M.E. Diary

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(Merkzettel: Marion Jeanne 2015)

Gewusst, dass Peter der Grosse seine Männer Pimmelficker, Pimmelstosser- Rammler-, -Stecher- nannte im vertraulichen Kreis? Ich meine, ich soll mich nicht immer mit meiner Krankheit beschäftigen, sondern langsam daran gewöhnen, dass von mir nichts übrigbleibt, und ich verschwinden werde, so viele andere haben es mir vor gemacht, sogar solche, die zeitlebens Medaillen angehäuft, Länder eingenommen und ihre Frucht zahllos verpflanzten.

Gestern nacht sagte mir der Blick meiner Katze: Lass es gut sein und geh schlafen, für heute hast du alles versucht. Nichts ist dabei herausgekommen, und also was soll’s? Aber ich konnte nicht, denn ich hatte an diesem Tag meinen Kopf verloren, in einem Einkaufszentrum habe ich nicht mehr gewusst, wo ich bin, und in welche Richtung ich gehen muss. Und nun fürchte ich um meinen Kopf und will ihn  gar nicht mehr loslassen und keine Minute mehr hergeben, so, wie ich schon meinen Körper hergegeben habe, obwohl mir meine Glieder noch dran sind, wie ich sehe: meine Arme, Hände, Beine, gleich Attrappen, hängend an einem Fluid von— Bewusstsein …kaputt.

Pimmelficker-, Stosser- Stecher. Sitzen sie also unter dem Kandelaber, wobei der Fürst Gorgori (Gorgorski?) schon liegt unter dem Gelagetisch, weil er sich bereits zu Tode gesoffen hat, und Besprechen die Schwedenlage, und Peter sagt: „Du, Pimmelf… greifst mit deinem Heer von unten an … du Stech … vom Schwarzen Meer her … und du Stöps … vom finnischen Festland!“ usw. Ich meine, ich glaube, es war Peter, der Grosse, der da in diese Sache mit Schweden involiert war und dieses Land eroberte. Oder war es der einäugige Michael? Alexei, der Vampir, Iwan der Schreckliche, der falsche Dimitri oder Nikolai?

Man muss wissen, die Zarendynastie der Romanows hat sich über ganze drei Jahrhunderte erstreckt, und von den 992 Buchseiten „Glanz und Untergang des Zarenreichs“ habe ich nicht alle gelesen; (dafür ist es meistens jetzt zu heiss.) Zar Nikolaus war der letzte Herrschende, ihn und seine Familie nahmen sie gefangen und erschossen sie, wobei seine drei Töchter nicht sofort tot waren, weil die Kugeln in ihren Fischbein-Gestärkten Korsetten hängen blieben. (man schaue, dies ist es, was mir von der Sache blieb!) Und ach ja: der den Auftrag an diesen Mord gab, hielt später im neuen Regime die höchsten Ämter inne und dankte 1970 ab. Kommunismus hiess das, denke ich mal, eine Vision, die wollte, dass alle Menschen gleich sind (?) und für ihre Arbeit gleich entlöhnt werden; ob Beamter oder Putzfrau. Weil alle Arbeit gleich wiegt, wenn sie getan wird, nehme ich an, und weniger, weil der Mensch an sich einen Wert hat und gleich wiegt, habe ich das richtig verstanden? Man korrigiere mich! Ich will noch lernen! Herrgottnochmal!

Und was ab dann alles so passierte, muss ich in der NZZ nachlesen, der Neuen Züricher Zeitung, die ich vorgestern abonniert habe, damit ich mich, jajaja, nicht nur immer mit meiner Krankheit beschäftige, sondern ein wenig in diese Welt hinaus fliege, vom Bett aus, nicht mit dem Flieger, (bin ein einziges mal in meinem Leben geflogen). Denn, wer weiss, vielleicht verlasse ich sie ja bald, indem mir die Krankheit nun scheinbar auch den Kopf raubt, und ich im Einkaufszentrum verblödet dastehe und nicht mehr weiss, muss ich jetzt links an den DOSENBACH SCHUHEN oder rechts am der ZARA BOUTIQUE vorbei entlang, weiter gehen? Aha, es kommt drauf an, wohin ich gehen will? Oder-aha—–

Es hängt davon ab, woher ich gerade komme? Aber woher komme ich und wohin will ich?  Ich weiss es nicht, kann mich in dem Moment ja nicht erinnern! Und starre einfach das grüne Schild der DOSENBACH SCHUHE an, wo ich jahrelang schöne, billige, quatschige Schlarpen gekauft habe, als ich noch MARSCHIERTE und wusste von meinem MARSCH, zb. in die ZARA BOUTIQUe, zu den letzten und ersten aller Modeschreien ( wo ich dann auch Sommerleibchen fand, die soviel wiegten wie eine zarte Feder—

oh völlige, oh füllige Kopfverlorenheit!

