p1020819

Retro: Das Geschäft. Für die First Liga bin ich zu sehr Stengel (Fragment 2009)



Vor mir erstreckt sich die Bahnhofstrasse schon recht verlassen und ausgeweidet im blassgelben Licht der Strassenlampen. Unter dem Schutzdach der Zigarren Dürr bleibe ich stehen und lese: „Die spezielle Tabakmischung und das eigens für Davidoff in Ecuador kultivierte, an der Sonne gereifte dunklere Deckblatt geben diesen Cigarren einen charaktervollen Geschmack.“ Dürrs Zigarren sind in perlmuttfarbige Folien verpackt und lehnen an fein geschnitzten Holzschächtelchen.

Auf der andern Seite des Zigarrenladens leuchten die Buchstaben eines Hotels mit dem Namen Schweizerhof. Der Name umschliesst die runde Fassade des Gebäudes wie angegossen, nur der Buchstabe „h“ von der Endsilbe „hof“ hängt recht schief nach unten. Im Untergeschoss des Hotels hat sich eine Bijouterie einquartiert. Ihre Vitrine zeigt eine gänzlich schwarz ausstaffierte Fläche, in deren Mitte sich so etwas wie das Guckloch einer Schiffskabine befindet. Darin sitzt, leicht erhöht und von puristischer Planetenatmosphäre umgeben, ein einzelnes fingerbeerengrosses Juwel. Um die Wirkung solch dekorativer Raffinesse aus der Ferne zu studieren, mache ich einen Schritt zurück, und mein Blick fällt auf einen räudigen Schäfer, der nicht weit von mir die Hausmauer des Goldspechts intensiv beschnuppert. Goldspecht greift nicht etwa zu spirituellen Mitteln, um sein Hochkarätiges darzubieten. Traditionelles Gold hängt über dem Hals von Styroporbüsten, die dem Schmuckstück einen leisen Einschlag von billigem Trash verleihen, was im Übrigen auch dem Hund nicht entgeht. Offensichtlich verlaust, dafür mit einem sensiblen Geruchssinn ausgestattet, trottet er schnell weiter, so, als wolle er sagen: „Schlecht, Goldspecht, schlecht! Ich lüfte mein Bein lieber eine Station weiter vorne, dort bei Louis Vouitton!“ Situation Vouitton: Durch Pappkorsette gestützt, liegen ein, zwei sorgfältig platzierte Herrenhemden in der Schaufensterauslage als wären sie einfach so hingeschleudert, während aus dem Futteral eines Nadelstreifenanzuges etwas im Hintergrund furchtbar obszön eine Wasserlillie empor kriecht. Nun zähle ich auf fünfzehn grosszügige Schritte: Gübelin, Rolex, Omega, Swatch, Lichthof Montblanc, Chopard, Gübelin, la piqûre jaune  …

Die Schmuck- und Edelboutiqen ziehen sich die Bahnhofstrasse entlang bis hinunter zum See. Dazwischen haben sich auch bestandene Billigwarenketten und Trendshops wie Mango oder Tally eingenistet. Das Lollipopgirl ist ein Trendshop für Schulmädchen, und über seine Aussenfassade entrollt sich ein Plakat, das ein junges Mädchen in einem pinkigen Spitzendessous und mit klobigen Westernstiefeln befusst an einer Heugabel lehnend zeigt. Gerade schlägt eine Kirchturmuhr halb Sieben, als dicht vor mir drei dick bepackte Lollypop-Kundinnen den Gehsteig überqueren und eifrig auf eine Art Renaissancepalast zusteuern, das mit prächtigen Säulen geschmückte Modehaus Sacré Coeur.

Die Decke wölbt sich hoch und kreuzrippenartig, leise orientalische Klänge durchspicken die kühle, angenehm drückende Stille. Und wie bei einer kirchlichen Trauung oder Andacht verlangt diese Atmosphäre nun auch von mir palastartiges, zugespitztes Fühlen.

