Liebeskummerkasten

Wenn es mich nicht mehr gibt für dich, dann will ich nichts mehr. Aber warum? Dies ist nur Natur und Fatalität. Identität, die sich auflöst wie ein Maschenteppich, nur weil die Liebe gegangen ist, bringt die wahre Identität zum Vorschein?
Doch, ja, ich erkenn mich im Spiegel, ich fühle, ich bin bei mir. Und dennoch will ich mein ganzes Sein, das ich in mir habe, ohne dich nicht mehr. Da wären ich und mein Sein, da wären andere Menschen, aber in dieser tiefen Geschmacksverirrung, in der ich stecke, will ich lieber nichts mehr, als die Hände derjenigen nehmen, die mir sagen, dass ich ihnen etwas bedeute. Ich kann nichts geben, nichts und niemandem, weil alles in mir für dich ist. Es wäre das Naheliegendste, das Herz loszureissen von jemandem, dem man nichts bedeutet und Gefallen daran finden, mit anderen Fühlung aufzunehmen. Aber paradox wie ich bin, sind mir alle Wege versperrt, aus dieser Blockade herauszufinden, solange, diese Liebe für dich in mir auf diese Art lebt.
Ich wünschte, sie lebte anders: dass du mich verlassen hast, und ich für dich nicht mehr existiere, sollte mich Berge versetzen lassen. Ich fürchte, es ist alles ganz anders. Die Liebe, mit der du mich über ein Jahr überschüttet hast; sie ist die Insel gewesen, die mich mit dem Festland verbindet. Ich trieb schon auf offener See, ehe du kamst. Und nun …. Nicht mal, dass dies ein Classic ist, und dass es in diesem Moment Millionen gibt, die imselben Narrenschiff dahintreiben, kann mich soweit restaurieren, mit erhabenem Kopf davon zu schreiten. Es gibt ja nur Magie und Magie ist Fatalität. Ich bin keinen Millimeter weitergekommen, all meine Gedankengänge haben an meinem Materialismus nichts geändert, ich sehe keine Möglichkeit eines Perspektivenwechsel, ich will nur wieder in dir sein, und sonst will ich nichts mehr. Dass du vielleicht, ja sehr wahscheinlich, Hässlichkeit an mir wahrgenommen hast aus deiner Perspektive, Hässlichkeit, die meinem Selbstbild entglitt, quält mich wie Waterboarding: ich wurde hässlich für dich und mein Licht erlosch dir. Nun will ich nie wieder in den Spiegel schauen. Schwarz bin ich als Frau (weil wir keine Liebende mehr sein können), als Mensch (weil wir es nicht geschafft haben, Freunde zu werden), schwarz ist meine Intuition (weil ich meine Subversivität und das, was dich von mir abstiess nicht mit deinen Augen sehen kann), auf die ich so viel gab, schwarz ist mein Körper, der verfällt (weil er mich dazu zwingt, so nah am Fleisch zu sein) und schwarz ist mein Denken. Es ist unbegreiflich, verlassen zu werden und ich spüre die Last der Zeit, die mir geschenkt ist, dies nicht zu begreifen. Sich angezogen fühlen auf diese Weise von einem andern Menschen und von dem riesigen grossen Rest der andern Menschen nicht. Man glaubt, diese Liebe sei etwas zutiefst Individuelles und Irrationales, weil sie die Identität so erschüttert (besonders, wenn sie geht), aber eigentlich ist sie weder individuell noch irrational. Mein jetziger Zustand ist so nicht gewollt von mir, und mein Körper bin auch nicht ich. Also was ist das? Nichts mehr schmeckt mir, nichts mehr kann ich erkennen, nichts reicht und ich erreichte uns nicht- nie wieder will ich in den Spiegel schauen, dieser Spiegel lügt, jeder Spiegel lügt–
Heute dachte ich, ich hätte dich mit einer neuen Liebe gesehen, und ich stürzte auf zu dir, zu euch in die Wohnung, weil ich sehen wollte, ob es irgendetwas für mich zu erkennen gibt … ich stürzte auf …. ich konnte nicht mehr denken ….mein Herz raste … ich wollte wieder etwas wissen …. obschon ich weiss, dass es mit Wissen nicht geht ….du wirst mir nichts mehr zeigen von dir und über Worte werde ich nichts von dir erfahren … ich wollte für dich einen lustigen Witz machen (wie früher), und dich zum lachen bringen, weil dein Lächeln mit den kleinen Knabenzähnchen alles verzaubert, stattdessen würgte ich den dämlichen Satz herunter, den du für Kalauer-mässig hältst: ich liebe dich! Aber ich schaffte es nicht und weiss selbst nicht, welchem Zwang ich gehorche, wenn mein Mund diesen Satz in die Luft haucht. Schlimmstenfalls ist es für dich Nötigung, und dieser Gedanke ist für mich wie Waterboarding. Dass ich dich zwinge, Sätze meiner Zuneigung für dich über die ergehen zu lassen,(während du lieber auf dem Handy tippen oder Fernseh schauen möchtest) wie von einem dummen Schulkind. Wie gesagt, ich wollte dir gerne was Lustiges erzählen, um dir damit eine Freude zu machen, und weil das immerhin ein bisschen attraktiver wäre. Aber Liebende in dieser Lage sind ja doof … ich hab nicht das Gefühl, dass ich jemals wieder in mir stehen werde. Wenn ich doch nur dein Hund wäre.

(3.0.2020)

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