Grossvaters Mythen

(ein Andenken)

 

Dies ist Fritz, das Älteste von sieben Kindern, davon zwei bereits vor dem dritten Lebensjahr an der Diphterie starben. Fritz war zuerst auf dem Bauernhof seiner Eltern tätig, dann Vorarbeiter in der Kammgarnmaschinenfabrik der Firma R. in Winterthur. Bei seiner Pensionierung Neunzehnhundertsiebzig sahen die Finger von Fritz bereits aus wie dicke, steife, in krallenartige Nägel auslaufende Bockwürste. Weil er Schiss hatte, wollte Fritz auch sein Hüftgelenk, das durch die Arthrose zu diesem Zeitpunkt schon komplett zerfressen war, nicht operieren. Der verschnörkelte Gehstock von Fritz befand sich im blitzblank gehaltenen Gästezimmer meiner Grosseltern in der Ecke nur wenige Zentimeter neben dem goldgerahmten Diplom der Firma R., an der Wand!

Die Frau von Fritz hiess Maria. Und Maria war es auch, die in Fritz Leben für die nötige Ordnung, Sauberkeit und insgesamt für das Wohlgefühl durchunddurch sorgte. Angesprochen auf dem Chilbifest, „pröbelte“ der zwanzigjährige Fritz mit der sechzehnjährigen Maria von Anfang an fleissig. Sein Erstgeborener, Fritzli Junior, ist mein Onkel und wird seit über dreissig Jahren von schwerstem Tinnitus geplagt. Ich habe ihn nie lachen sehen. Zielbewusst und ohne zu zögern drückte er, gerade mal Vier Jahre alt, den Türgriffel zum elterlichen Schlafzimmer nieder, als Fritz und Maria (in der Mehrheit Fritz würde ich sagen!) wieder experimentierten. Das Resultat war meine Mutter!

Noch bis vor eins, zwei Generationen haben sich die Ehefrauen im Westen ihren Ehemännern in der Regel gänzlich untergeordnet. So hat sich auch Fritz die Schnürsenkel nach seiner Pensionierung am liebsten von seiner Frau Maria binden lassen. Bückte sich das von ihm zärtlich genannte „Wäggeli“ für ihn, war das für Fritz ganz einfach angenehmer, als wenn er sich im Sitzen zum Schuhebinden selbst über seine Knie hinabbücken musste.
Im Laufe seiner Pensionierung delegierte Fritz fast alle Aufgaben inklusive der Selbstpflege an seine Frau Maria. Und so verlernte er (zu einer gewissen Schadenfreude Marias?) irgendwann einfach alles!

Fritz hatte, wie gesagt, zwei Kinder gezeugt, die sich zeitlebens ein wenig um ihn kümmerten. Sowohl mein Onkel, beim Pröbeln gezeugt, wie auch meine Mutter, in Verlegenheit respektive in einem Moment der Überraschung gezeugt, hielten meinen berenteten Grossvater zur Erprobung seiner Selbständigkeit an. „Mach etwas gegen deinen Abbau, operiere endlich dein Hüftgelenk!“, war ihre Devise. Aber Fritz wollte oder konnte eben nicht! Obschon er an keiner Feuerwehrübung je gefehlt hatte, machte ihm, wie angetönt, vieles im Leben eine untergründige Schiss! So befürchtete er unter anderem das Aussteigen auf der falschen Zugseite aufs falsche Person (was dann auch einmal geschah, als er mit Maria und drei grossen Reisekoffern zu uns in die Ferien kam!), Krieg in der Schweiz und immerzu, er könnte bei unverhofftem Schneefall keinen Regenschirm bei sich haben. Ob er durch eine Hüftoperation und weniger Faulheit um den Rollstuhl herum gekommen wäre, wie Mutter und Onkel behaupteten, kann keiner wissen.

