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Retro: Marbach-Fragmente (aus den Unstillbaren, 2, 2002)

2001/2002 war ich drei Monate lang auf Marbach, weil ich in eine komische Krise geschlittert war: ich liebte meinen Doc und Lebensretter nicht mehr mit dem Körper, ich war auf einmal von ihm getrennt und aus der Ganzheit unserer Verbindung gefallen. Ich konnte gerade bei ihm, bei dem ich einzig Vertrauen und Nähe gefunden, diese Nähe nicht mehr ertragen. Entsetzliche Angst überkam mich, ja, sogar eine Art Verfolgungsangst von Doc, der so überhaupt nicht verstand und mich treuherzig weiterliebte, als geschähe nicht ein unendliches Drama, für mich und ihn.

 

Kurze Beschreibung einiger Anwesenden.

Frau Muhle, Wahrnehmungstherapeutin. Trägt Deux-Pièce und Blouson. Zupft mit der einen Hand an ihrem Krawattenstummel. Wir wollen nicht nur miteinander kommunizieren, sondern auch erfahren, ob das, was wir sagen, dem entspricht, was wir empfinden. Fühlen wir einmal in unseren Körper hinein. Ist uns wohl? Spüren wir, wie unsere Füße auf dem Boden liegen?

Rainers Adamsapfel zuckt, die Augendeckel fallen ihm über die gelbe Iris. Langsam streichelt er mit dem Daumen über das Gehäuse einer Muschel. Rainer bewegt sich sonst gerne. Obwohl ihm auf einer Bergwanderung im tibetischen Hochgebirge zwei Zehen abgefroren sind. Auch im Montblancgebirge hat er sich verheddert. Drei mal musste er sogar von der Rega gerettet werden.

Neben Rainer sitzt Nik. Nik möchte, dass das Leben eine Trance ist oder eine Katharsis. Jedenfalls sollte es nicht hier, sondern anderswo geschehen. Niks Mitteilungsbedürfnis ist enorm. Wie ein lauscher Kater schleicht er tagsüber in den Räumen umher, krallt sich an den jeweiligen Personen fest, überhäuft sie mit zusammenhangslosen Fetzen, rastlos hervor gewürgte Worte. Ich habe Frau Muhle und die andern schon oft ermahnt: Nehmt euch seiner an, sprecht richtig mit ihm! Aber solche Leute sind wie Zoowärter. Ich bin sicher, der labile Drogencrack plant in diesem Augenblick seine Flucht, von der ihn auch Yvette zu seiner Linken nicht abhalten kann.

Yvette, hochgraziler Gothikjunkie. Der seinen trockenen Pinsel in die Luft streckt wie einen Zigarettenhalter. Man sieht das milchige Handgelenk. Die blauen, dicken Pulsadern. Yvette ist selbstbewusst. Sie reinigt sich von Bakterien. Sie kommt erst wieder aus dem Bad, wenn sich von ihren weißen, spröden Spinnenhänden Hautfetzen lösen. Dann geht sie mit den Schrubberdamen ins Seidenmalen.

Wer sind die Schrubberdamen? Sie haben in der Vergangenheit wahrscheinlich gesündigt. Denise ist zudem innige Klatschbase, ein Lästermaul, das sich vor dem Stricken und nach der Panikattacke schuldbewusst die pfirsichgroßen Brillengläser putzt. Nicht nur die Brillengläser, auch die Sichtweise auf andere klaffenden Unebenheiten wird zurecht geputzt. Zum Beispiel erklärt Denise, Kim sei eine ausgezeichnete Strickerin von Eierwärmern. Dabei ist es Denise, die die losen Maschen von Kims Eierwärmern auf die Nadel hoch hebt.

Mittags pendelt Kim barfuß durch den Gang, als wäre sie ein Tintenfisch im Winterschlaf. Spült sie einen Eierwärmer ins Klo hinunter, spürt sie eine gewisse Genugtuung. Beim Mittagessen schiebe ich Kim mein flockiges Kaninchenragout zu. Dann erblüht ihr schweres Gesicht in morbider Leidenschaft.

Aus dem Kassettenrecorder strömen gedämpfte Vogelstimmen. Bea diskutiert mit ihrer Nachbarin über Tinnitus. Ich habe den Eindruck, Bea wäre eine ideale Partie für den Thailandbock. Ich habe mir vom Thailandbock zwei weitere Bettdecken herbringen lassen, weil sie, meine Bettnachbarin, nur bei Minustemperaturen schlafen kann. Der Thailandbock durfte allerdings nicht in den Altbautrakt rein. Er musste die Duvets am Eingang abgeben. Wo sie vom Team eine halbe Stunde lang nach Drogen und Stechmessern abgesucht wurden. Man fand darin frohlockend eine kleine Flasche Sterilium. Der Schmuggel stuft mich auf Stufe 0 zurück.

Peter Streik, Anabolikabulle, den ich noch nicht vorgestellt habe. Streik kann im Malen keine Ruhe finden, also darf er aufstehen und Baumstämme für die Trommelstunde hinein tragen. Als ihm der Schweiss über das Gesicht rinnt, steht er plötzlich neben mir und tut geheimnisvoll. Ob ich ihm ein solches Ding, das ich da ständig mit mir herum tragen würde, den Schokoriegel, schenken könne, es gehe ihm dreckig. Ich will dich ganz sicher nicht belästigen, ruft er, am schlimmsten sind die Weiber in Mexico, die hängen sich dir wie Schmeissfliegen an den Hals, die sind so scharf auf dich, das hält keiner aus! Peter verschlingt den Stengel vor meinen Augen. Dann geht er in den Flur hinaus und fängt an, die Haustüre einzurennen. Immer wieder nimmt er Anlauf und schlägt sein ganzes Gewicht dumpf gegen das Holz. Am liebsten möchte Streik in den Himmel. Am zweit liebsten in den Knast. Streik, nimm dich zusammen! rufen wir im  Chor, doch es nützt nichts. Die Wahrnehmungslady zieht Streik alle Punkte ab.

Es gibt auf dieser Abteilung ein Punktesystem. Wer neu eintritt landet mit null Punkten auf Stufe vier, was bedeutet, dass er all seine guten und konstruktiven Ideen und Gedanken mit den andern teilt. Ein solcher Gedanke ist zum Beispiel: Ich finde es immer wieder interessant, Eisgefrierfach und Kühlschrank auszuräumen, abzutauen, wieder einzuräumen und dann festzustellen, was dabei mit mir passiert. Hat er schlechte Gedanken, gibt es keinen Punkt. Schlechte Gedanken teilt der Neuankömmling nicht mit den andern. Ein solcher wäre zum Beispiel: Ich träume davon, den  Kopf meiner Ehefrau im Eisgefrierfach zu verstauen. Ganz verboten ist der Satz: Ich habe schon mal an Selbstmord gedacht. Es gibt in dieser Abteilung eine Regel. Man arbeitet hart. Man teilt mit seinem Nächsten. Bis auf das Intimgeschäft und den Todesgedanken. Dann steigt man auf.

