3004_Diary___ ich suche den Zwischenraum

Die Dynamik, in der man vorwärts treibt, hat etwas Magnetisches. Dazwischen ist einer damit beschäftigt akute Probleme zu lösen. Ich gebe zu, dass ich ein akutes Problem ums nächste löse, aber niemals- und vielleicht gerade darum- niemals mein chronisches Problem. Habe ich ein akutes Problem gelöst, spüre ich, wie ich wieder in diese eine Richtung (vorwärts) treibe. Und dies, falls es mir mal auffällt, insgesamt: ist dann wohl die Ausrede dafür, dass ich mich nie zum richtigen Zeitpunkt töte.

 

Ich müsste also vielleicht ernsthaft dafür schauen, dass ich endlich aus diesem Bereich „des Akuten“ herauskomme, damit ich ungestört und ruhig mein chronisches Problem einsehen kann. Ich denke aber oder fürchte irgendwie, dass mir das chronische Probelm zur Gewohnheit geworden ist. Und dass ich darum, aus dieser Chronifizierung heraus, nicht handeln kann, im Gegenteil: handlungsunfähig geworden bin. Leider glaube ich, dass die Lust zum Selbstmord unbedingt eine Stimmung braucht, ein Mileu, ein zufälliges Übereintreffen mehrerer Ereignisse, die die Chronik des Gewohnten/Alltäglichen aufbrechen.

 

Das stärkste jener aussegewöhnlichen Ereignisse, das ich in meinem Leben erfuhr, war Angst. Keine akute Angst, wie ein akuter Schmerz (oder eben ein akutes Problem), sondern ein innerer Druck, der das Weiterfühlen/Wahrnehmen meiner physischen Existenz in jeder Minute zur Qual machte, vergleichbar mit einem „Startschuss“ zum Hundertmeterlauf. Nur, dass dieser „Startschuss“ ein fiktiver war, von nirgendwo her kam. Der Hundertmeterlauf, autonom, unabhänging und unkausal zu irgendeinem Geschehen, in meinem eigenen Körper stattfand. Das Gehirn, diese Rassel, Pfeife, Klatsche, trieb den Körper an- Ziel—- auch ein Vorwärts! Auch eine Richtung: die Gegenrichtung: Kollaps!!!

Seit ich körperlich ausrangiert bin, habe ich diese externe, wochenlang andauernde Wettkampfsangst nie mehr erlebt. Dieser Druck, Höhepunkt des sinnlos Absurden, der mich mehrmals beinahe zwang, draus zu laufen, scheint sich nicht mehr an die Spitze meines Bewusstseins setzen zu können. Ich weiss auch nicht, warum. Vielleicht, weil die Schlacht verloren ist?

In diesen Ausnahmezuständen war es mir nicht mehr möglich gewesen, aus dem „Akuten“ rauszufinden und durch Ablenkung all die kleinen Zwischenräume zu füllen. Ich war also in der Katastrophe gefangen und gezwungen, die Bedrohung durch Selbstmord zu lösen.

Damals (3mal war es) wollte ich das aber nicht, und zwar: weil das physische Leben insgesamt immer noch erträglicher war als die Vorstellung die ich mir vom Tod machte. Und genau dies war wiederum ein Gedanke, der mich in den Wahnsinn trieb!

Heute weiss ich nicht mehr, wie ich 2001 aus der „Geschlossenen“ von Marbach raus gefunden habe. Es kann nur so gewesen sein: dass ich- weil sie mir dort mit meinem „Presslufthammer der Existenzangst“ nicht helfen konnten, eines Tages einfach heim ging. Zusammen mit der Katastrophe, die in mir wütete, muss es eine Stelle gegeben haben in ihr drin, in der ein Moment des Erträglichen, die dauerhafte Angst ablöste. Es muss so gewesen sein; dass ein Moment, in dem es mir möglich war, mich abzulenken vom unerträglichen Zustand, einen weiteren solchen Moment ermöglichte usw. Dazwischen stürzte ich donnernd hinab, aber doch irgendwie erstarkte ich an dieser Erfahrung, dass es immer noch diese Momente gibt, die nicht „akut“ sind. Irgendwann (so nach etwa 8 Monaten) war ich über dem Berg. Dies war der chronische Akutzustand gewesen!!!!

 

Ich bin nun- in der Phase der Chronifizierung und ausserhalb der Jahre des Akuten- nicht mehr im seelischen Pressure-Modus. Sondern im seelischen Tränenmodus. (Allerdings kriege ich vom Weinen dauerhaft Bluthochdruck, denn es ist ja so, dass das Hervorbringen von Trauer/Verzweiflung/Schmerz in Form von Tränenwasser/Schluchzer körperlich „über den Rand“ schwappen muss. Ansonsten kann man nicht weinen respektive das Salzwasser loswerden!

Um dieses Salzwasser loszuwerden, kurz davor: braut sich in meinem Schädel ein enormer Druck zusammen. ME-typischerweise löst er sich nicht nach dem „akuten Ereignis“ des Weinens auf, im Gegenteil er wird noch stärker, bleibt mehrere Stunden bis Tage hocken. (hyperadrenergic POTS?!)

Keine Trauer und keine Verzweiflung hat für mich diese Kraft, mit der mich die Angst, damals, zu handeln zwang.

Die Trauer darüber, dass ich verlassen worden bin macht, dass ich mich meinem Schmerz ausliefere. So, als wollte ich mich unbedingt noch länger (bis zum Exzess) hingeben.

Die Trauer darüber, dass mein Körper futsch, unheilbar futsch ist, ist einer chronischen Wahrnehmung des Unvollkommenen, Verhängnisses gewichen. Ich bin völlig in diesen Zustand hinein verstrickt; er hat nichts Aussergewöhnliches mehr. Die Not, in der ich aufschrie, als ich zum letzten mal an meinem Schreibpult sass, und merkte, dass meine Mitte nervlich und muskulär (?) für immer „einschlief“ (2016) hat sich ausgegossen. Die Stunden, die mich als Liegende aufgefressen haben, sind keine „echte“ Not, sondern irgendwie gewöhnlich.

Aus dem akuten Leben des Lebensdrucks, der Wut und der psychischen Anmassung, wurde das chronische Leben einer fast „normalen“ physischen Kranken. (Schade oder Zufall, dass diese Krankheit einen ebenso „nichtanerkannten“ Ruf hat, wie ich. Aber immerhin: sie hat einen!)

Wir leben so: wir räumen Hindernisse aus dem Weg. Wir treiben weiter in diese eine Richtung, magnetisch. Wir haben eine Begegnung mit dem Unangenehmen; wir schauen es kurz an, paar Sekunden; schon wollen wir wieder weiter getrieben werden, weg davon. Dies ist: als würden wir durch ein riesiges Dampfbad schreiten, ein Lebenlang! Bis wir tot umfallen.

Wir dämpfen uns (fast zu Tode)! Dies müssen wir tun! Es passiert mituns, wir sind wie Kühe ohne Hörner: die akuten Probleme sind unser Weg das Ziel zugleich. Ohne wären wir verloren.

Aber ich möchte langsam ohne sein.

(6.4.21)

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