Für Zwischendurch: Briefe eines jungen Frisörengehirns an den Psy. (2000)

11.3.2000

 Guten Tag Herr Doktor

Gerne erinnere ich Sie daran, dass wir  am 8. 3. einen Termin gehabt hätten. Dieses Datum war vorgestern, und leider konnte ich diesen Termin nicht wahrnehmen. Obwohl Sie immer sagen, dass Sie mich auf meinem Lebensweg, wie er sich vor mir entrollt, unterstützen, haben Sie letztes mal an mir Kritik geübt. Scharfe! Dass ich immer noch keinen Job und keine klaren Berufsaussichten habe respektive konkrete Vorstellungen, wie ich mein Leben zukünftig erwerbe, das war der Kritikpunkt. So sagten Sie mir, wenn auch nicht direkt, aber ganz sicher durch die BLUME, dass es besser ist, wenn ich die Zeit, die ich damit verbringe, Ihnen in prätentiösen Briefen meine launigen Befindlichkeiten zu beschreiben, in Bewerbungen investiere. „Ansonsten verlieren wir hier unsere Zeit!“, sagten Sie, und ich stellte fest, wie Sie einen zerstreuten, fast enteigneten Blick auf ihre dicke, wasserfeste Armbanduhr warfen. ANSONSTEN VERLIEREN WIR HIER UNSERE ZEIT. HERR DOKTOR! Erstensmal: WO verlieren wir unsere Zeit? Und zweitens: Sie wissen doch haargenau, dass ich keine Zeit zu verlieren habe, sondern nur das Leben! Also bitte ich Sie höflichst, nicht von „Wir“ zu sprechen, wenn Sie von sich selbst sprechen, was ich schwer vermute, wenn Sie sagen: „… Ansonsten verlieren wir unsere Zeit!“ Und mit einem so zerstreuten, fast ängstlichen Blick auf Ihre abgedichtete Unterwasseruhr schauen, dass man meinen könnte, Ihre ganze Souveränität und Professionalität, mit der Sie mich provozieren, herauskitzeln, verärgern, aggressiv machen, im gutmütterlichen Versuch, mich durch Therapie am Seil hinab zu lassen, gegen Geld, sei Ihnen plötzlich abhanden gekommen. Herr Doktor, Was haben Sie zu verlieren?

(2000/2017 My beautiful Bordi Youth)

                                                                                             

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