Hoch konzentriert lasse ich meine Blicke zu den schmalen Nischen schweifen, wo Hemden und Röcke kunterbunt und dicht aneinander gepresst liegen wie abgepackte hauchdünne Salami. Mit zittrigen Händen löse ich einige Hängerchen, klemme Jeans vom Bügel und taste ihre Silhouetten ab. Meine Finger streifen sämtliche Seidentops, als wären sie auf einem ziellosen Spaziergang durch den Wind. Der Wind, das ist der Ventilator, die surrende Belüftungsanlage, die das radiergummizarte, schmierfettige Bauchringlein der jungen Verkäuferin im goldumspannten Wandspiegel umschmeichelt wie eine Föhre am Bergsee. Die Schmierfettige, Zarte faltet einen Sweater, als wäre sie in ein tiefes Gebet versunken und wirft ihn dann achtlos auf einen Tisch, auf dem Bikinis, Höschen und Sonnenbrillen einen turmhohen Schnäppchenhaufen bilden, wie Meeresfrüchte auf dem Fischmarkt.

Hier stellt sich vielleicht die Frage, wie Mode überhaupt entsteht, und ich will dabei ganz unten anfangen. Bevor aus der Baumwollfaser ein Faden und also ein Gewebe wird, muss sie aus ihrem Pflanzenstängel gelöst, die Seide von ihrem Kokon abgehaspelt, ihr Schädling mit Insektizid vernichtet werden. Die Baumwolle sieht in gepflücktem Zustand aus wie eine riesige, weiche Schneekugel, in die man sich hinein plumpsen lassen möchte. Indische Bauernfamilien, die diese Kugeln von Hand pflücken, satteln sie auf ihre Köpfe und tragen sie so in die nächstgelegene Fabrik. Zum Verarbeiten, Bleichen, Veredeln, Sanforisieren, mit Natronlauge Glänzen und Strecken, will heissen, mit viel Chemie behandeln! Idealerweise liegt eine solche in einem Dörfchen angesiedelte Fabrik direkt an einem Gewässer. Bevor jetzt allerdings die grossen Modehäuser aus Paris und London ihre Models auf den Laufsteg schicken können, muss der allfällige Trend der Stoffe festgelegt, muss über Zebrastreifen, Katzenpfötchen, wenig Bein oder kalte Linie abgestimmt werden. Erst nachdem die Garne gezwirnt, die Stoffe in fieberhafter Geschwindigkeit entworfen, kann die hauptsächlich in Übersee stattfindende Serienproduktion der Kleider beginnen.

 

Ist Zucker rund, melancholisch oder sanft? Hat er Zimmerwärme, trägt er ein Sonnenhütchen, ist sein Blick lang? Die Confiserie Sprüngli steht kurz vor Ladenschluss, und gerade werde ich Zeuge eines Wortwechsels zwischen einer pressierten Verkäuferin und ihrer aufgeräumten Kundin. „Könnten Sie für mich eine Pralinenmischung nach Palm Springs verschicken?“ – „Selbstverständlich, wie immer übernehmen wir gerne diesen Dienst für Sie, Frau König. Wie Sie wissen, verwenden wir dafür spezielle Thermotaschen.“ Durch die geöffnete Schiebetür kann ich sehen, wie die in weisse Spitze gehüllte wespenhafte Hand der Verkäuferin in die Glasvitrine gleitet. Wie sie lächelt, und ihr Mund dabei mehr oder weniger die starre Form eines winzigen Bauklötzchens behält. „Truffes Cocos, Truffes Baileys, Truffes Cappuccine, Cognac-Stengeli, Ananasspitzli, Vanille Luxembourg oder halt eine Bonbonnière mit Mohnblume. Zwölf achtzig, ja, mit, nicht ohne, zwölf achtzig, habe ich gesagt zwölf sechzig? Diese Nebligen, gefüllt mit Champagner, richtig, nein, schmelzen können die nicht, dafür haben wir ja die Thermotasche, schauen Sie, sehr praktisch. Nicht ansehnlich? Vielleicht nicht gerade ansehnlich. Nicht ansehnlich, finden Sie?! Quark, Rüebli, Bienenstich, Roulade. Mandelkuchen, Baumkuchen, Schokkogugelhupf, klassisch, Himbeertörtli oder halt ein Japonais, mit Regenschirmchen, Säckli à hundert Gramm einundzwanzig achtzig, ohne zweiundzwanzig, das Regenschirmchen ist die Dekoration, richtig, achtzig, habe ich gesagt sechzig?“ Ich habe den Eindruck, dass die Verkäuferin über das ihr auferlegte Sortiment fast zuviel und in der Auskunft daher zu wenig weiss. Die Kundin zumindest scheint mit dem Angebot nicht restlos zufrieden und begibt sich, die Haare in der Farbe der blutigen Aubergine, hinüber zu einem Drehkasten. Darin dämmern die individuellsten und eigensinnigsten Partybrötchen vor sich hin wie in einem modernen, luziden Wolkenkratzer. Jedes Brötchen hat ein eigenes, schwach belichtetes Studio und ist, wie Schneewittchen im Sarg, durch eine isolierende Glaswand vom andern abgeschirmt: Ein rundes Crevettenbrötchen mit Mayonnaisetupfer und vom Durchmesser eines schlanken Flaschenbodens. Ein Lachskanapée auf Meerrettichsauce mit einem einzelnen Zwiebelringchen bedeckt. Ein Sellerievierteltoast mit einem Orangenschnitz sowie, keck, einer einzelnen Haselnuss obendrauf.

