Prosa_Wegweiser

 

Onkel Golo war ein tief gläubiger Mann. Leider hatte er einen sichtbaren Makel: Onkel Golos oberen Schaufelzähne standen soweit vor, dass es ihm nie gelang, den Mund über diesen Zähnen zu schliessen.

Da Onkel Golos Zähne so vorstanden, verharkten sie sich normalerweise wie zwei längliche scharfe Feilen in der wulstigen Unterlippe. Manchmal, wenn Onkel Golo lange angespannt schwieg oder in Sekundenschlaf verfiel, bluteten seine Lippen unter dem Druck der sich eingrabenden Zahnkanten, ohne, dass er etwas davon bemerkte. Zwischen den beiden abgewinkelten, scharf kantigen Schaufelzähnen Golos klaffte zudem eine riesige Lücke.

Ohne den Makel seiner Zähne wäre Onkel Golo zweifellos ein sehr schöner Mann gewesen. Er hatte dichte unzähmbare Locken, tief gebräunte Haut vom vielen Bergsteigen sowie schwarze melancholische Augen, die wild zwinkerten und flunkerten, sobald sich Onkel Golo angesprochen fühlte.

Zumindest wir Kinder fanden Onkel Golo den Lustigsten unter unseren Bekannten. Kein Besuch verging, in dem wir ihn nicht innert fünf Minuten von den Eltern weg lockten, um ihn in unserem Spielzimmer zu frisieren oder ihm ein Kleid aus alten Schirmhäuten oder Zeitungen zu verpassen. Gerne sperrten wir ihn als auch Tier in den Schacht über dem Heizungskeller und fütterten ihn mit selbstgemachtem Grassalten, wobei wir ihn lange genug danach jaulend liessen. Im Gegensatz zu unserem zackigen Vater, war Golo so zahm wie ein Ross, und liess einfach alles mit sich machen.

Wäre da nur nicht das Problem gewesen, dass er immer einschlief! Schwänzelten wir zum Beispiel nach dem Mittagessen gerade mal nicht um Onkel Golos Stuhl herum und verschwanden unsere Eltern in der Küche, fiel sein Gesicht auf einmal vornüber, das Maul brach auf und die Augen klappten zu. Es war schon erstaunlich, dass jemand, der eben gerade noch mit uns um die Wette gigelte von einer Sekunde auf die andere einfach weg war, und dies erst noch im Sitzen an einem Esstisch!

 War man ein Erwachsener lagen einem bei Onkel Golos Anblick vermutlich zwei Fragen auf den Lippen, erstens: Warum liess sich Onkel Golo seine Zähne, die manche für eine Attrappe aus dem Fastnachtladen hielten, nicht richten, zweitens: Aber warum eigentlich war Onkel Golo immer müde?

Am Rande wussten wir, dass Onkel Golo einen seltsamen Beruf, genannt Berufsberater, ausübte, gerne mit Pickel und Steigeisen Bergstieg und so etwas wie ein „Wittwer“ war. Wir selbst hatten Onkel Golos verstorbene Frau, Marielouisa, nie gesehen und kannten ihr Gesicht nur von den Fotos unserer Taufen, von denen eines Marielouisas Gesicht als etwa Zweiundzwanzigjährige Frau zeigt. Auf diesem Foto hat Marielouisa ihre Stirn in unzählige Falten der Rührung und Sorge getaucht und hält ein kleines weisses Bündel im Arm. Offenbar ist ihr nicht bewusst, dass sie fotografiert wird, denn ihr Blick schweift weit über die Kamera hinaus in eine intensive Ferne, die entweder ein Mensch oder die Ferne selbst sein kann.

Mutter erzählte mir einmal, dass Marielouisa am letzten Tag ihres vom Krebs zerstörten jungen Lebens aus einer tagelangen Bewusstlosigkeit aufgewacht und ohne Schmerzen, die sie monatelang aufgezehrt hatten, aus dem Bett gestiegen sei. Bei vollem Bewusstsein habe sie das Zimmer durchquert und kurz aus dem offenen Fenster geschaut. Dann legte sie sich zurück ins Bett und entschlief entrückt, beinahe fröhlich.