Ich verliere mein Bewusstsein, mein letztes zartes Fluidum? Lass gut sein, sagt mir der Blick der Katze, lass los, ziehen! Aber ich will nicht, kralle mich in diesen letzten, greifbaren und zugleich ungreifbarsten „Stoff“, Gehirn (?) ein. Wenn ich jetzt meinen Kopf, die Funktionen meines Gehirn verliere, dann bin ich allein. Und ich will lieber durchmachen denk ich grad und die letzten Bausteine meines Denkens überwachen, denk ich grad, auch wenn ich mich öfters nur noch im Kreis drehe, gedanklich, und tausendmal pleite wäre, wäre eine Firma mein Gehirn respektive umgekehrt mein Gehirn ein Unternehmen—- versteht sich— inflationär—

Meinen Körper habe ich losgelassen (oder ist das ein Bluff?), lang und schlapp hängt er in Gliedern an mir entlang, es sind tote Möbelstücke, Attrappen. Ich brauche auch kein Sommerkleid diesen Sommer aus der BOUTIQUe ZARA, um unter Fältchen begrabene Griffigkeit ein weiteres mal zu testen an MEINER INNEREN MÄNNERWELT. Mit meinem Fleisch, das mich tausendmal getäuscht hat, können ich und du (und wer es auch ist) nichts mehr machen, daran habe ich mich gewöhnt, das ist nicht das Problem—-

Ok., ich hätte gern noch etwas mehr Genuss gehabt (es scheint ich bin keine Kommunistin), rein rechnerisch gesehen, habe ich davon zuwenig in der Tasche. (Kapitalistin?) Ein Skelett mit Ansprüchen! (’schwere M.E.-Patienten haben das Niveau von Aidskranken drei Monate vor dem Tod‘, dies über Jahrzehnte)!: Wollte ich also das Jonglierstück einer „letzten“ Umarmung planen, um daheim in meiner Bahre, den fleischlichen Gott nocheinmal zu empfangen, und ihn um einen fleischlichen Kuss auszupressen, einen Rausch! (siehe Bild weiter oben und doch bei weitem nicht ganz!!) Doch der Kuss blieb in meiner Seele hängen! Und er blähte meine Brust, da waren diese Lippen, die ich aushorchte auf Sätze: KÖNNEN WIR NICHT DOCH VERSCHMELZEN, GELIEBTER, AUF EINEN SPRUNG?-, schon weg—- Gott, la grande Absurdité—-

Und heute denke ich etwas Ernstes und nicht besonders Spassiges, und wenn auch alles, was ich sage ein bisschen Provokation ist, meine ich es ernst: Es gibt für einen Schwerkranken keinen fleischlichen Genuss, denn

ist er denn noch ein Mensch?

Ich meine, die Medaillen, die Länder, die Suffgelage, das Kämpfen, das sich Bestechen, Siegen, sich Abschlecken in Hass und Liebe usw; (verdammte Bordi-Attacke!), all das gehört zum lebenden Menschen, einem Menschen, der gut und gern Neunzig Jahre dieses herrlich absurde materielle Leben lebt-verdammtnochmal —–! geniesst, IN masslossem Umfang —– VERSCHWENDET, ehe er irgendwann,  nach kurz erlittener Krankheit, in vielen Fällen, stirbt.

Vorher aber gibt er noch schnell seine Medaillen ab und vergisst den Ruhm, die Malocherei, für die er gelebt und geschwitzt hat, und die Anerkennung, die er sich erkaufte, bedeutet ihm nichts, aus reiner Natürlichkeit—

—verstehst du, vorher: Er vergisst ALLES!!!

denn er ist aus dem „Reich“ des Menschen gefallen, und die Lebenden vergessen ihn jetzt oder haben ihn, im Falle, dass sein Sterben länger dauert, schon zu Lebzeiten vergessen, ja,

so kurz ist sie, die menschliche Halbwertszeit ….

So what, du hast’s versucht. Sagt mir der Blick der Katze, die hoch oben auf ihrem Barstuhl, ihrem Lehrstuhl, draussen auf dem Balkon unter den Sternen, sitzt, heute nacht. Lass es gut sein, geh schlafen! Ich kenne keinen, der die Gegenwart besitzt. Weil wer sie hat, und jetzt, in diesem Augenblick in ihr drin ist, das Glück besitzt, der weiss es nicht! Und wem sie nicht mehr gehört und wen sie ausgestossen hat und hinabgemurkst in die Hölle, die Hades und seinen Schwestern gehört, der kann im Prinzip von ihr träumen. Miau! Er streckt die Arme aus nach dem Tageslicht, und all das, was er nicht mehr besitzt und noch einmal besitzen möchte, besitzt er, indem er die Gegenwart durchdringt mit seinem Bewusstsein … halbwegs. Bäh.

Pimmelficker.

(14.6.17, Bordi-Text)

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