Ich verlasse diese wohl bemessene Anlegung einer High Society der Zuckertörtchen und stelle fest, dass die Boutiquen musealer werden. Das letzte Schaufenster zeigt eine Fuchsstola, noch mit Kopf dran sowie eine Pfeifchen aus Elfenbein. Dort zwischen Geschäftshäusern mit goldenen Schlössern, Versicherungen, Banken und Kanzleien, einem Casino das auf mich herabwinkt und einer Crédit Suisse zu diesem hinauf, ziehe ich mir meine Bananenschachtel an der Schnur über den Kopf und stelle sie auf den Boden. Ich bin am reichsten Fleck der Landes angelangt und muss mich kurz ausruhen!

 

„Du sorry, hast du mir nen Stutz?“ Auf einmal werde ich eines wandelnden Skeletts ansichtig. Gerade hat es auf der anderen Strassenseite eine Touristin angesprochen und daraufhin einen kleinen Knicks gemacht. „Willst du nicht die Reichen fragen?“, frage ich und zeige mit einer Kopfbewegung an mir herunter. „Ja, aber die Reichen geben nichts. Darum sind sie ja reich!“, Einen Moment lang bin ich wie baff und merke gar nicht, wie sich das Skelett auf langem Spinnenbeinen davon machen will. Dann entfährt es mir: „Hey, halt! Du, wie macht man das eigentlich, so anhauen?“ Der Junkie schaut mit zwei Stecknadelaugen mit grosser Ehrlichkeit durch mich hindurch. „Weißt du, ich versuche immer über allgemeine Gesprächsthemen einzusteigen. Ich kenne Leute, die stossen die Passanten vor den Kopf und machen sie für jegliches Gefühl unempfindlich, indem sie so Quatsch erzählen wie: ‚Hätten Sie vielleicht eine kleine Unterstützung für mich, für die Notschlafstelle, wissen Sie, ich muss noch nach Basel zu meiner Grossmama fahren, das wäre sehr, sehr lieb, ich habe heute nämlich noch nichts gegessen.’ Das sage ich nie. Kommt eine ältere Dame auf mich zu, spreche ich sie auf das Wetter an“, seine Finger zappeln vor meinen Augen wie schwarze Kaminhütchen, „haben wir Föhn, lange ich mir an den Kopf und frage sie leise: ‚Ach, Madame, haben wir heute vielleicht Biowetter?’ Die älteren Damen sind anfangs immer misstrauisch, dann aber fühlen sie sich geschmeichelt und wollen es nicht zugeben. Schliesslich habe ich sie soweit, dass sie in mir ihren verlorenen Sohn wieder erkennen. Das ist der Moment, wo ich direkt werde: Ich bin süchtig, obdachlos, seit zehn Jahren in Zürich auf der Gasse, ich habe Hepatitis, bin ausgesteuert und Knast erfahren, und was ich mit dem Geld anfange, das Sie mir aus Mitgefühl zustecken, werde ich Ihnen ja wohl nicht auf die Nase binden müssen!“ – „Und  dann machst du einen Knicks?“ – „Mache ich das denn, einen Knicks?“ Eine Weile reden wir noch miteinander. Er hat ein starkes Mitteilungsbedürfnis, alles muss raus. Dass er ursprünglich Taxifahrer gewesen sei, hier in der Stadt, immer in den Wintermonaten, einmal in einen Unfall verwickelt worden sei und da ein Igeljunges überfahren habe. Erneut zieht er ein wenig den Kopf ein, und ich befürchte, dass er wiederum kurz vor einem Knicks steht. „Deiner Meinung nach besteht die Kunst des Anhauens also darin, so zu tun, als wäre man für eine kleine Spende durchaus dankbar, aber keineswegs darauf angewiesen“, resümiere ich, als ich endlich zu Wort komme. „Du verhältst dich ganz leicht und beschwingt und überträgst deine Not und Hilfsbedürftigkeit unbewusst auf die, die du angepöbelt hast, denn diese kommen sich ganz plötzlich missmutig und schuldbewusst vor. Bravo!“

