3004_7_#pwME

In meinem Leben gibt es eine besondere Dialektik:
Obschon ich die Umstände so einrichtete, das sich so gut wie nichts mehr darin ereignet, ist dies für mich immer noch zu intensiv.
Was schliesse ich daraus? Dass ich mein Level (aktuell wieder Bellscore 10 – 15, ca. 23h bettlägerig) gar nicht halten könnte, weil ich die Reize, die ich ausgeräumt habe und das äussere Leben, das ich ausschliesse, mich als innere Reize heimsuchen. So gesehen ist das Pacen für mich kein Heilmittel. Das wenige, dass ich auf Dauer in meiner Zelle wahrnehme, nehme ich verdichtet,vergrössert, verzerrt wahr. Meine Reaktionen auf jegliche Art sinnliche Stimulis sind unverhältnismässig. Ein Leben auf so kleiner Stufe, in so engem Einzugsgebiet, macht den Trichter, durch den die Wahrnehmungen fliessen, ungefiltert, nur noch weiter. Wie könnte das anders sein, so ohne Kontrast? Alles implodiert!  Alles, was fehlt an Ausgleich und Austausch, fliesst in umgekehrter Richtung wieder in einen selbst zurück und übergiesst einen als Reiz von Innen! Man ist undenkbar ungeeignet, eine Krankheit zu verkörpern, die die Abstinenz von Kraft auf allen Ebenen fordert, wenn man gern und intensiv lebt. Nicht nur physisch. Auch emotional und mental, darf man nicht zum Leben erwachen!

Ich erinnere mich, wie ich in der Jugend immer wieder von existentiellem Druck gequält wurde; Gedanken von Vernichtung ohne genaue Form suchten mich heim aus dem Nichts und hämmerten manchmal für Stunden auf meinen Körper ein. Diese sinnlosen Vernichtsungsattcken waren so stark, dass ich manchmal dachte: diese Gedanken werden mich eines Tages töten.

Spätestens als ich körperlich sehr krank wurde, war diese Angst, ich könnte mich selbst mittels gedanklichem Druck, exzessiver Wahrnehmung ums Leben bringen, so gut wie versandet.

Ich sage es nicht gern, denn ich will mich selbst nicht psychopathologisieren. Aber: der Lebensdruck, in den ich als Kind und Jugendliche mit Handikapé, Dyskalkulie und Legasthenie u.a. hineinwuchs, ging mir im Erwachsenenalter in Fleisch und Blut über.

Mit ME habe ich mir eine Krankheit gefasst bei der jegliche Art von extremen Wahrnehmungen/einseitigen Persönlichkeitszügen etc. in die Pflegebedürftigkeit und ins Aus führen kann.
Es ist in meinem Fall sogar eindeutig, dass meine Persönlichkeit es verhindert, dass ich mich jemals physisch stabilisieren kann.

Der Bereich, in dem leben/wahrnehmen nicht weiter zerstört bei schwerer ME ist ist so unerheblich kurz, klein und eng gesetzt, dass es schon fast an Verstümmelung grenzt innerhalb eines solchen Stummels von Möglicheiten verharren zu müssen. Ich auf alle Fälle kann mich von diesem Stummel nicht lumpen lassen. Auch ohne Alkohol, Ausgang, Jobärger usw., was das „gesunde“ Leben alles auf Lager hat, kann ich nicht erstarren, wie es sich gehörte, wollte ich eine Chance auf Verharrung/Stabilisation haben.

Mein Organismus er reisst die Grenzen mit sich fort, selbst dann, wenn ich reglos daliege. Mit anderen Worten: auch, wenn jetzt wieder der Stillstand eingetreten ist in meinem Leben, hält sich in mir nichts an die Sicherheitsvorschriften, die für das Playing-Dead-Syndrom/Myalgische Encephalomyelitis Geltung haben.

Ein Diabetiker darf keinen Zucker essen! Tut er es, läuft er Gefahr, an einem Zuckerschock zu sterben.

Ein Betroffener von Myalgischer Encephalomyelitis darf nicht in Extremen leben/fühlen! Tut er das, läuft er Gefahr, die pathologischen Fehlsteuerungen dauerhaft zu aktivieren, pflegebedürftig zu werden und allenfalls zu sterben.

ICH KÖNNTE SPUCKEN AUF DIESE TATSACHE, SPUCKEN VOR WUT KÖNNTE ICH.

Die Depression, sagt man, ist eine natürliche Schutzvorkehrung bei ME. Sie führt dazu, dass man durch Ohnmacht, Anschiss, Hoffnungslosigkeit, Low-Neurotransmitter etc. den Organismus runterfährt und in Leere daliegt. Ja, aber welche Depression ist das? Die klassische, nehme ich an, bei der die Stimmung und der Selbstbezug flöte geht,
bei der das Gefühl stirbt, diese seltsame klinische Depression, die ich in den Kliniken antraf, und die die Betroffenen mir als Gnome erscheinen liess…..

Ich glaube nicht, dass ich jemals so sterben kann. Meine Depression ist der Tod der ME, denn in ihr spüre ich die seelischen Schmerzen meiner Beschnittenheit durch die ME hundertfach verstärkt. Ich habe eine „gesunde“ Depression, eine Depression, bei der ich literweise weine.

Der letzte Heulgang von ca. drei Stunden an je zwei Abenden hat bei mir direkt zu einem massiven Ausklicken des Immunsystems geführt. Seither brennt meine Haut wieder wie Feuer, die Muskeln werden an den feinsten Verästelungen (Schlüsselbein, Solarplexus) von dauerhaften Geröllawinen in Beschlag genommen, über den Rippenbogen (der sich im Heulgang krampfartig bewegte) liegt ausgegossen und festgetreten: heisser Zement.

Ich denke, ich bin nach wie vor mit etlichen gesunden Ressourcen ausgestattet. Schade nur, dass sie unter einer Krankheit, die an Perfiditie nicht zu überbieten ist,
lebensgefährlich sind.

(18.2.2021)

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