Linie für mich nicht erträglich ist. Nein, sich sonnen und Sommerferienplanen unter diesen ungeklärten Umständen: unmöglich. So gesehen drückt mich diese süsse Blase Parfümerie zu Boden mit ihrem Schleier, die Ziegel sind. Wozu sind diese Düfte gut? Zuversicht beginnt, wenn ich heimkomme und sich die Zauberwände über mir schliessen. Ich fühle es genau: Arbeit ist eine Kur, die die Leere wiederherstellt. Ich kämpfe gegen den Stumpfsinn, aber der geschwächte Organismus verliert an Sensibilität. Über weite Strecken meines Bewusstseins bin ich schon Funktions-ähnlich.

 

4.Mai 1999

Ist nicht Weinen eine Art, die Zeit zum Stehen zu bringen? Man schickt ein Skelett unter die wärmende Dusche. Weit weg nehme ich wahr, dass ich Worte zueinanderlege. Aber es ist schwierig. Da, wo ich vibrierte befindet sich die Starrheit von Zimmerpflanzen. Tag, wie eine Waise.

 

  1. Mai 1999

Tränen im Ryfflihof. Sie brach in Tränen aus. Man sah ein Gefühl, ich starrte hin, als wäre es ein heimliches Monstrum. Ihr Gesicht, das derbe Hausfrauengesicht sah kleiner und schrumpfliger aus als sonst. Sie trug um die Augen kein Make-Up, der Schmerz, den ich ihr von meiner Ecke aus ansah, stand ihr gut, machte sie jünger und irgendwie menschlicher. Sie war nicht mehr diese ordinäre Maske, die sich die Verkäuferinnen hier aufsetzen. Sie zerbrach, die Vulgäre, etwas Aufrichtiges und Verzweifeltes brach aus ihr hervor, während die Geräuschekulisse weiter knisterte und brodelte, die Backgroundmusik trällerte, der Sauerstoff über den Belüftungsröhren säuerlich stank, die Weiber mit ihrem umgehängten blauen Stofffetzen weiter verkäuferleten, als wäre alles wie immer. Ich sah noch, wie sie mit der Hand die Augen abdeckte und dann abhuschte. Ich schaute ihr nach, bis ich sie nicht mehr sehen konnte, stand dafür sogar auf meine Zehenspitzen.

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