Jenseits der Bahnhofstrasse werden die Shops wieder farbiger, frecher und teilweise ein bisschen schrulliger. Nahezu eine andere Realität! Überall zwischen den gedrungenen Hauseingängen sind schöne, schwarzhaarige Männer mit der Rasur ihrer Lammfleischburgen beschäftigt. Auf dem Gehsteig scharen sich mehrere verhüllte Frauen und Kinder um eine Ansammlung von Kartonschachteln. Gerade kann ich sehen, wie ein Junge einen Tigerslip ergattert und damit vor dem Fressnapf – ’Samstag ab sechzehn Uhr kein Tierverkauf mehr’ –  Faxen mit einer Schaufenster-Echse treibt. Das knallgrüne Tier hat seinen Plattfuss an das Käfigglas geklackst wie einen Plastiksticker, und es dünkt mich, dass es auf gewisse Reize aus dem angrenzenden Hifi-Geschäft mit einem kurzen Zucken der Nackenmuskulatur reagiert: Der entfesselte Hinterbackentanz mokkafarbener, weiblicher Zuchtpferde. Über einem Dutzend prächtiger, lichtdurchfluteter Flachbildschirme. Eben kommt noch eine Limousine hinzu, und dem freskenbemalten Wagen entsteigt der Rapkönig, in der Hand ein silbernes Kännchen mit geronnener Schokolade, wie man sie vom Coupe Dänemark kennt. Ich passiere: ein Solarium, Monas Kosmetikoase – ein Fingernägel-Gerichtshof von einer Tribüne aus sein Urteil ausfeilend – Christie’s  first erotic liga. Das habe ich nicht gewusst, dass die erotischen Betätigungen nun auch in Ligen spielen, denke ich und biege in eine Seitengasse. Wenig später beuge ich mein Gesicht über einen Glaskasten, darin sich die Bildchen von Stripperinnen befinden. Das Licht einer  Strassenlampe fällt auf ihre bleichen, überschminkten Gesichter und beleuchtet ihre grossen, moldawischen Augen. Mich dünkt es, sie von Träumen reden zu hören, durchdrungen von Bildung, harten Schulbänken, kniffligen Studien und gerahmten Diplomen. Ich glaube, den Wunsch nach Ankunft in diesen Augen zu lesen. Wie dunkel es in dieser Gasse ist. Übereinstimmende Willensäusserung! Richtiger Preis! Richtiger Zeitpunkt! Absatzwege! Geht es mir durch den Kopf, die vier goldenen Regeln zum Verkauf, gelernt auf der Handelsschule vor zwölf Jahren! In diesem Augenblick höre ich ein klirrendes Geräusch in meinem Rücken. Ein Ordnungshüter, der eben Christie’s Erotic First Liga verlassen hat, rasselt mit seinen Schlüsselbünden. „Guten Abend, darf ich Sie fragen, was Sie hier machen? Was haben Sie da in Ihrem Bauchladen? Haben Sie eine Verkaufsbewilligung?“ – „Hallo. Ja, nein, die habe ich nicht. Aber in dieser Bananenschachtel befinden sich auch nur Wahrnehmungen, die ich kommuniziert und auf Papier gedruckt habe… es handelt sich so gesehen nicht um eine eigentliche Ware, wenn Sie verstehen, was ich meine. Allenfalls noch um eine Spezie …“ – „Dann betteln Sie, mit anderen Worten?“ Der Polizist schaut mich mit gerunzelter Miene an. „Betteln? Aber nein! Betteln ist Lieben! Nein, ich will meine Texte eintauschen gegen etwas Beliebiges, nämlich Blech … sehr, sehr wenig Blech.“ Ich seufze. „Dann Betteln Sie also doch! Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Betteln verboten ist und Sie sich mit Ihrer Aktion strafbar machen! Bitte ziehen Sie Ihre Bananenschachtel aus!