ME_Diary_#pwME

Was soll ich sagen? Myalgische Encephalomyelitis kann ein organisches Muster sein, das jenseits von mir abläuft, Gezeiten, denen ich unterworfen bin und die mich irgendwann verschwinden lassen werden in sich.

Es gibt zwischen zwei und fünf Tage pro Monat, in denen ich den Fluten entkomme. Diese Tage beziehen sich ausschliesslich auf die Tage 20 bis 25 in meinem Zyklus von 28 Tagen, seit 25 Jahren. Vor und nachher gibt es mich nicht, sichtbar. Nicht in der nötigen Sichtbarkeit.

Warum sage ich das? Nicht, weil ich die meiste Zeit in Symptomen ertrinke, sondern, weil es mich so unglaublich dünkt, dass mein weiblicher Monatszyklus mein Leben so akurat definiert und determiniert. Dass ich nicht lebe, sondern die chemischen respektive hormonellen Vorgänge es sind, die leben in mir. Dass ich aber doch seit Jahrzehnten so tun muss, als gäbe es dieses Parallelleben neben mir nicht, so tun, als wäre ich frei und physisch leer und nach oben hin endlos ausbaubar wie eine Maschine.

In mir hat sich offenbar mit der Chronifizierung der ME ein organisch Muster entwickelt. Ein Muster, in dem es sich so starr und einbegrenzt lebt, wie im Innern eines Stahlhelms.Darin vollzieht sich mein Fallen und Steigen, je nach hormoneller Zusammensetzung (was natürlich viel mehr bedeutet, als nur hormonell! Wenn man zb. daran denkt, dass irgendein Ablauf innerhalb dieser Ketten kaputt ist, weil gewisse Hormone, Neurotransmitter etc. fehlen resp. die HPA-Achse im Leerlauf dreht aufgrund ehemaliger Übersensitivisierung usw. usw.usw., kann das Gleichgewicht bereits zusammenbrechen).

In einem organischen Mustergriff (um die Gurgel genommen, von hinten!), gefangen, pünktlich und genau, als wäre ich eine Uhr.

Die Ursache dafür ist ME, die Ursache, dass sich dieses Kunstwerk an organischem Super-Timing entwickeln konnte. Die Prozesse sind so mit dem hormonellen Regelkreis verzahnt, dass ich wirklich sage und schreibe wissen kann: heute, in 22 Tagen kann ich wieder leben! Für einen, einen zweiten,  einen halben dritten Tag!

Und: Heute in 26 Tagen falle ich! Heute in 30 Tagen bin ich wieder da, wo ich heute bin; Unterwasser, verbrühend durch Inflammation bei gleichzeitigem Ausbluten.

Es wird mir das Mark herausgerissen seit 25 Jahren. Diese Vorgänge, die in mir ablaufen und dazu führen, dass ich überhaupt eine Frau bin, biologisch gesehen, fordern meinen Körper offenbar eine unermessliche Kraft. Wie lachhaft. Als ich Fünfunddreissig war überkam mich die Ahnung, dass ich nicht mehr in diesem Zyklus-Rad leben kann, dass meine Kraft, mit diesem Zyklus zuende zu cyclen, nicht bis zum Schluss reicht.

Der Übergang der verdammen prämenstruellen Tage bis zur Auslösung der verdammten Menstruation kurbelt in mir die inflammatorischen Prozesse auf eine gefährliche Art und Weise an. Ich falle tief am Tag 2 und 3, ich falle und falle tiefer zwischen Tag 4 und 8!!! Es ist, als würde mein ganzer Körper ausgewaschen und ausgewechselt in einem Schockvorgang innerhalb dieses Übergangs. Als würde eine tickende, aber lebendige Feuerbombe (Tag 20 bis 28) zu einer formlosen, durchscheinenden, sanft blubbernden Tiefseemeduse (Tag 3 bis 19).

Beispiel am internen Beispiel: das Blut löst sich von der Gebärmutterschleimhaut, tut dies wieder und wieder. Jedesmal (also jede Stunde), wenn sich wieder Blut löst, einige Stunden, bis unmittelbar davor, durchlebe ich die extremsten postneuroimmunen Exhaution-Zustände. Die ganze Pathologie der ME spitzt sich auf einen einzigen solchen Blutstoss hin zu: Schwäche bis zur Paralyse, Übelkeit, die mir den Gedanken an die Zunge im Mund zur Hölle macht, Grippe-Symptome, die bei jeder Bewegung noch zunehmen, ein Verbrühen der unteren Hautschichten… ein Amoklauf des Immunsystems/oder/und der inflammatorischen Prozesse bei gleichzeitigem Abfall auf die Stunde Zero des physischen, emotionalen und mentalen Krafthaushalts.