Mit den Füßen fest auf den Boden treten und die Energie spüren! Frau Muhle kommt zu mir herüber und legt ihre Hand auf mein Bein. Sie ist mit Crème gepflegt, die Fingerbeeren schimmern grünlich. Ich stelle mir Frau Muhles Jugend auf dem winzigen Balkon eines gigantischen Hochhauskomplexes in Ostdeutschland vor. Sie raucht und sinniert, sie geht nicht aus, sie verfolgt große Ziele. Ihr blauer, billiger Kajal unterstreicht das Unterlid nur fahrlässig. Sie haben tatsächlich ein Problem mit der Wahrnehmung, sagt sie. Sie sind zwar fähig, über Wahrnehmungen und Gefühle zu sprechen, ja, es fällt ihnen leicht, uns blumige Auskünfte darüber zu geben, was Sie im Augenblick sehen, was Sie fühlen oder nicht, in Wirklichkeit aber fühlen Sie überhaupt nichts.

Nach dem Mittagessen, das ich Esther breitwillig zugeschoben habe, schlüpfe ich in den Werkraum. Geben Sie mir einen Hammer! Becker, der seine Nachmittagsschicht wie üblich mit lustloser Lässigkeit in Angriff genommen hat, drückt mir Hammer und Spachtel in die Hand. Dann mustert er mich, als wolle er mich vermessen. Als wäre er sich seiner Sache nicht ganz sicher, nimmt er mir den Hammer wieder aus der Hand und ersetzt ihn grinsend durch einen kleineren. Los! sagt er, fangen Sie an!

Ich schlage den Hammer ins Mark des Holzes, in die bronzenen Kreise, die sogenannten Lebensringe.

Immer Mittwoch abends brauchen wir Luft und gehen spazieren. Heute ist alles voller Nebel. Ich fixiere mit den Augen die rotbauschige Skijacke des Studenten für Psychiatriepflege, er will mich nicht am  Rand der Autobahn marschieren lassen. Ich greife seinen Ärmel, der kühl ist und schneeweich. „Das dürfen Sie nicht!“, sagt er, streift meinen Arm ab, und seine blauen Augen kräuseln sich wie Margeritten.  Rainer bindet sich das Halstuch um die Ohren, er hat ein hohles Kreuz und trippelt wie ein Mädchen aus der Sahara. Ich denke an seine vier Zehen. Nik trottet hinter uns her, die Hände in den Hosentaschen. Ich muss pissen.

Wir warten auf der andern Straßenseite beim Logo der Tankstelle auf ihn. Es ist kalt, wir haben anfang Dezember. Rainer zählt die Autokennzeichen auf dem Parkplatz. Was transportieren Sie? schreit er. Ein LKW-Fahrer kurbelt das Fenster hinunter und schreit in breitem, süddeutschen Dialekt zurück: Eierschwämme!

Nik kommt nicht. Wir schauen im Pissoir der Tankstelle nach. Die Tür ist abgeschlossen. Sie einstoßen oder darüber klettern können wir nicht. Wir holen die Tankwärtin. Wir sagen, wir seien von der Universität.

Die Sanität kommt und versucht Nik mit blossen Lippen zu beatmen. Rainer und ich kehren alleine zurück. Weil ich glaube, dass ich jetzt etwas zu Essen gebrauchen könnte, gehe ich in die Cafeteria und bestelle eine Schale Birchermus. Das Birchermus schmeckt komisch, irgendwie nach Plastik.. Ich kaue, schlucke und rotze eine tiefgekühlte Orangensprosse hoch. Dann sehe ich einen Jungen. Er weht durch die Halle wie eine Antilope. An seinen schmalen Unterleib schmiegt sich eine silbrige viskoseartige Trainingshose. Schlaksig stürzt sie die langen Beine hinunter und kringelt sich da, wo die glasigen, mit winzigen, runden Muskeln versehenen Waden anschließen. Hey! Setz dich zu mir und erzähl mir etwas ganz Schlimmes! Ich zeige dramatisch auf meinen Bauch. Immer wenn ich etwas Schlimmes höre, bekomme ich Hunger. Der Junge gluckst. Sein Hals ist wie ein Röhrchen so zierlich, der Kopf darüber herrlich rund wie ein Kürbis. Zuoberst thront ein Turm schwarz gekringelten Schamhaares.

Der Junge setzt sich mir gegenüber und füttert mich mit einer gummigen Ananas. Ich betrachte seine traurigen Augen. Das eine Auge ist etwas kleiner und zerkniffener als das andere. Von der Tränendrüse aus führt eine tiefe, mehrfache Naht und zieht einen Kreis durch die wohlgeformte, pralle Wange. Was hast du da? frage ich und streiche mit der Fingerkuppe über die vernarbte Stelle. Ein geheimnisvolles, maliziöses Lächeln huscht über sein Gesicht. Der Junge greift nach meiner Hand und hält sie in der seinen, die feingliedrig, heiß und dunkel ist. Iss! Du musst essen und ich muss bauen! In Afrika konnte ich nichts bauen. Warum nicht? Psst! Der Junge wispert. Weil es dort überall Löwen hat. Die Kassiererin wirft uns böse Blicke zu. Ich lasse den Löffel sinken. In Chicago habe ich meinen eigenen Löwen und in Afrika besitze ich ein Krokodil. Leider kann ich dort nicht hin.

Ich lasse den Löffel sinken.

Komm, isst jetzt! Plötzlich reißt ihm der Geduldsfaden. Der Junge zerrt mir den Löffel aus der Hand und küsst mich mit seinen großen rotbraunen Lippen auf den Mund.

Nachts um drei stehe ich auf und trete ins Stationszimmer. Becker kauert vor den Tablaren eines riesigen Kühlschranks wie vor einem Altar. Fein säuberlich füllt er eine Flüssigkeit in eine Flasche, klebt eine Etikette drauf und hält sie eine Weile vor sich in die Luft. Als er mich erblickt rollt er die Ärmel seines Kapuzenjäckleins zurück und entblößt sein kunstvolles Tatoo. Ich zittere ein wenig. Alles klar? Ein paar Tränen kullern über meine Wangen. Becker tritt an mich heran und steckt mir ein Fiebermesser in den Mund. Hinter dem zarten Brillenglas kontraktieren seine ironischen Augen wie dunkle Seeigelchen.

