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Für Zwischendurch: Briefe eines jungen Frisörengehirns an den Psychiater (1999)

Bern, den 31. 10. 1999

 

Sehr geehrter Herr Doktor

Von meinen „Erlebnissen“ mit dem Akne-Pillchen Roakkutan will ich Ihnen gar nicht erst erzählen. Es verbrennt mir die Knochen, destilliert mir die Eingeweide. Ein paar Tage lang dauerte mein innerer Konflikt: einnehmen, ein paar Monate tot sein, dafür mit reinem Gesichtsblättchen, mit wiedergewonnenem Ausweis aus diesem Schlammassel hervorgehen oder dort zum Krater werden, zur Kompostapfelsinenhaut, wo die Seele wohnt, die grösste und einzige Verletztlichkeit und Nacktheit; im Gesicht! Leider musste ich das rosarote Pillchen aufgrund schwerster Nebenwirkungen absetzen und aufs Land in mein altes Elternhaus flüchten, um meine Blösse auf unbestimmte Zeit vor der eitlen, glattpolierten, tolpatschturnschuhigen Weltleinwand zu verstecken. Wissen Sie was? Ich habe bisher nur fürs Vergnügen gelebt, für den Zauber und die Verführungskraft, ich kleines, dummes Gänschen, aber jetzt, wo ich kein schönes Gesicht mehr habe, sondern ein verunstaltetes, ein hässliches, vernarbtes, muss ich Freude gewinnen an einem hässlichen, trockenen, pflichtbewussten, tiefgreifend tiefsinnigen, lustlosen, ernsten Leben, aus dem bald, so hoff ich, schon die wahre echte Schönheit hervorgehen wird, die einem keiner ansieht und mit der man allein bleibt, weil man sie im Gesicht nicht sieht.

 

Mit freundlichen Grüssen

J. Stürmchen

 

(1999/2017, the Bordi-Timbre)

 

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