Kürzlich habe ich in alten Fotografien gewühlt. Da fiel mir eine Fotografie meiner Grosseltern sowie meiner Eltern in die Hände. Eltern wie Grosseltern sind auf den Fotos alle in den Sechzigern, doch ich habe gedacht: ‚Für ihn, meinen Grossvater, bedeutete die Pensionierung eben noch Pensionierung! Er, der vor allem möglichen Schiss hatte, fürchtete sich nicht vor der Einbusse von Funktionalität und Selbständigkeit durchs Alter! Während meine Mutter und meinen Vater, zwei hoch motivierte Funktionalrenter, dem drohenden natürlichen Lebensende rund um die Uhr ein Schnippchen schlagen oder zumindest versuchen. Selbständigkeit und Funktionstüchtigkeit geht über alles! Es leidet ein wenig das Wohlige … das Bequeme … von der Kriegsgesellschaft meiner Grosseltern zur Disziplinargesellschaft meiner Eltern! so dachte ich. Und wandte mich wieder einem Selfie zu.

Fritz hatte einen schlechten und unruhigen Schlaf, besonders nach der Pensionierung. Normalerweise wachte er morgens um fünf Uhr auf, holte die Butter zum Auftauen aus dem Kühlschrank und legte sich nocheinmal zu Maria ins Bett. Nach dem Frühstück, um Acht, sass er dann in der Küche auf seinem Taburett am Fenster und beobachtete in heimlicher Gier das hoffentlich frevelhafte Verhalten der Einkaufsfrauen unten im Hof. Auch mit schwerer Gicht hielt mein Grossvater jeden Morgen die genaue Wetterlage sowie die Schmerzlage seiner Gelenke in seinem Terminkalender fest. Aber gegen Zehn wusste er nicht mehr, was er noch tun sollte, und er wartete sehnlichst und verärgert zugleich das Eintreffen von Maria in der Rüstküche.

Meine ältere Schwester und ich mussten oft lachen, wenn wir unsere Grosseltern zum Mittagessen besuchten. Maria schöpfte ihrem Fritz grosszügig Apfelmuus in den Teller, und Fritz sagte: „Sali mis Wäggeli, mein treues Weibchen!“ Dabei tätschelte er in einem Anflug echter, herzlicher Dankbarkeit ihre Hand. War er bei uns in den Ferien, reichten ich oder meine Schwester (nicht meine Eltern!) ihm die Schüssel, in der noch die Resten des Schokoladepuddings klebten. Und er schleckte und scheuerte sie so lange mit der Zunge rein, bis man durch das Glas eindeutig sein nordisch anmutendes Gesicht mit den ausgeprägten Wangen und der edlen Adlernase sehen konnte!

Mich hat Grossvaters Gesicht immer an den Filmstar Paul Newman erinnert. Erst mit Neunzig zog sich der eisig blaue Glanz seiner Augen zurück. Und an die Stelle des stolzen, griesgrämigen Gockels Fritz, der zeitlebens keinen einzigen Spass auf seine Kosten tolerierte, trat eine unaufdringliche witzige Kindlichkeit.

Meine Mutter, die einmal von ihrem Vater während eines Tanzabends an einen Arbeitskollegen seines Alters „verschenkt“ worden war, (sie floh, knapp Sechzehnjährig, zum Fenster raus), wurde durch Fritzens Rückzug in die frühkindliche Traumwelt weicher gestimmt. Trotzdem hat sie nach dem Tod ihrer Eltern das Andenken ihrer Mutter, ja, nicht aber dasjenige ihres Vaters gepflegt …

Das Liebste im Leben von Fritz war, neben dem Bedientwerden und Essen, versteht sich, jedoch, das Reden über Sex! Dies geschah immer in der gemütlichen Stube mit den altertümlich gemalten Rosen-Stichen und den beiden Porträts von Fritz und Maria um die Fünfzig an der Wand. Sobald meine Schwester und ich in den zweistelligen Altersbereich kamen und mit Fritz allein in der Stube waren, fing er jedesmal davon an. Erzählte von der feurigen, Kommunistin, die sich selbst ein sedierendes Gift in den Kuchen geschüttet habe, um sich ihm gefügig zu machen, die Frauen seiner Feuerwehrkollegen, die ihm alle schöne Augen gemacht hätten. Fabrikarbeiterinnen aller Nationen, Rumänien, Italien, Ungarn, hätten keine Möglichkeit unterlassen, für ihn den Rock ein bisschen höher zu schieben. Er habe sie alle haben können! Er habe sich kaum gegen all die Frauen wehren können! Aber er habe sie alle verschmäht! Habe ein Leben lang nur sein Wäggeli, seine treue, einzig achtbare Frau geliebt!