Im Bad treffe ich auf Yvette. Yvette, sanftes Diätprodukt, okkultes Model. Die es versteht, ihren Körper nicht nur zu vernichten, sondern auch zu pflegen und schön zu gestalten. Nachdem sie vor einigen Monaten bei einem Meter dreiundsiebzig noch fünfundreißig Kilo wog, führte man eine Sonde durchs Nasenloch in ihren Körper, die übliche Geschichte. Jetzt hat ihren schwarzen Büstenhalter in Seifenwasser eingelegt und will wissen, was ich heute gegessen habe. Sieben Bouillons, zwei Farmerstengel und ein Birchermus, und du? Yvette seufzt. Zweieinhalb Jogurt. Sie dreht sich um und schaut mich mit einem fiebrigen Blick an. Über ihre hohe Stirn fließt spindeldürres Haar, schwarz glänzend wie Kohle. Ihre Gesichtshaut strahlt wie marmoriertes Leinen.

Zurück im Zimmer klappe ich die Pensées auf.

Der Mensch steht zum Beispiel in Zusammenhang mit allem, was er kennt, er braucht Raum, der ihn umfasse, Zeit, um zu dauern, Bewegung, um zu leben, Elemente, die ihn zusammensetzen, Wärme und Speise, um sich zu nähren, Luft, um zu atmen; er sieht das Licht, er fühlt die Körper; kurz, alles gerät in Verbindung mit ihm. Um also den Menschen zu erkennen, muss man wissen, woher er kommt, dass er Luft braucht, um zu bestehen, und um Luft zu erkennen, muss man wissen, woher sie diese Beziehung zum Leben des Menschen hat, usw. Dann schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen erscheint Herrn Gastricks wuchtig weinerlicher Schnurrbart im Türspalt. Der Mann macht mich darauf aufmerksam, dass ich heute Morgen um neun einen Termin in der Funktionsdiagnostik habe. Natürlich ist neun längst vorbei, und Gastrick fordert mich auf, dort unverzüglich zu erscheinen. Plötzlich denke ich an Margrittli, meinen Weckdienst. Margrittlis Augen knistern gutmütig wie zwei helle Kerzendochte über mir. Sein blonder Pferdeschwanz leuchtet. Der Junge hebt ein wenig meine Bettdecke, damit er mich besser versteht. Er ist wie Jonathan aus den Brüdern Löwenherz. Jeden Morgen verlässt er ein geheimnisvolles, intaktes Paradies, um uns mit überschlagendem Eifer zu Höchstleistungen anzuspornen.

Heute ist er nicht gekommen. Wahrscheinlich wartet er immer noch auf Nik, diesen kaltblütigen Fuchs!

Auf dem Rollbett geht’s schnurstracks in den Backofen. Der Backofen dröhnt und rattert und scharwänzelt um meinen Kopf herum. Dann verschnauft er. Dann stürzt er bruchstückhaft und frontal auf meine Stirn zu. Stanzt mir seine idiotischen Hieroglyphen ins Hirn. Nach zehn Minuten streckt die Krankenschwester ihren Kopf in die Röhre und erklärt, dass sich die Arbeit verzögert. Ich glaube nicht ans Hirn, diesen unehrlichen Scheiß, ich glaube an die Seele! Wahrscheinlich finden sie es gar nicht, denke ich und schlucke beklommen meinen Kaugummi runter. Wenn sich die Arbeit an meinem Hirn verzögert, weil sie es nicht finden, überlege ich, dann komme ich vielleicht ungeschoren um den Großeinkauf herum.

Zehn Kilo Nudeln, zehn Knochenschinkli, Butter, Schlagrahm, Mayonnaise … Die Krankenschwester legt mir sanft die Hand auf den Arm. Bleiben Sie ganz ruhig, sagt sie, schließen Sie einfach die Augen und träumen Sie …!

Früher, wenn ich nicht schlafen konnte, kramte ich in meinem Hinterkopf, und es erschienen aus der Dunkelheit hell gemeißelte Gesichter wie von Epheben und Meerjungfrauen. Es gab von diesen Erscheinungen weit gegen tausend. Ein aschblondes Mädchen, auf dessen rechter Wange sich eine Gruppe winziger Sommersprossen anhäufte, sein Bruder, ein Knabe mit zergehend samtiger Haut wie jene des kleinen Wassermanns, dessen Oberlippe mit einer Sommersprosse bestickt war, einem winzigen Glückskäferchen.

Manchmal begab ich mich mit den beiden Geschwistern ins rauschende Schilf, hinter dem ein verschwiegener Teich lag. Der Knabe legte sich auf ein dickes Mooskissen und wickelte eine glühende Haarsträhne des Mädchens um seinen schneeweißen Finger. Eine Mücke gesellte sich zur Haarsträhne und stach den Finger mit soviel Lust, dass der Knabe diesen nahm und sich damit über die Wangen, den Mund und auch über die Brustwarze fuhr.

Das Mädchen, welches ein weißes Plüschkleidchen trug und dessen Waden wie Röhrchen in weißen Wollstrümpfen steckten, saß still und andächtig, und in seinem lichtempfindlichen Auge schwebte eine zierliche Pupille wie in einem Salzwasserglas. Es war, wie der Knabe selbst, welcher hinter den samtigen Gliedern ein butterweiches Testosteron besaß, sehr geschwächt.

Sie hatten keine Herkunft oder Berufe, lebten in keinerlei politischen Verhältnissen. Sie mussten auch nicht für einen Lebensunterhalt oder für die Fortpflanzung sorgen, denn kurz bevor es zu solchem hätte kommen können, war ich immer eingeschlafen.

Gut, früher, als ich besonders lange nicht schlafen konnte, hatte ich einmal darüber nachgedacht, ob er nicht ein  Schauspieler, ein Lyriker oder ein Student der Geologie und Forstwirtschaft werden sollte, und ob ich ihn nicht ein Libretto schreiben lassen müsste. Aber er war ja Legastheniker. (Oder Kakophonetiker.)

Irgendwie war mir das Berufe Suchen und Kleider Überstülpen aber verleidet,  denn Musiker, Ballettänzer, Internatsflüchtige, Magersüchtige, Blondinen, Reiterinnen, Schauspieler, ruhmlos oder mit Knieverletzungen, finnische Mütter mit übergeworfenen Togas, Staubsaugern, Väter mit Privatjets, Geliebten in Paris und vielen Babies, gemütliche Ärzte mit Doppelkinn aus Prag und so weiter, das alles hatte es in meinen vorgängigen Serien schon gegeben. Ich hatte die Figuren nach dem immer gleichen Muster eingesetzt. Lustige und temperamentvolle Gemeinschaften waren es gewesen, die mich beruhigten und mich die Beklemmung vor dem nächsten Schulmorgen vergessen ließen. Früher oder später, jedoch, wurden sie langweilig, ermordeten sich gegenseitig oder trieben schmutzige Spiele, denn sie konnten sich nicht in Selbstaufgabe üben, also entfernte ich sie von der Bildfläche.