Weil Onkel Golo nach Marielouisas Tod ziemlich alleine war, besuchte er uns manchmal in den Bergferien, so auch im Dischmatal. Wir befanden uns dort in einer kleinen Hütte, versteckt im Wald, zuhinterst am senkrechten Hang am Fusse des Scalettahorns und waren nahezu unauffindbar. Doch für Onkel Golo bastelten wir einen Wegweiser aus zwei alten Schuhsohlen, malten sie gelb an und beschrifteten sie mit unseren Namen. Damit Golo uns auch finden konnte, steckten wir den Wegweiser unten am Talausgang auf einem Besenstiel ins Gras.

Als Golo zwei Tage Mitte Juni zu uns stiess, schneite es. Golo hatte den Weg zur Hütte gefunden. Schneemassen tropften von seinem Shirt, seine Beine waren bis unter die Knie in weisse Stülpen gewickelt. Wir jagten Golo aus der Hütte durch das Schneetreiben zum Brunnen, wo wir kaltes Wasser holten, um in der Hütte über dem Feuer ein heisses Bad im Blechzuber für ihn zu machen. Später drehten wir ihm auf der Kuhweide hinter der Hütte Lockenwickler ins nasse Haar, ich an der einen Seite seines Kopfes, meine Schwester an der andern. Während meine Schwester mit dem Aufziehen der Lockenwickler fertig war, als die Junisonne bereits wieder zwischen den Wolken durchdrang, war ich mit Bigoudi-Drehen beim Eindunkeln noch nicht fertig. Golo schlief auf einem Taburett sitzend still und friedlich.

Worin genau Onkel Golos Glaube bestand, darüber verlor Onkel Golo übrigens nie ein Wort. Allerdings fragten wir auch nie danach. Für uns war Onkel Golos Glaubenstiefe die Art, wie er auf uns reagierte und uns immer Hundertprozent das Gefühl gab, wir seien die tollsten Kids, die es gab. Vielleicht hing ja diese Glaubenstiefe, fanden wir, auch irgendwie mit seinen merkwürdigen Attacken des Sekundenschlafs zusammen. Wobei es ja dann doch wir waren, die ihn aus dem Schlaf wieder wach kriegten, was ihn manchmal zu Tränen rührte.

Trotzdem heiratete Onkel Golo nach etwa zehn Jahren dann doch noch. Christine, die ebenfalls tief gläubig war, trug an ihrer Hochzeit einen grauen Hosenanzug zu einer grauen Pagenfrisur und lachte kein einziges mal. Während sich Onkel Golo mit ein paar verhaltenen  Worten für die Heiratsglückwünsche bei uns bedankte, sprach seine Frau keinen einzigen Satz mit uns. Wir waren schliesslich in keinem religiösen Verein!

Etwa in der achten Klasse fuhr mich meine Mutter mal zu Onkel Golos Berufsberatung. Onkel Golo begrüsste mich förmlich und legte kleine Diafotos vor mir aus, die verschiedene Berufstätigkeiten abbildeten. Weder Onkel Golo noch ich schauten uns gegenseitig an. Trotzdem dachte ich über Onkel Golos Zähne nach, statt mich auf die Bilder mit den Berufstätigkeiten zu konzentrieren. Onkel Golos Zähne standen immer noch soweit vor, dass er den Mund darüber nicht schliessen konnte. Trotzdem kamen sie mir irgendwie etwas kleiner vor und nicht so mächtig, wie ich sie in Erinnerung hatte. Oder war das allein die Erinnerung und also die Kindheitssicht, die diese Zähne so mächtig erschienen liess?

Das letzte mal, als wir Onkel Golo sahen, war, als er und Christine uns zum Brunch einluden. Sobald sich alle am Tisch gesetzt hatten falteten Golo und Christine die Hände zum Gebet und forderten uns auf, dasselbe zu tun. Dann schlossen sie die Augen. Meine Eltern, meine Schwester und ich senkten den Kopf, doch als ich seine tonlose, kalte Stimme hörte, fuhr ich wieder auf. „Herr, weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit, halte unsere Herzen rein, segne unsere Tischgemeinschaf und alles, was wir durch Deine große Güte empfangen, durch Christus, unseren Herrn. Amen.“
(22.11.19)

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