Wenn Fritz vom Sex redete, sodass dies meiner Mutter zu Ohren kam, konnte dieser mit etwas rechnen! „Ach, hör doch damit auf!“, schnaubte sie. Und sie flüchtete zu Maria in die in der Küche hinaus. Wobei sie nicht selten die Tür zu knallte, meine Mutter, eine sanft-kontrollierte, innerfühlige Frau! Maria, das runde Fraueli, das bald darauf die Schwarzwäldertorte in die Stube trug, krächzte weniger aggressiv, aber durchaus genervt: „Schnäbeli!“ (so nannte sie ihn manchmal) „Sowas interessiert die Mädchen doch nicht!“ Wenn Fritz dann weiter redete, wurde er von Mutter und Grossmutter dann nicht selten einfach gnadenlos ausgelacht!

Mich, die Jüngere, hat das immer fasziniert, wenn Grossvater wieder vom Sex und den Frauen angefangen hat. Ganz im Gegensatz zu meiner Schwester, die das konsterniert hat. Vom Sex zu reden (und mitunter immer wieder von der Syphillis, der massenhaft liederliche Frauen seiner Zeit zum Opfer fielen!), war bei Fritz wie ein nicht unterdrückbarer Rülpser, der immer wieder durch alle seine Eingeweide hindurch aufstiess! Er musste hoch! Redete Fritz vom Sex und den Frauen, die er hätte haben können, sah ich gebannt, wie aus dem nörgelnden und pessimistischen ehemaligen Vorarbeiter Fritz, der beim Vergessen seines Regenschirms ein weinerliches Drama veranstaltete und zu faul war, sein Gebiss in Kuckident einzulegen, ein schamloser Strahlemann wurde (fast wie Paul Newman)!

Hat er diese Frauen, mit denen er sich brüstete, nun eigentlich gehabt oder nicht?  Weiss nicht. Vielleicht wird das, was uns bis in unsere Träume verfolgt, weil wir es nicht gelebt haben, nicht konnten, die Gesellschaft oder Zeit, in der wir hineingeboren wurden, es nicht zuliess, uns der Mut fehlte usw., irgendwann real …

Wenn wir lange genug davon reden? Oder träumen …?!

Mir ist es mit meinen zweiundvierzig Jahren noch nie passiert!

(Oder es ist umgekehrt. Und man erzählt solange das Gegenteil von der Wahrheit, bis man an die Umkehrung seiner Lügen selbst wie an einen Mythos glaubt.)

Ich erinnere mich, wie mein Grossvater als alter stoppelbärtiger Mann, während eines meiner letzten Besuche, durch den Flur, vorbei am Gästezimmer, aus dem sein Diplom von der Firma R. mit dem Foto einer grossen schweren Kammgarnmaschine drauf, lugte, auf mich zu schwankte. Er hatte Seitenlange wie ein Schiff, verliess sich respektive sein Vertrauen (!) und sein Gewicht aber voll und ganz auf die Krücken!

„Er ist zu einer kümmerlichen kleinen Rosine geschmolzen! Dachte ich bei seinem Anblick, während ich die steinharten verhornten Enden seiner Hände in meinem Rücken fühlte. Er lachte herzlich.

Als Fritz Einundneundzig war, wurde er von Maria ins „Heim gesteckt“, da sie ihn aus gesundheitlichen Problemen nicht länger versorgen konnte. Dies verzieh Fritz seinem treuen Weibchen nie, und hielt es ihr sogar auf dem Sterbebett noch vor. Sie weinte bitterlich. Er wartete dafür nämlich nur einen letzten geistig klaren Moment ab.

 

(28.6.18)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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