“ Der Polizist zückt eine riesige Taschenlampe und durchleuchtet damit das Innere meines Umhangs, wobei er das Bündel der Papiere konfisziert. Eine Weile lässt er den Strahl seiner Lampe über die Texte gleiten, und ich schäme mich etwas für ihren Inhalt. Ich bin wirklich erleichtert, als er mir die leere Bananenschachtel mit leidlicher Miene zurück um den Hals hängt. „Oke. Ich sehe, dass es sich um keine ketzerischen oder aufwiegelnden Inhalte handelt, weswegen ich für einmal von einer Busse absehe. Wie viel kostet denn das Zeug?“ – „Wie viel möchten Sie denn geben?“ – „Das müssen gewiss Sie bestimmen! Mein Gott…“ Obwohl es dunkel ist, bemerke ich, dass mich der Mann auf einmal von Kopf bis Fuss mustert. „Zwei Franken. Das ist doch nicht zu viel?“ – „Ach, das kann ich mir gerade noch leisten!“ Ich höre ein Lachen. Die Stimme des Uniformierten hat sich verändert. „Vielen Dank.“ – „Schon gut. Aber bitte machen Sie jetzt keine weiteren solchen Dummheiten mehr. Die Schachtel lasse ich Ihnen, denn ich will ja kein Unmensch sein!“ – „Danke, das ist nett von Ihnen.“ – „Keine Ursache. Ach, und übrigens, Sie sollten nicht hier herumlungern …“ Ich spüre, wie mich eine Hand an meiner Jeans berührt. Der Polizist hat mir offenbar seine Visitenkarte in die Gesässtasche gesteckt. „… falls Sie mal ein bisschen höhere Ansprüche haben sollten … für die First Liga sind Sie zu sehr ein Stengel… aber privat lässt sich da was machen. Sie können von einem Kunden durchaus ein wenig mehr verlangen! Sie müssen nur wissen, was Sie von ihm wollen! So, wie Sie jetzt sind, verführen Sie keine Kunden. Sie sind, ich sage es Ihnen gerade heraus, eine mieserable Geschäftsfrau!“ – „Ach so! Ja, danke! Gut zu wissen! Ja, das dacht’ ich mir schon, dass ich nicht gut im Verkaufen bin. Habe eigentlich überhaupt keine Vorstellungen von meinem Kunden und wie er sein müsste, das ist wahr. Stell mir höchstens vor, wie er mein Produkt aus dem Ziehbrunnen zieht. Sowas. Wie er sich das Produkt auf den Kopf setzt und damit den Heimweg einschlägt, wie ein Kopf mit aufgesetztem Wasserkrug. Plötzlich plumpst ihm das Produkt vom Kopf! Haha. Er versucht sein Zerschellen zu verhindern. Er drückt es sich an den Bauch. Haha, nein. Mir ist das egal, ob sich mein Kunde mein Produkt an den Bauch drückt oder nicht, denn so ein Bauch von einem Kunden rutscht mir jetzt den Buckel runter. Jetzt, wo mein Produkt Produkt ist! Zellulose, Füllstoff, Talkum, ein bisschen Leimung! Nun habe ich gelogen! Mein Kunde! Ist ein Lieber, Weicher! Er will gar nicht Kunde sein! Störrischer Esel! Dich so zu widersetzen! Du willst nicht Kunde sein! Widersetze dich nicht bis zur Weissglut! Willst du gefälligst Kunde sein?!“ Ich lache hysterisch. Der Polizist, der schon weiter marschiert ist, dreht er sich noch einmal um. „Oder muss ich Sie doch im Burghölzli anmelden?“ – „Aber nein, nein! Ich zittere bloss, weil ich friere! Meine Jacke ist eindeutig zu dünn! Auf Wiedersehen!“ Ich winke dem Abgänger zu. „Und nochmals vielen Dank! Das reicht noch für einen Kaffee aus dem Automaten!“