Leicht abnormes Alpha-Beta-Gemisch mit steilerem Ablauf …! – Intracranieller Bildartefakt. Der Motor stoppt. Krampfbereitschaft? Entzündliche Prozesse? – Pathologisch irrelevant. Alpha 10 Herz, Grundrhythmus des ruhenden Gehirns, Augen geschlossen. Beta 25 Herz, Sinnesreiz oder geistige Tätigkeit? –  Nicht nennenswert. Deltawellen …?

Plötzlich höre ich eine weibliche und eine männliche Stimme im Gerangel miteinander. Es sind Stimmen, die mit Worten determinieren, mit Worten von der Herkömmlichkeit des Hirns. Die weibliche Stimme wirkt vertrauensvoll und ein wenig aufgeregt, wird dann aber von der ruhigen männlichen, sich im Artikulieren heftig genießenden Stimme zurechtgestutzt und verstummt. Ich warte eine Weile und fange an, zu frösteln. In der Röhre liegt noch einer, der wurde schlichtweg vergessen.

Großeinkauf Christi.

Weihnachten naht. Wir brausen im VW-Bus durch die Ebene. Links und rechts ziehen Wälder, schimmlige Hügel vorbei, an denen Bauernhöfe wie charismatische Weinbergschnecken haften. Der Winter hat erworfen, würde der Bauer sagen. Ein bisschen Death Valley. Neben mir vervollständigt Denise den Einkaufszettel. Rainer sitzt stolz auf dem Beifahrersitz und kontrolliert Bognas Fahrkünste. Bogna ist die Turnlehrerin. Eine kleine, untersetzte Dame mit starkem Gesäß und hysterischem Lachen. Dass sie sich nicht gerne bewegt, überträgt sich auf ihr Verhalten im Straßenverkehr. Es sind die unterschwelligsten Gründe, aus denen heraus sie aufs Gaspedal tritt. Kurz vor einem Kreisel betätigt Bogna den Schaltknüppel, und der alte VW-Bus verfällt in einen widerwilligen Galopp. Ein Bauer mit Zipfelmütze lehnt sich aus seinem Traktor und streckt ihr die Zunge raus.

Verwundert sehe ich Metzgereien, Juweliere, Zoohandlungen und Versicherungen vorbei ziehen. Unter den Weihnachtssternen geht ein speckiger Koch in weißer Schürze. Ein paar Schulkinder versperren einem Betagten den Weg. Der Salzstreuer ärgert sich über einen Hund, der an einem Werbeplakat sein Geschäft verrichtet, (Johannespassion). Dann erscheint der Supermarkt, ein halbmondiger Koloss mit modernen Glasvitrinen, Reisebüro, Fitnesszentrum und Tiefgarage. Unser Wagen verliert die Nerven und zieht eine Bremsspur.

Direkt neben dem Eingang lehnt ein Mann an einem Flaschencontainer und spielt Gitarre. Er ist blind, hat eine Hasenscharte. Ein Kleinkind kauert auf dem Boden und versenkt Kieselsteine in einem Belüftungsschacht. Wenn du jetzt nicht kommst, redet Mami nie wieder ein Wort mit dir! ruft eine Frau und setzt sich einen knallgelben Fahrradhelm auf. Das Kind beginnt zu schreien, worauf der Blinde den Kopf hebt. Es ist mir, als sähe ich in seinen schrumpligen Augen ein fieses Lachen. Fräulein, hier her! ruft ein Pickelgesicht in meine Richtung. Schutzsuchend trete ich hinter den Blinden. Die Mutter packt ihr Kind am Arm, worauf das Kind seine Mutter in die Hand beißt. Spielen Sie doch einen Swing!

Bogna streckt mir einen Einkaufszettel unter die Nase. Fünfundzwanzig Minuten sind vergangen, seit sie aus der Tiefgarage zurückgekehrt ist. Ich möchte, dass Sie die leichteren Sachen übernehmen. Gewürze, Salat und Weihnachtsschmuck, sagt sie monoton. Denise lädt Kartoffeln und Nudeln, Halbrahm und Schinken. Rainer ist zuständig fürs Getränk; Rimus, Milch und Mineralwasser. Ich bin sicher, dass ich euch diese Aufgaben zutrauen kann. Gebt euer Bestes! Bogna watschelt  davon und verschwindet im Warenhauskaffee. Ihr Gesäß raspelt.

Schon nach ein paar Metern verlieren wir Denise aus den Augen. Noch nie haben wir uns in einem Supermarkt so himmlisch gefühlt. Rainer hat in einem Gestell einen Roman von Reinhold Messner zum Discountpreis entdeckt. Das CD-Regal daneben übt auf mich eine magnetische Anziehungskraft aus. Mit zitternden Händen greife ich nach einer Single, Cher, the music‘s no good without you. Rainer hat zuwenig Kleingeld bei sich, ich kann ihm nicht aushelfen. Er klemmt sich das Buch trotzdem unter die Achsel. Wir machen ein paar Schritte, und Rainer erzählt von einer Tour mit Reinhold Messner. Wollen wir ihm nicht einen Seidenstrumpf kaufen? plappere ich. Rainer, ebenso aus dem Häuschen wie ich, sagt etwas, doch ich bin schon untergetaucht. In der Gemüseabteilung.

Die Salatköpfe kommen mir wunderschön vor, ihre tief grünen Blätter faszinierend komprimiert. Daneben die gelben und roten Peperoni übereinander getürmt, makelloser Glanz. Neben mir ist ein alter Mann damit beschäftigt, die Nummer seines wunderschönen Salatbouquets auf der Tastatur der Waage ausfindig zu machen. Ich glaube, dass es ihn anstrengt, also eile ich ihm zu Hilfe. Dann wäge auch ich  meine zehn grünen Prachtsexemplare. Der Alte strahlt. Die Waage spuckt einen numerierten Klebezettel aus. Gegenseitig wünschen wir uns ein frohes Weihnachtsfest. Dann mache ich mich auf zu den  Charcuterieprodukten.

Dort ist der Teufel los. Endlich erspähe ich Denise. Sie lehnt an einem künstlichen Weihnachtsbaum und stützt sich mit dem Ellbogen auf die Nudelpackungen im Einkaufswagen. Offensichtlich fühlt sie sich nicht wohl. Ihre Brille sitzt schief, auf Wangen und Stirn haben sich flüchtige, rote Flecken gebildet. Was ist los? frage ich. Sie tut so, als wäre ich minderwertig. Oder nicht gut genug für sie. Ich habe eine Panikattacke! Wo ist der Notausgang? Ich brauche meinen Notarzt! Ich zögere. Aber Denise! Wir sind hier. Da gibt es keine Notausgänge. Kannst du sie denn nicht ein wenig strecken, deine Panik und ihren Höhepunkt zum Beispiel auf Heiligabend verschieben? Denise wird böse. Der Baum in ihrem Rücken gerät in Schieflage, seine dünnen Äste sind mit Schinken in goldigen Stricknetzchen, mit leuchtenden Halsbändern und Schlipsen vollständig überladen. Komm! sage ich schnell und will Denise wegziehen. Doch das Huhn weigert sich. Zerrt den Einkaufswagen herum und stürzt damit frontal auf den Baum zu.

