Diary_13.1.2020

Der Tod kommt mir seit 30 Jahren als lebensverhinderndes unlösbares Problem vor. Von dem Augenblick an, als ich ihn erkannte, etwa mit 11 Jahren, war ich

a: daran gehindert, ein effizientes Mitglied dieser Gesellschaft zu werden, b: etwas anderes zu tun, als mich im Kreis der Eskapismusmöglichkeiten zu drehen, c: unfähig meine Ziele in der todlosen Welt zu erreichen, d:—–

Das Hauptproblem: der Tod ist kein Daheim. Also werde ich nie sagen können, dass ich nun heim gehe. Tod ist im Gegenteil für mich das Ereignis, das dann eintreffen wird, wenn sich alles Leben „aus mir vergessen hat“ (jelink-mässig ausgedrückt). Das Daheim ist, wenn es überhaupt eins gibt, in der Kindheit verankert: etwa zwischen dem 2. und 8. Lebensjahr ist man mit der eigenen Mutter noch vereint, ja, jene Mutter, die einen damals rausgedrückt hat, und die sich später greisenmässig vor den Augen ihres Kindes ebenfalls ins Unbegreifliche hinein/hinaus verbröckelt …. diese Mutter deckt den GOTTESERSATZ in den ersten Jahren vollkommen ab. Was für ein Wunder.


Natürlich frage ich mich schwach, warum und wo ich mir im frühen Pubertätsalter eine so hinderlich sinnlose Auffassung von Tod eingefangen habe? Was hätte anders laufen müssen, damit ich den Tod mit dem Paradies verprojeziere? Spätestens mit Zwanzig, als die Myalgische Encephalomyelitis, g.93.3, eine systematisch verkannte Krankheit, bei der man über Jahre bis Jahrzehnte nicht stirbt, aber die Stoffwechselvorgänge soweit reduziert sind, dass man auch das Bett oder Haus nicht verlassen kann, hätte mir eine Vorstellung vom Himmel mit den 10 Engelsjungmännern und einem Gott obendrauf das Gros meiner Probleme doch abgenommen?

Nicht das sinnleere Dasein au Camus, diese schöne herrliche antiquiert zeitlose Wahrheit, ist das Problem. Nein, damit könnte ich gut weitere 50 Jahre streng und gut leben! Die äusseren Absurditäten könnten mir nicht absurd genug sein! Aber mit einer so verlorenen und schäbigen Gesundheit über mehrere Jahrzehnte, wo ich mir gewöhnlich täglich beim Jaulen, Kotzen, Scheissen, Krampfen, Tot-Daliegen und Atmen zusehen kann, wie einem unkenntlichen Gespenst, bräuchte das sinnlose Leben plötzlich eine Kompensation, einen Irrglauben oder Aberglauben, wenigstens!!!!!

Interessant fände ich die Frage, ob ich im 17. Jahrhundert besser gelebt hätte respektive der Gottesglaube damals bei mir noch sowas wie konstitutiv (kann man das Wort in dem Zusammenhang verwenden?) gewesen wäre. Ich bezweifle es und denke, dass der fehlende Gottesglaube bei mir eine Affinität ist, die vom Nirgendwoher kommt. Wahrscheinlich wäre ich bereits Agnostikerin gewesen, als man die Erde noch für eine Scheibe hielt respektive die grösste und einzige aller Sonnen! Ich stelle mir vor, dass eine von der Vorsehung mit Ungläubigkeit geschlagene, vor allem arme Frau im Barockzeitalter sehr sehr schnell verreckt sein muss….

Glaube und Modernität lässt sich aber durchaus verbinden. So wie ich das sehe, gibt es zahlreiche moderne Menschen, denen irgendwas einfällt, an das sie glauben, sie formieren sich sogar zu GLAUBENSGRUPPEN. EinE irrationale, kindliche Hoffnung oder ein Bruch im logischen Denken lässt sogar sehr rationale Menschen offenbar durch die quälendsten und entwürdigsten Situationen des Lebens hindurchgehen …. okay, der Rest pfeift auf ontologische und letzte Fragen …aber: WIE STERBEN DIE?
my God. (sie werden schon tot sein müssen und aus sich selbst vergessen, um sterben zu können aus dem Leben hinaus!!)

Ich denke eine dumme Verquickung von unvorbereiteter Naivität und Unschuld gepaart mit destruktivem Nihilismus macht bei mir das Unvermögen und Unmögliche aus. Hat nicht Doktor Soundso zu Effi Briest gesagt als sie zu kränkeln begann: „Und bitte keine schwere Lektüre! Nur Reisebeschreibungen!“ Er hatte natürlich recht! So zerbrechliche, zarte, genussreiche, nur für sinnliche Erfahrungen vorgesehene Federn-Kind-Frauen wie Effi und ich sollten niemals mit Nachdenken und Daseinsforschen in Berührung kommen!!!!

Ich hab den kalten Mond angesehen, und das zog mich dann in diese obsessive Sache hinein! Es liegt vielleicht an der unbeschreiblichen Lebens- und Emotionalskälte eines näheren Umfelds, dass man den Tod als Bedrohung verinnerlicht. Umarmungen zwischen den eigenen Erzeugern, nur Stumpfsinnigkeiten und Absurditäten und schlechte Lehrer in der Schule … keine Zungenküsse oder Händchenhalten in den wichtigsten ersten Liebesjahren zwischen 10 u 18, keine Vorbilder, die einem das Leben auf eine eigene, packende, magnetische Weise vorgespielten hätten ….

In den ersten zehn Jahren muss die Liebe stärker sein als der Tod, der Spass grösser als das Befremden, die Lust und Neugierde stärker als die Angst und der Schmerz …. Und doch ist das immer noch keine Erklärung Thanatosphobie —

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(13.1.2020)

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