Ich sage mir, bluten aus meiner Mitte heraus, das ist für mich wie für jemand anderen einen Marathon laufen von 500 Kilometern. Aber ich ahne natürlich, dass es nur ein „organisches Muster“ ist, eben mein Muster, das sich meine ME ausgesucht hat, um mich hinzuhauen, und das sich ergeben hat aus dieser jahrzehntelangen Chronifizierung von Krankheit und krankheitserhaltenden ungünstigen Bedingungen. (und was anderes als eine krankheitserhaltende ungünstige Bedingung ist und war dieser verdammte Zyklus aus elendiger tagelanger Hypermenhorroe, mit keinen künstlichen Pillen zu brechen, ihren Vor- und ihren Nachtagen?!) Trotzdem wird Nicht-Mehr-Bluten keine Lösung sein für mich, die Fehlregulationen haben sich chemisch derart zellulär eingeschrieben, dass ich immer noch im Zyklus gefangen sein werde und bin, selbst, wenn ich mich nun der Prämenopause nähere.

Wenn ich nicht blute, dann wird mich das prämenstruelle Syndrom verbrühen und ich werde wie eine tickende Bombe zerplatzen und innerlich vergiften; implodieren.

Tage und ihre Bedeutungen: Tag 25 bis 30: die Mens kommt nicht, es ist alles aufgestaut, ich verbrühe, ich bin ein Pulverfass voller Gifte! Voller Fehlprozesse! Man sollte mir an diesen Tagen besser nicht mehr begegnen. Auch wenn man diesen Zustand in Bezug auf ME Hyperreagibilität nennt und atypische Neuroleptika dieses ausufernde hypomanische Reagieren auf geringste Reize, diese Adrenalinsurges bremsen sollen. Heisst es. Ich bezweifle das. Wie und wo soll ein Neuroleptika in einem solchen Kartenhaus eingreifen?

Ich bin nur noch Chemie. Nur noch. Resümee übers Leben: Mein Glück fiel mit den Hormonen, es stieg mit den Hormonen. Meine Beziehungen endeten an Tag 27. An Tag 27 gab es Krach.

An Tag 5 erlebte man mich dann wie ein Saugnäpfchen, hautlos und hingegeben, hingerollt zum schnurrenden Kätzchen mit eingezogenen Krällchen, die Tiefseemeduse, die tiefer segeln will in der blutlosen Minusschwäche versinkend, selig hingegeben. Schwäche kann eine selige Empfänglichkeit für Streicheleinheiten lösen, kann ein Rausch sein.

Tag 7 bis 12 waren ganz dem Aufbauen, dem mühseligen Wiederbilden von Hämoglobin und Kraft, von Stamina, Geist, Entschlacken und Entgiften usw. gewidmet. Diese Tage haben mir immer alle Disziplin abverlangt, die ich aufbringen konnte aus dem sich verzähenden Hypometabolismus heraus. Sie waren grau, grau, grau: ich, Sysiphosa, stemmte den Stein.

Tag 15: noch nicht über dem Berg, aber die Progesteronphase hat angefangen, yeah.

Tag 18: endlich die entscheidende Wende von der weiblichen Schwäche weg zur notwendigen, ich sage mal: männlich aggressiven Kraft! Diese Kraft hat natürlich nichts mit Männlichkeit zu tun, sondern mit mir als Frau, die teilweise unerwartet viel DHEA ausschüttet….

Es lebe das Testosteron in mir! Dieses fehlausgeschüttete Übermass an DHEA, der Testosteronvorstufe hat mir nämlich zu den besten und lebendigsten, den wütendsten Kraft-Texten, den dynamischsten Märschen, den lautesten Monologen verholfen! Man muss daran denken, dass mein ME-Körper, wollte er überleben, auf alle möglichen Tricks, wie er doch noch zu Kraft kommen konnte zurückgreifen musste, auch wenn es keine echte Kraft war, sondern nur kompensierende, fatale Fehlsteuerungen, die ihrerseits zu weiteren Fehlsteuerungen führten. Meine Organsysteme sind angergriffen.

Mein Körper ist zum jetztigen Zeitpunkt noch eine Hexensuppe. Ein Teufelsbrei! Aber immer noch gibt es so etwas wie eine Wende: Tag 20, 21, 22, 23, 24:

Während dieser Tage bin ich plötzlich fragmentweise ins Leben geworfen und stelle fest: ich bin allein, es ist nichts da, keine Struktur, kein soziales Netz, nichts!!!! Nichts, das meinen Körper mit all seiner hypothetisch angeballten Kraft jetzt auffangen könnte! Weil ich ja in all den andern Tagen, der 28 Tage meiner 25 Jahre Leben mit ME- und Leben mit Menstruieren nicht lebte, sondern nur ein Teil war, hineingesetzt in einen autonom funktionierenden organischen Monsterzug!!!

Ich kann nicht erwarten, dass eine frauenspezifische Medizin mir helfen könnte. Ich bin eine Frau, die durch ihre Biologie komplett determiniert und am Leben gehindert wird. Aber ich bin die einzige weibliche Person mit diesem Problem.

Dass eine Frau einen Menschen in ihrem Körperinnern heranziehen kann, dafür muss sie schon ein, zumindest physisch, ziemlich leeres Gefäss sein.

(2.2.21)

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