Während Denise vom Sicherheitspersonal verpäppelt wird, wandert mein Blick über die Eistruhen. Ich habe noch nie einen gefrorenen Hasenrücken gesehen. Auch dem Pferdehuftstück begegne ich zum erstenmal. Das Fleisch vom Hasen wie auch dasjenige vom Pferd sind dunkelgrau, fast von der Farbe der Kuhzunge. Die Kuhzunge ist in einem Plastikbehälter seltsam verdreht und eingequetscht, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass noch der ganze Gaumen dran hängt. Natürlich fasziniert mich die Kuhzunge weit mehr als alles andere, was ich in diesem Eisfach erspähen kann. Ich nehme sie heraus und schnuppere daran. Der Zungenbelag ist mit einem Noppenfilm überzogen und kommt mir intim vor.

Als junges Mädchen musste ich in den Landdienst, wo die Madame eines Mittags eine Kalbszunge in der Pfanne dämpfte. Ich stand regungslos daneben. Ich werde an dieser Zunge nicht essen, fand ich kleinlaut. Die Madame gab sich nicht besonders überrascht. Wie willst denn du einmal deine Kinder ernähren! rief sie aus, und ihr Seitenblick landete despektierlich auf meiner äthiopischen Brust. Ein paar Tage später versuchte die Madame, mich vor die Tür zu setzen. Es wurde leider vom Landdienstverband nicht bewilligt.

Rainer bezahlt. Denise und ich verpacken die Nahrungsmittel in Bananenschachteln. Nach acht Schachteln wissen wir nicht, wie wir sie in die Tiefgarage transportieren sollen. Denise und ich, wir wollen überhaupt nicht in die Tiefgarage, wir überlassen die Arbeit Rainer. Rainer hat sich mit dem restlichen Geld der Haushaltskasse sein Buch über Gipfelbesteigungen gekauft. Denise erzählt es im Warenhauskaffee Bogna. Diese rührt in ihrem Schaum und gibt sich empört: Das wird Rainer auf Null zurückstufen! Denise schluckt, ihre Augen leuchten. Gleich auf Null? Aber er war doch schon im Vier …! Bogna wickelt ein Häuschen Schokolade aus dem Papierchen. Wir sind eine Trainingsplattform. Wer es bei uns nicht schafft, der muss begreifen, dass er es auch draussen nicht schaffen wird.

In diesem Augenblick sehen wir, wie eine Glaskugel an uns vorbei gleitet.

Im Gedränge des Lifts steht Rainer und winkt uns zu. Ich habe ihn noch nie so ausgelassen gesehen. Das wird Rainer seinen Rang kosten, faucht Bogna wieder.

Ein paar Minuten später verlassen wir den Supermarkt schweigsam, als wären wir auf einem Kirchgang.

Neben der Eingangstür erzeugt der Blinde auf seiner Gitarre dieses süße, lässige Hüpfen, dieses verspielte, larmoyante, tänzerische Zetteln und Zehren, diese melancholischen, vor- und zurückschnellenden Pointen; all das, was ich mir immer unter Swing vorgestellt habe!

Zurück, gehe ich schnurstracks auf mein Zimmer. Ich habe keine Lust auf die Trommelgruppe. Auf meinem Bett liegt ein Mülleimer. Ich greife hinein, zücke einen zur Hälfte gegessenen Apfel, eine einzelne Socke und eine schmutzige, fremde Damenbinde. Seltsam, dass eine Frau die Produktion ihrer Eierstöcke nicht einstellt, an einem Ort wie diesem, denke ich und öffne meine Milka-Postkarten-Schachtel. Die Postkarten sind ein Geschenk des Thailandbocks, ursprünglich adressiert an seine sechsundneunzigjährige Tante. Der Thailandbock hat von ihr etliche persönliche Sachen angenommen, nachdem sie vor ein paar Wochen wegen eines verwachsenen Zehennagels ins Spital eingeliefert worden ist.

Meine Lieblingspostkarte zeigt ein Murmeltier. Das Murmeltier hält zwischen seinen lieblichen Pfötchen einen Föhrenzapfen und späht aus einem mit Anemonen überwucherten Felsvorsprung hervor. Die Karte ist mit einer roten, steilen Filzerschrift folgendermassen beschrieben: Das Essen ist gut. Das Wetter spielt mit. Unsere Flitterwochen sollten nie zu Ende gehen!

Auch schön finde ich den Dampfer Kronprinzessin Cecilie im Hafen von Hamburg, Gewitterwolken, romantisch gezackt. Viele Grüße aus …, krakelige, winzige Professorenbuchstaben: … „dem verpissten Europa!

Tiefe Baßklänge lassen mich aufhorchen.

Rainer hat den Teckno so laut aufgedreht, dass unweit der Musikbox die Gläser klirren. Wir haben Küchendienst. Einmal in der Woche muss der Kühlschrank abgetaut werden. Rainer ist trotz seiner Rückstufung bester Laune und schwirrt in der Küche umher wie ein Pascha. Ich werde dich einmal auf den Hogant mitnehmen, schwärmt er und versucht, mit der Gabel eine Kalk- oder Milchspur vom Herd zu kratzen. Wenn ich Musik höre, denke ich, dass ein Mann ein Inneres hat. Ein Gedanke, für den ich tausend Leben haben wollte. Wenn die Musik intensiv wird, wird das Männliche transzendent und ich denke an Gott.

Ich beschäftige mich vor dem Kühlschrank mit zwei verfaulten Salatgurken, welche Gärsaft ablassen. Im Gegensatz zu Rainer, der ein sehr schneller, fast flüchtiger Putzmann ist, arbeite ich eingehend, mit beinahe schleppender Gemächlichkeit. Trotzdem sind wir ein effizientes Team. Was uns, wie die Seifenschale oder die restliche Götterspeise im Wege steht, werfen wir in den Müll. Rainer ärgert sich, dass an den Gewürzdeckeln Konfitüre klebt, sich der Dipp an seinen Fingerbeeren fest setzt. Er streicht sie am Fenstervorhang ab. Dann stoße ich im Brotkorb auf eine Schabe. Die Schabe dreht sich auf den Rücken und zappelt mit den Beinchen in der Luft. Ich richte eine Spraydose auf sie, worauf sie sich erbärmlich krümmt und ihren Hinterleib aufbäumt. Die Schabe verleiht mir das prickelnde Gefühl, ein böser Mensch zu sein. Trotzdem fange auch ich an zu zappeln und zu wimmern. Rainer nervt sich zusehends. Du bist pervertiert. Du hast einfach nicht begriffen, dass in der Welt das Faustrecht herrscht, wie soll ich dich so zum Bergsteigen mitnehmen! sagt er und zerdrückt die Schabe zwischen Daumen- und Zeigefinger.