An das Barbarella schliessen ein paar einschlägige Dessousläden, das vorübergehend geschlossene Berufsbekleidungsgeschäft Spielmann – Stahlkappenschuhe und Pilotjacken – sowie Balkan Travels (‚Eingang bitte Hinterhof benützen’). Wie einsam und verlassen so ein Sauerkrautbeutel im bonbonpinkigen Licht der nächtlichen Metzgerei! Die metallenen Verriegelungen nackter Schaufensterpuppen, arthritisch glänzend!
Wir sind ein einzig Scheisspack.’ Hat einer mit neongelber Farbe an eine Schulhausmauer gesprayt. Sogar ein Hundekot hat einen Sprayerklecks abbekommen. So ist er nun ein Neonkot, harrend zwischen Bierflaschen und Liegestuhlgebeinen am Fusse eines Kiesdepots. Fast wollte ich sagen, am Fusse des Himalaya!

(das Geschäft, 2004-2010)

(mit der Bananenschachtel in der Bahnhofstrasse Zürich und im Zürcher Niederdorf, die Unstillbaren verkaufen 2004. Aus diesem Verkaufs-Abend entstieg mir das Manuskript „das Geschäft“, ein Text, der mich fast acht Jahre lang am Seil herab liess, er gab nichts her. Hatte Hunderte Seiten und etwa 30 Versionen. Schliesslich gab ich auf und begann mit dem Curriculum, Glaubenssatz 2010. Erst jetzt hab ich all die Versionen vom Geschäft gelöscht. Und dies ist die kleine Ausbeute, zwar eine Mischung aus kurzfristiger Improvisation und langer Fleiss-Beschreibarbeit. Ich las damals Günther Anders „die Antiquiertheit des Menschen“ und wollte anhand eines Marsches durch ganz Zürich eine Waren-Menschen-Angleichung vornehmen …ich bin mir bewusst, dass die improvisierten, v.a gesprochenen Teile und die statisch fixen, fast technischen….jetzt auseinanderklaffen.Nachdem ich lange schlecht schrieb, technisch, hatte ich anfang Dreissig plötzlich den Anspruch, technisch gut zu schreiben. Diese Phase dauerte leider viel zu lang, bis ich endlich wieder frei bin, schlecht zu schreiben, was so viel heisst, wie, wieder zu schreiben, wie ich will, da ich ja jetzt Ich geworden bin, zu meiner Erinnerung resp Erleichterung. Schade trotzdem: all die Stunden, die ich in technisches Schreiben investierte, statt meine Suche nach einem sonnnachmittäglichen relaxten Bumspartner auszuweiten. Fest steht, dass ich in den Jahren, in denen ich nicht litt, weil nichts in ihnen passierte, auf dem Material stehen blieb und es hütete wie ein Geizkragen sein weniges Geld. Ach ja, die Maslow-Bedürfnispyramide und das Geschäftsmodell aus meinem alten Betriebswirtschaftsbuch der Handelsschule habe ich raus genommen. Grundbedürfnisse-Wahlbedürfnisse-Spezieskauf-Gattungskauf and so on.)

 

 

 

 

 

Tags: No tags

2 Responses

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *