Retro_Diary_2016

4.3.2016

Bis zu einem gewissen Grad hatte sie sich die Freiheit gestohlen, ihr Leben selbst zu gestalten. Nun war die Natur dabei, diese Freiheit zurückzuerstatten. Sie hatte (aus guten Gründen?) niemandem geglaubt, aber jetzt, wo es bald zu spät war, glaubte sie sonderbarerweise an sich, und zwar an ihren urchigsten Kern, so, wie sie es als Schulkind hätte tun sollen, aber das war ihr damals ja bekanntlich nicht beigebracht worden, wie man das macht. Es war nun seit Tagen, Wochen, Monaten, vielleicht Jahren sehr still bei ihr. Die Krankheit verlangte, dass sie sich stärker konzentrierte. Worauf sie sich konzentrieren musste, wusste sie nicht. Sie war sehr, sehr angespannt.

5.3.2016

Ihre Arbeit aber hatte sie jetzt überlebt, und die Essenz ihrer physischen Kraft war in der Arbeit, nirgendwo mehr sonst. Aber die Welt da draussen, in die sie sich mit ihrem Buch hatte einschleusen wollen, war ihr nicht mehr wert. So wusste sie niemanden, kein Gremium, dem sie gefallen wollte. Sich in der künstlerischen Arbeit offenbaren und verstecken zugleich; so hatte es ausgesehen, lange Zeit. Doch nun hatte sie ihre eigene Arbeit überlebt, die Essenz ihrer physischen Kraft war nicht mehr bei ihr. Und für das Leben als eine Angelegenheit des Gefallens war es jetzt zu spät. Sie hatte immer das perfekte Timing gewollt: einen künstlerischen und spirituellen Höhepunkt auf dem Höhepunkt ihrer Fruchtbarkeit: eine vollkommenen Moment.

6.3.2016

Die Jungs nebenan machten Party. So müsste man sein, im Rausch, ohne Gedächtnis! Dachte sie. Bei knappem heissschwummrigem Bewusstsein, allein aus  Drüsen und Säften, Stoffwechselsausen bestehen! Hätte nicht die Evolution besser tolle Drüsen ohne Gehirn auf Gummifedern tanzend zur Welt gebracht? Etwas Blindes, ohne Ich-Bewusstsein; ein Käfer, Glückskäfer, der einmal sein durchsichtiges, Gold schimmerndes Pänzerchen lüftete, sich fortpflanzte und versurrte. Wenn aus der Evolution kein Bewusstsein mit Tiefe respektive Weite hervorgeht, sondern eine Art Verschlag, an dem man immer anschlug, wenn man weiter wollte, freier werden wollte; warum hatte die Schöpfung dann nicht einfach beim Gras aufgehört?

21.6.2016

Sie war nun 41 und hatte die eine oder andere Freude: das Intouch oder die Lippenstiftsammlung, die sieh nachts vor dem Badezimmer unter die Lupe nahm. Zwanzig Lippenstifte, die sie einen um den andern in die Hände nahm, öffnete, rauf und runter schraubte, begutachtete und auftrug. Dann sich mit dem Fetisch der farbigen Lippen zurück ins Bett legte, aufstand. Sich den Lippenstift von den Lippen wischte, einen Neuen auftrug …

Was hiess das? Vielleicht war es eine Spur Farbe mit dem sie eine Spiegelscherbe zurück zauberte an ihr verschlungenes, verblühendes Ich, über das sie staunte, weil es noch da war, fühlbar ja, während der Körper, der dieses Ich nie richtig beherbergt hatte, verfaulte und nicht identifiziert werden konnte. Die Krankheit liess sich mit den jetztigen Messmethoden nicht bezeugen, also hiess es unsichtbar und doch mitten in der Gesellschaft: sterben, eine Gesellschaft, die für die Einen mit Wissenschaft eine Medizin bereit stellte, die Leben rettete, während andere Pech hatten. So war die Welt eine gute, für die Einen, eine schlechte für die Andern. Die Menschen gute Menschen für die Einen, schlechte Menschen für die Andern. All das bestimmte nur der Zufall. Oh, wie hatte sie schlechte Laune.

28.3.2016

Wie hoch und einbahnig, eingleisig sie hinaus wollte! Als Zwanzigjährige, als ihr Entschluss, Dichterin zu sein, längst fest stand, mindestens seit dem Dreizehnten Lebensjahr, hatte sie plötzlich die Idee, in kurz aufeinanderfolgenden Phasen, zuerst Schauspielerin und dann- weil sie fand: es gäbe keine Rolle für sie- Opernsängerin, zu werden, haha! Schwach wie ein Hälmchen nach all den langen Schuljahren und obendrauf der zehrenden Sekretärinnenschule, war da diese Idee auf ein Flitzjahr, in dem sie, nebst dem Dichtersein, was feststand, zwei künstlerische Berufe an weiteren Schulen erlernen wollte! Schauspielerin, das war sie ja für sich, heimlich, auch während der ganzen Schulangst, vorne am Lehrerpult, immer schon gewesen. Entgegen all ihres offenkundigen darstellerischen Versagens aus Leistungsdruck, dachte sie: der Schauspieler, das ist nicht der Performancekünstler, der Spieler, der Schau liefert, sondern im Grunde der Introvertierte, Blasse, der nicht unterhaltsam sein kann. Aber obschon sie auf der Bühne „ein Pfrund, mit dem nicht jeder wuchert“, abgab, da man einfach „hinschaue“, egal, wie schlecht oder gut sie etwas mache, driftete sie schnell davon zur Begeisterung für die Gesangskunst, diese viel reinere und schönere als die Schauspielkunst. Lernen, üben, die Tonleiter! Das tiefe und das hohe C! Mit was für einer Begeisterung sie sich in dies hineinwarf. Aber das Vibrato blieb aus! Sie konnte zwar, wie als Neunjährige, „An den Ufern des Mexico Rivers“ rührend singen, aber dabei blieb es auch, weiter reichten ihre physischen Anlagen nicht. Drei Wochen Solfège und sie büchste aus! Überhaupt: Opernaufführungen! Was für Monströsitäten, welch Maskerade, nein danke! So hatte sie also innert Kürze zwei Berufe angeschnitten wie eine rosarote Torte, ohne Realitätsbezug, aus reiner Begeisterung, als sie sich beruhigt und ausgebrannt, 21jährig, wieder dem Schreiben zuwandte. Freilich hatte sie dafür fast ebenso wenig Talent, aber wen störte das? Sie musste sich künstlerisch ausdrücken, soviel war ihr eingeimpft seit Kind, davon konnte sie keinen Millimeter weichen. Erst viele Jahre später dachte sie einmal darüber nach, wie schade es doch eigentlich gewesen war, dass sie keine Lehre als Drogistin gemacht hatte! Wie schön es gewesen wäre, wenn sie einfach nur einen abwechslungsreichen Beruf erlernt und damit etwas Geld verdient hätte. Aber an eine Berufslehre und wie erfüllend es sein konnte, nach einem Arbeitstag nach hause zu kommen mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, dran hatte sie kein einziges mal gedacht.

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