Mach endlich diese Musik aus!

Rainer und ich gehen beleidigt auseinander. Wir wissen, was auf uns zukommen wird. Gastrick wird sich vor uns aufspielen wie der Weihnachtsmann. Wir hätten den Schmutz nicht entfernt, sondern in alle möglichen Schlupfwinkel verschoben. Er habe Salatblätter unter dem Küchenherd, ein halbes Hähnchen im Abflussrohr entdeckt, wird er sagen. Und er wird wissen wollen, wie das zustande gekommen ist. Ich zucke mit den Schultern.

Ein Kühlschrank hat eine Lebensdauer von zweihundert Jahren. Er ist stärker als der Mensch, sein bloßer Anblick führt es einem vor Augen. Es macht keinen Sinn, Gläser zu schrubben, besonders für Labile, sie denken dabei zunehmend an das Schlechte. Abtrocknen, wie auch, ohne Mutter? Natürlich werde ich Gastrick das nicht sagen.

Schon im Bett, überrascht mich der Assistenzarzt. Er will nicht stören. Es gehe in der Vorweihnachtszeit immer alles ein wenig drunter und drüber. Er werde erst Mitte Januar wieder zurück sein. Daher bitte er mich, ihm bis morgen Abend einen Lebenslauf zu schreiben. Nichts Großes, flüstert er mit einem verschmitzten Grinsen,  … nur ein paar Fakten. – Ach, Herr Doktor, ich habe da ein kleines Problem, sage ich kleinlaut, es geht um mein rechtes Bein, ich glaube es hat kein Blut mehr darin!

Sein Mund nimmt die Form einer weichen, pudrigen Pflaume an. Haben Sie kurz Zeit oder haben Sie gerade etwas vor? fragt er angenehm sanft, mit einem demonstrativen Blick auf seine Uhr.

Wir gehen in sein Arbeitszimmer. Die Liege ist mit einem Seidenpapier bedeckt. Etwas blitzt in der Luft. Der Assistenzarzt nimmt ein Hämmerchen und klopft damit gegen meine Fußsohlen. Dann nimmt er einen Gegenstand, der aussieht wie eine Stimmgabel, zupft ein wenig an meiner Pyjamahose und legt das surrende Ding an meinen nackten Oberschenkel. Ich muss lachen. Wie er sich vorbeugt, sehe ich hinter dem Poloshirt einen zierlichen, ockerfarbenen Brusthof und weiter unten das flauschige Bäuchlein schimmern.

Da ist nichts, sagt der Assistenzarzt, alles in bester Ordnung. – Wirklich nicht? In seinen langsamen grünen Babyaugen erscheint eine heftig flehende Unschuld.

Möchten Sie denn, dass etwas wäre?

Meine Eltern, die kleinbürgerlich, mittelwohlhabend und Eigenbrötler, haben sich nie geküsst. Jedenfalls nicht vor unseren Augen. Zu ihrem kleinen Freundeskreis gehörte ein Paar, das entsprach ganz dem Urbernerischen. Er war Jäger, sie, resolute, sonnige Hausfrau mit großem, schlaffem Busen. Jeweils wurden wir von ihnen zum Rehpfeffer geladen.

Ich überlege. Fahre fort.

Meine Eltern, die keine Vollmilch vertragen, saßen jeweils schweigsam am Tisch und zerteilten minuziös das Fleisch. Sie kamen mir über den Tisch hinweg vor wie Gespenster, Gespenster, die mich vergessen hatten.
         Ich überlege. Fahre fort.

Diese Leute hatten meine Eltern sehr gern. Manchmal zwickte der Jäger meine zartblonde Mutter in den Hintern. Oder die drei Kinder rupften sich an den Haaren, so dass seine Faust krachend auf den Tisch niederfiel.

Ich seufze inbrünstig.

Mein Vater griff meine Mutter beim Schalten im Auto scharf klingend an, wie ein endloser Roboter. Meine Mutter zerrte normalerweise am Hebel, als wolle sie eine Wurzel ausreißen, und der Wagen machte Luftsprünge. Anschließend trat meine Mutter unbemerkt hinter das Stubenfenster und schluchzte in den weißen Vorhang.

Ich strecke mein steifes Bein aus und denke: Der Assistenzarzt ist sexy und ich bin nicht richtig inkarniert.

Meine Mutter kochte nicht gerne, sie füllte die Kaffeetassen auf, mit der Geste einer stummen, angeödeten Göttin. Manchmal glühten ihre Wangen wie Erdbeeren, dann war alles rund um uns schön.

Irgend etwas mit dem zwanzigjährigen Computer stimmt nicht.

Wenn alles erkaltet war, die Milch, der Spinat und der Fisch auf den Tellern, erzählte meine schmollmundige Schwester von der Schule, dass diese etwas ganz Herrliches sei, genauso wie ein Nachmittag im Hallenbad, nur die Turnstunde sei etwas langweilig. Und mein Vater, der ahnte, dass er einmal Präsident des Leichtathletikvereins werden, in dem meine Schwester Spitzensport betreiben würde, nickte.

Ich schlage dem Bildschirm ein paar mal kräftig auf die Haube. Schreibe noch schnell den letzten Satz:

Ich fühlte mich zu Hause wohl.

Dann stürzt er ab.

Am nächsten Tag erwache ich spät. Kurz und heftig juckt es zwischen meinen Beinen. Ich verdamme die Menschheit. Nur zur Hälfte in der Hose, sause ich zum Stationszimmer, wo das Bitte nicht Stören – Schild  prangt. Ich habe Scheidenpilz! schreie ich. Das ist Ihr Scheidenpilz! Den haben Sie zu verantworten! Sie haben diesen Pilz auf dem Gewissen! Alle knacken Erdnüsse. Starren mich an. Unmündig wie Erdnüsse.

Zehn Minuten später werden Becker und ich von einem Fahrer der Anstalt im VW-Bus in die Stadt gefahren. Eisiger Regen flirrt durch die Straßen, auf denen  Menschen in außergewöhnlicher Hysterie durcheinander laufen. Auch ein Demonstrationszug bewegt sich voran. Wutentbrannte Parolen werden von einem jungen Mädchen ins Mikrofon gerufen und von den Mitläufern im Demonstrationszug dreimal nach geschrien.

Der Warteraum der Frauenklinik ist vergammelt wie eine Bahnhofstoilette. Becker setzt sich auf einen Hocker und nimmt ein Modeheft zur Hand. Stotternd starre ich ihn an. Hänge an seinen Lippen, seiner Stirn, seiner filigranen Modebrille. Er und die Damenzeitschrift. Was für ein betörender Widerspruch.

