3004_übers Prosaschreiben

Wenn man sich einmal des formellen Rahmens zu achten beginnt beim Schreiben, ist es so gut wie nicht mehr möglich, überhaupt erst in einen Schreibfluss zu kommen. Das fängt damit an, dass man bereits jeden Absatz bereits nach zwei Sätzen überarbeitet, umstellt, seziert. Und es ist nicht mehr möglich, kreativ zu sein. Ich kann einen Satz auf hundert verschiedene Arten schreiben. Ich kann in jeden Stil schlüpfen und gefallen dran finden. Nur: ich kann kaum: einen Stil bewusst durchhalten. Als ich am „Glaubenssatz“ schrieb, war ein Problem von mir, dass ich eigentlich gar keinen Stil haben konnte, es war mir suspekt, Sprache zu „lauschen“, während es aus mir sprach. Aber dann entdeckte ich irgendwann nach langer Zeit (Jahre), dass ich durch Manipulation/also Technik einen bloss inneren Ausdruck verstärken kann, und zwar durch Arbeit, die, umgekehrt: den schöpferischen Prozess verkleinert. Das hat mich sehr irritiert. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass ich nicht mein wildes Gefühl übertragen kann in „Literatur“, obschon es nur dieses „wilde Gefühl“ war, das mich überhaupt zum Schreiben drängte. Nur etwas Urtümliches, Persönliches war das.

Nun bin ich ziemlich befangen, wenn es darum geht, ein weiteres mal einen Prosatext zu schreiben. Es müsste wieder der Flow komplett durch mich hindurch schreiben, aber, wie gesagt, Erfahrungen haben mir gezeigt, dass dieser Flow zwar manchmal kleine Juwelen hochwirbelt, gleichzeitig aber verdammt viel Schlamm. Es ist sogar meistens so, dass der Flow in eine Sackgasse führt, dass ich mich komplett verrannte und die Klarheit nicht an den Flow gekoppelt war. Aber im Stau stehen und bei jedem Wort gebremst werden, weil kein Wort fix ist und stimmt, möchte ich auch nicht. Sowas würde zu Nichts mehr führen.

Ich müsste meinen Inhalt während des Schreibens wieder entdecken. Und zwar so stark, dass er mich weg führt vom Labyrinth der tausend Möglichkeiten, wie etwas tönen könnte. Vor allem aber müsste ich versuchen, einfach zu schreiben, wie ein Schüler der vierten Klasse etwa. Die Möglichkeiten, bessere Sätze zu machen, anders zu tönen, dürften mich nicht wieder verführen, denn das war eines der Hauptprobleme beim „Glaubenssatz“. Ich habe keine einzige Stimme imitiert, sondern schwankte hin und her, konnte mich nie entscheiden. Schrieb eine Woche so, einen Monat so. Hatte ich zum Beispiel einen Balzac gelesen, kam es gar nicht gut, wenn ich nachher schrieb, ja, überhaupt, ich habe den Fehler gemacht, dass ich „gute“ Literatur konsumierte, Literatur mit künstlerischer u sprachlicher Qualität. Hätte ich immer nur „schlechte“ Bahnhofsliteratur konsumiert, wäre ich nie in diese Misere geraten. Aber inhaltlich hatte ich kein Interesse an Bahnhofsliteratur, ich fühlte mich gezwungen, an der Sprache zu arbeiten, ohne dass ich weiss, wieso. Denn irgendwann wollte ich nur noch zurück in den Zustand des schreibenden Viertklässlers, wollte wieder klar werden und einfach und die Sprache nur als Hilfsmittel nutzen. Und eigentlich will ich dies noch. Weiss aber nicht, ob ich noch kann.

(7.4.21)

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