Myalgische Enzephalomyeltis-Diary

Als ich krank wurde, mit 20ig, dachte ich, ich sterbe, doch sie sagten mir die Lüge, dass ich gesund sei und mein Körper halte, immer wieder sagten sie das und lügten mir das Blaue vom Himmel. Also glaubte ich diese Lüge und überlebte die ersten Jahre der Krankheit, im Glauben an die Lüge, ohne gestorben zu sein. Und dann kamen ein paar Jahre, zwischen 25 und 30ig, in denen ich sogar lebte, immer bedroht von Innen heraus, vom Körper, aber doch arbeitete, marschierte, in Austausch trat mit Menschen, live vor ort war, ab und zu. Sicher lebte ich nicht das Leben, das ich gelebt hätte, wenn ich nicht eine defekte Hardware gehabt hätte, auf dem Weg zum Krüppel, doch die Momente… die Augenblicke … die entriss ich mir … entriss stinkfrech … und entkam meinem Krüppel=Körper, wie ein junger Hund, der ausbüchst und in wildem Irrsinn ein paar Kurven dreht im Gras, ehe es ihn überschlägt … doch dann kehrte die Lüge zurück, in meinen Dreissigern, kam hoch, wie eine Kloake, und ich wusste, es ist wieder Sterben angesagt- wie lange, und wieso, wusste ich nicht- „Seien Sie Rambo!“, sagte der Psychiatrie-Assi von der W., „schalten Sie einfach einen Gang hoch auf dem Fahrrad, wenn Ihre Arrythmien einsetzen…“ Und ich wollte Rambo sein, selbstverständlich! Und mit dem Willen alles bewältigen, auch dieses Krüppelarschloch von Körper. Doch diesmal breitete sich der Infarkt aus, funktionierte wie ein Blitzableiter. Ich spürte, wie immer mehr Organsysteme gekappt wurden von ihrem Energietank, ich staunte zu, wie die zelluläre Kraft abgezogen wurde und anstelle partielle Taubheiten und Lähmungen traten, ich war 40ig und lag aufgebahrt in meinem Bett. Ich wollte neue, andere Wege gehen, auch als Krüppel, doch, es gibt keine neuen, anderen Wege bei Myalgischer Enzephalomyeltis, denn es gibt keine Veränderung ohne physischen, mentalen oder emotionalen Einsatz, keine Handlung ohne zelluläre Energie! Fuck, ich konnte nicht glauben, noch bis gestern nicht, dass all meine Körperfunktionen im Zustand des Hibernate, des künstlichen Winterschlafes sind! (was Studien von Naviaux belegen!) Konnte es nicht verstehen, dass ich zu den niedrigsten Lebensfunktionen, wie Daliegen und Atmen gezwungen bin, das auch diese noch Schwerstarbeit sind, dass es aber auf rein physischer Ebene keine Möglichkeit gibt, in irgendeiner Form am Leben noch aktiv teilzunehmen und mich zu bereichern, um dadurch einen Gesundungsprozess einzuleiten oder die Negativität des Todes allenfalls durchzustehen. Kennst du eine Krankheit oder einen Zustand, bei dem jede willentliche konstruktive Intervention tödlich ist? Nein! Ich kenne nur die Programme, auf die wir zurückgreifen, wenn wir in Not sind und der Jetztzustand nicht mehr erträglich: wir lenken uns ab, wir suchen nach Auswegen in der Verwandlung, in einer neuen Form von Aktivität oder Dasein, wir müssen eine Entwicklung durchmachen können, eine Veränderung, das ist das Leben! Playing Dead-Syndrom, wird die M.E. auch genannt. Ich kann nur lachen und schreien gleichzeitig, wenn Psychosomatiker und Psychiater versuchen, einen M.E-Betroffenen mit Verhaltenstherapie zu therapieren, dies nach Jahrzehnten von Beweislast, dass diese Therapien bei einer körperlichen Krankheit schweren Schaden anrichten!- nachwievor- ich finde das: so schäbig, so billig wie Dreck! Irgendwann, dank online, habe ich die Lüge auf gedeckt und bin dahinter auf menschliche Gleichgültigkeit und viele Betroffene, Dahinsiechende gestossen. Auf die Gesetze des Kapitalismus.  Seine Kaltblütigkeit hat mich nun defintiv getroffen, denn ich leide an einer Krankheit, die zu einem Grossteil auch aus versicherungstechnischen Gründen missachtet wird. Der Name Chronic-Fatigue-Syndrom selbst lädt alle Ärzteschaften dazu ein, die schwere neuroimmune Erkrankung Myalgische Enzephaloymelitis G.93 weiterhin zu bagatellisieren und als etwas zwischen „psychisch und organisch“ (also kann es nichts von Belang sein)abzutun. Schauen wir nicht recht hin, die Lüge ist bequemer! Ich bin bei der Wahrheit angekommen, doch die auch ist schwer verdaulich. Manchmal wünsche ich mir jemanden zurück, der mich wieder zwanzig Jahre lang anlügt und sagt: „Du hast nur ein paar psychische Konflikte, die sich auf der Bühne deines Körpers abspielen. Das ist weiter nicht schlimm. Go on!“ Ich würde dann, ziemlich sicher, in den nächsten Tagen bis Wochen eines sogenannten „natürlichen“ Todes wie Herzversagen durch Überschreiten meiner physischen Grenzen sterben. Und die wahre Todesursache würde erst noch schön verschleiert. Welcom to Hades!

(22.6.2016)Naviaux Studie AJ

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