Die füllige Ärztin im weißem Kittel legt mit der behandschuhten Fingerspitze behutsam meine Schamlippe zurück. Sie hat eine schlimme Bronchitis, und ich befürchte, dass mir ihre Viren in die Scheide gelangen und von da in die Lunge aufsteigen könnten. Da ist nichts. Sie können sich wieder anziehen, murmelt sie flüchtig und wirft ihre Handschuhe in den Mülleimer.

Alles in Ordnung? will Becker wissen, als er meine zerknirschte Miene sieht.

Ich bebe. Was ist es? Was haben sie in diesen Illustrierten gesehen?! Becker wirft die Zeitschrift in einen Topf mit Trockenblumen und schaut mich eindringlich an. Sagen Sie, warum sind Sie eigentlich so böse auf mich? Ich setze mich neben Becker auf den Topfrand. Wir schweigen.  Sehen Sie, sagt Becker mit seiner hellen, ätherisch brüchigen Knabenstimme nach einer Weile, eigentlich wäre ich gerne Apotheker geworden, leider habe ich die Matura nicht geschafft. Er seufzt. Ein paar Wochen vor der Abschlussprüfung hatte ich einen Traum. Darin wurde mir mit einem Messer der Kopf abgetrennt. Nach diesem Traum unterließ ich meine Prüfungsvorbereitungen und streunte ziellos durch die Stadt. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, keinen Kopf mehr auf den Schultern zu haben … ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle … Becker schaut mich betroffen an. Auf der Stelle möchte ich ihn berühren.

Zurück von der Stadt schlage ich den Hammer ins Mark des Holzes. Aus dem sich partout keine Trommel erbauen lassen will.

Ich sitze im Eingangsbereich auf meinem orangen Lieblingsstuhl,  direkt neben einer zersplitterten Telefonkabine, spielen ein Greis und ein Transvestit Schach. Es sind schüttere, komische Personen, aber vertrauenswürdig. Hinter ihnen, im sternförmig aufgebrochenen Fenster der Kabine, erscheint ein Junge mit milchigen Pickeln, eisblauen Augen und einer Schmalzlocke über der Stirn. Der Junge stammt aus dem G, der Verbrecheretage, wir haben uns durch die Scheiben schon etliche male stupide Zeichen zukommen lassen. Ich nenne ihn heimlich Baby-Boy. Während wir uns gegenseitig anstarren, löse ich zwei Mandarinenhälften auseinander und schiebe sie mir langsam in den Mund. Der Greis und der Transvestit stehen auf und gehen an die Patientenweihnacht. Die Eingangshalle leert sich. Ich stehe auch auf und trete an die zersplitterte Telefonkabine heran. Babyboy streckt mir die Hand hin. „Wollen wir uns schneiden oder spüren?“, sage ich schnell und sehe dass seine Hand leicht blutet. Ungelenkzugleich drücken wir uns aneinander, seine blutende Hand zwischen unseren Schenkeln eingeklemmt. Als er ungestüm wird, kriege ich auf einmal angst, denn er kommt ja vom G. Schnell mache ich mich davon.

Auf der Abteilung verlässt uns Yvette. Ihre Fingernägel sind schwarz nachgezogen, die seidigen Lippen in violettes Blut getaucht. Die in tiefen Höhlen liegenden Augen mit schwarzen Kajal untermalt. Yvette hat genug. Von den Totengräbern, wie sie sagt. Drei Hierarchiestufen hat sie erfolgreich überwunden, jetzt will sie über Weihnachten wieder einmal richtig Spaß haben und alles Mögliche konsumieren. Draussen vor dem Altbau wartet ein bärtiger Mann auf sie. Yvette umarmt uns im Gang. Ihre langen, glatten Beine stecken in hautengen, mit Silbersternchen verzierten Jeans. Ihr Becken ist feingliedrig, die Gliedmassen ihres Körpers nahezu muskelarm, edel. Nachdem Yvette vor einigen Jahren bei einem Meter dreiundsiebzig noch fünfundreißig Kilo wog, führte man eine Sonde durchs Nasenloch in ihren Körper, die übliche Geschichte. Ich habe mir vorgenommen, im Laufe der Zeit alle meine Kleider der Caritas zu bringen. Deswegen schenke ich Yvette zum Abschied mein pastellfarbenes Flamingokleid. Yvette beugt sich zu mir herunter und wünscht mir alles Gute. Bei Gott, sie ist keine Schabe! Denke ich bei mir. Yvette ist meine Miss!

Es ist bereits Mitternacht. Als mir einfällt, dass ich noch Brot backen muss. Geschwind husche ich durch den dunklen Gang und bleibe ratlos in der Küche stehen. Bea hat mich anfangs im Brotbacken instruiert. Also nehme ich die größte Schüssel, die ich finden kann, leere ein Kilo Mehl hinein und vermische Hefe und Milch zu einem schleimigen Brei. Auf einmal spüre ich etwas Weiches hinter mir. Es ist so weich und nachgiebig, dass es sich unter Umständen auflösen könnte, es ist gleichfalls etwas Kompaktes und Integeres in diesem Weichen, denke ich erstarrend. Margrittli zeigt mir, wie man den Brotteig handhabt. Er findet, ich könne ruhig mehr zupacken. Wir plaudern ein wenig miteinander. Er habe mir noch telefonische Grüße auszurichten. Von einem jungen Mann, der mich morgens besuchen wolle. Der Mann habe am Telefon schnöde bis arrogant und dann wieder fast verschüchtert geklungen. Ich betrachte den Teigklumpen. Das Brot des Karls, den ich seit wir Wohnnachbarn am Steckweg waren, geliebt habe.

Margrittli lächelt. Ich finde, Sie haben es ein wenig mit den Männern, sagt er melancholisch. Mit nackten Augen schaue ich ihn an. Sind Sie da sicher? Wir lachen. Dann sehe ich auf einmal, dass es Margritti nicht gut geht. Ja, in seinem Auge löst sich eine Träne und tropft hinunter auf den Brotteig. Was mit Nik? Frage ich. Margrittli nickt. Sie haben mir gekündigt. Aber Nik wollte sich ja den goldenen Schuss setzen! Flüstere ich. Wie kann man dir soviel Verantwortung übertragen?! Ich bin von hinten an den Psychiatriepfleger heran getreten, habe ihn zu mir umgedreht und umarmt. Das kostet dich viele Punkte. Bereits gestern warst du unabgemeldet nicht an der Patientenweihnacht …

Der Vierundzwanzigste tut eingeschnappt. Dicker, saurer Nebel, von frostigem Regen durchzogen, hängt am Himmel. Ich habe Besuch von K. Ich würde K. nicht einen Verehrer nennen, denn er ist immer sehr unhöflich zu mir. So sehr ich ihn begehre, so kalt behandelt er mich. Jetzt lehnt sich K. an einen Baumstamm und raucht. Seine Kornblumenaugen leuchten in einer Mischung aus Lethargie, Abscheu und Mitgefühl. Wie geht es Dir? Geht so. Ich habe immer noch angst. Angst? Wovor? Angst, wenn ich an Doc denke. Ich glaube, ich bin dort eingesperrt in seinem Herzen. Und warum lässt du dich dann hier einsperren, wenn du schon in Docs Herzen eingesperrt bist? Ich weiss es nicht. Um zu vergessen, dass es Doc gibt. Um nicht jeden Augenblick an ihn denken zu müssen, abhängig von seiner Zuwendung und abgetrennt von seinem Fleisch. Gastrick, der als Aufseher zwei Meter hinter uns geht, wickelt sich ein Hustenbonbon aus einem Papierchen. In diesem Augenblick, in dem ich das Knacken seines Kiefers höre, löst sich ein Tannenzapfen und knallt ihm hinunter auf den Hinterkopf.  Ich muss fürchterlich lachen.  Ich weiß nicht …, sagt K ,  … aber ich glaube, du spielst nur. Mit dir, mit allem und jedem. Es geht im Leben ausschließlich um dich und darum, dass sich die Menschen von dir manipulieren lassen! Du hast einen herzensguten Freund und machst hier allen Männern schöne Augen. Ich drehe mich nach K. um. Sei doch bitte, bitte ein wenig lieb zu mir!

Kim hat ein weißes Tischtuch aufgelegt, Servietten gefaltet. Bea war beim Kerzenziehen. Denise trägt einen Seidenmini. Rainers Skipullover schimmert nostalgisch im goldenen Kerzenlicht. Streik hat man abgeholt. Unter dem erleuchteten Weihnachtsbaum sitzt ein völlig enthemmter Becker und improvisiert mit Dessertgabeln und Schlaghölzern auf Peters pompöser Hinterlassenschaft: eine aus einem Baumstrunk gefertigte Trommel. Ein paar Leute hängen vor dem Fernseher und ziehen sich die Weihnachtsserie Spital der Angst rein.

Ich setze mich zu ihnen und frage einen verhärmten Drogencrack, ob sich seine  Vorlieben in Bezug auf Film und Fernsehen durch die jahrelange Drogensucht verändert haben. Wird jemand, der sich tagtäglich einer ungewöhnlichen Stimmung, seinen Organismus den Spannungen zwischen Extrem- und Normalzustand aussetzt, auf gewisse Filme mit mehr Immunität oder stärkerer Aufnahmebereitschaft reagieren? frage ich. Der Typ legt mir den Arm um die Schulter. An seinem Handgelenk klirren silbrige Armreifen. Langsam fallen ihm die Augendeckel zu.

Am Tisch verstehe ich nicht, warum die Kalte Platte von den meisten gelobt wird. Die ranzigen Fettplätzchen der Salami haften zwischen meinen Zahnspalten, das unglückliche Pöckelfleisch switcht zwischen meinem Gaumen und meiner Speiseröhre auf und ab, als wäre ich ein Widerkäuer. Trotzdem stimme ich mit den andern ein Weihnachtslied an. Eigentlich ist es mir gleichgültig. Dass zwischen Denise und Bea ein Streit entbrennt, in dem es um Kalte Platte contra Älplermakkaronen geht. Wir haben Weihnachten um die Jahrtausendwende und dürfen nicht einmal sagen, dass der Schinken scheiße ist! Egal. Wir lachen und singen. Wir verfluchen Gott und preisen das Leben. Wir preisen nicht, wofür es keinen Ausdruck gibt und was sich vor uns verhüllt, und wir verfluchen nicht, was das unsere ist und was wir kennen. Denn wir stehen im Zusammenhang mit allem, was wir kennen. Was wir kennen ist unser Leben. Wir erkennen nicht alles daran. Aber was wir daran kennen und daher anerkannt haben, damit verbinden wir uns. Womit wir uns verbinden, gibt uns ein Gefühl von Leben. Dass wir uns verbinden, gibt uns ein Gefühl von Leben. Leben gerät in Verbindung mit uns. Wir fühlen die Körper. Wir umfassen die Körper. Wir preisen die Körper. Wir vertäuen die Körper. Wir zerlegen die Körper. Die Körper kennen uns nicht. Wir greifen nach den Sternen. Die Sterne kennen uns nicht. Die Sterne, die kennen wir nicht. Die Körper, die kennen wir nicht. Die Verbindung, die gibt es nicht. Womit wir verbunden sind, das fühlen wir nicht. Was uns nicht verbindet, damit versöhnen wir uns nicht. Sollen wir uns versöhnen mit dem, was uns schmerzt, Angst macht und zu unserer Verlassenheit führt? Sollen wir lieben den Schmerz, die Angst, die Verlassenheit? Warum sind wir bloss hier?

(Hopfenweg, 2002)

(Auch diese Arbeit als Teil des Romans „die Unstillbaren“ gedacht, bleibt eine lose Zusammenwürfelung von Fragmenten. Fragmentarisch gleich unfertig, weil: der ganze Text keinen Überbau hat, keinen Faden. Er besteht komischerweise nur aus äusseren Beschreibungen, dabei handelt er von einer Phase, von der ich niemals vergessen werde, wie ich mich gefühlt habe. Aber dieses Gefühl in einen aussprechbaren Kern od gar in eine Handlung zu verwandeln ist mir damals nicht gelungen. Es war ja so, dass mich die Szenen der äusseren Welt auf Marbach gerettet haben, davor, in meinem Inneren Chaos abzusinken u gänzlich wahnsinnig zu werden. Vielleicht habe ich darum auch konsequent nur diese äusseren Bilder beschrieben, zb. im Gegensatz zu meinem zweiten Aufenthalt auf Marbach zwölf Jahre später. Dieser Aufenthalt hat meinem eigenen Trauma ebenso traumatische äussere Bilder entgegengesetzt, aber ich war nachträglich fähig, mein inneres Drama in die Rahmenhandlung einzubinden (Circulus Vitiosus, Trönencurriculum). Allerdings war da die existentielle Angst resp der Wahn von 2001 schon in etwas Leibhaftig Fassbares gewichen. Und über leibhaftig Fassbares lässt sich natürlich ein Inneres Desaster viel besser symbolisch ableiten. Auch wenn die Symbolik nicht stimmt od stimmen muss. Fragmente, 2001/2002, weil es kein inneres Drama gab? Oder wie könnte ich das beschreiben, wenn ich nochmals mit Marbach 2001/2002 beginnen würde? Nein, der Anlass wäre nicht sichtbar od gross genug….es gibt Wahnsinn, der sich nicht in eine Handlung einbinden lässt, es gibt paradoxe Krisen…)

 

 

 

 

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