Frühe Diaries, 2002, the meni

9.2.2002

Russische Party bei Gaby. Soviele Männer, wie ich in einem Jahr sehe. Im Schummellicht des Dachstocks, familiär. Russische Band, sentimental, schwermütig. Die russischen Männer dunkel, auratisch. Gabies Anhang: Trainer-Jäcklein-Studenten, lustige, liebevolle, pubertäre Jungs. Nachdem ich zwei Glas Rotwein runtergeleert habe, fange ich an, loszustrahlen.

Ohne den Wein wüchse meine bittere Klarheit wie ein krank machendes Hindernis hinter meiner Stirn. So aber schmilzt die Umgebung wie Wachs, und ich strahle die plumpen Männer an, sie kommen mir ebenso unwissend vor, wie ich mir selbst. Ich bin verliebt in Testosteron, fühle es in mir selbst, wenn ich dem jüdischen Macho gegenüberstehe. Er ist Student der Slawistik und keineswegs zimperlich. Folgt er mir doch aufs Klo. Da treffe ich auf Gabies Freund, einen System-Loser und Kurt Cobain ohne Ambition und Schärfe. Wir verstehen uns fünf Minuten später gut und tanzen in der Stube rum, nicht zu bremsen, als wende sich Lebensüberdruss in Euphorie, schwankt wie eine Harrasse in einem feinen Schilfboot. Der Slawistik-Student ist vergessen. Und gleich darauf boxe ich mit dem Gartenbaujungen mit den roten Wangen. Ein Mann gegen die Dreissig, Kind, wie Siebzehn, bekifft. Ich katapultiere mich in seine Augen hinein, der Liebe versteht nicht meine tiefen, langen Blicke. Wenn es schon so mühsam ist, sich mit ihm ein bisschen spritzig zu unterhalten, will ich gleich an seine Liebe denken. Ich will keinen Namen wissen, tausche aber Nummer aus. Gaby und ich zwirbeln im Kreis, als wären wir junge Mädchen auf der Laube in einem ungarischen Dörfchen. Ich bin der Mittelpunkt in mir. Die Kerzenflammen neigen sich nach mir, wenn ich an ihnen vorbeischwebe in meinem langen Kleid. Haltlos, fiebrig höre ich mich zu einem sagen: Ich sammle jetzt Plastiksäcke, seit der letzten Öl-Katastrophe. Der Ozean ist vulnerabel und unentbehrlich, er ist mächtig. Willst du nicht ein bisschen Wodka-Orange aus meinem Mc-Donalds-Salat-Schüttelbecher? Mein Hals ist zum Glück bald heiser. Ich nehme mir den Alten vor, den Bergsteiger. Sehen, was sich machen lässt. Eine gewisse Ruhe strahlt er aus. Aber je länger er redet, umso unruhiger werde ich. Ich springe auf und davon auf den Balkon, wo man unten im Wasser die Schwäne hellweiss leuchten sieht. Ich möchte Brot hinunter werfen. Und auf den Asphalt Weingläser, ehrlich. Da bin ich plötzlich wieder von Jungs umringt. Der Duft des Testosterons lässt mich umsinken. Aber es ist keiner stark genug, mich zu fangen. Solch gute Spiele, die ich treibe! Ich plappere noch ein bisschen, aber diesmal nichts mehr, an das ich mich erinnern kann. Doch dann wird mir auf einmal die Zunge schwer. Ich betrachte die Wolken, ihre fransige Textur. „Was heisst: die fransige Textur der Wolken auf Russisch?“ höre ich mich fragen. Die Männer haben etwas Sprachloses, jetzt. Wären definitiv etwas zum Schmecken und Schnuppern und Abtasten. Mein letzter Zug nach Bern ist abgefahren. Ich mag nicht mehr. Meiner überdrüssig umarme ich den Slawistik-Studenten, der wie ein Schatten seiner Selbst draussen am Balkongeländer hängt. Was ist denn mit dem passiert? War doch eben noch so selbstbewusst und löwenhaft? Seine Hand findet auf natürliche Weise meine Taille. Sie (die Hand) ist schöner als sein Blick. Gegen Sechs Uhr morgens schleiche ich aus dem Haus. Gaby ist sich solche Abschiede von mir gewöhnt. Wer weiss, wo sie gerade steckt, überhaupt. Ich freue mich unendlich für nach hause. Unendlich.

 

28.12.2002

Abschiedsparty im Komfort. Strauchle über mich selbst, stelle mir selbst das Bein, indem ich den Durchschnitt der anwesenden Männer wie Kühe (?) behandle. Der Erstbeste ist mir recht, um mich an ihm zu reiben, wie an einer durchsichtigen Glasvitrine, und ihn dann stehenzulassen für den nächsten. Es kommt mir vor wie eine Sucht: auch dem grössten Tölpel meine Nacktheit hinzuwerfen. Es ist ja eine Notwendigkeit, mich selbst zu spüren, auch wenn ich einen nicht geringen Selbstekel nach solchen Anlässen verspüre. Ich kehre allein nach hause, und es ist, als würde ich wieder in meinen saloppen Umstandskleider zurückschlüpfen. Selbstekel auch, weil ich süchtig bin, an Liebe zu denken, wenn ich einen Mann sehe, der mir einmal gefällt. Spass haben ist dann aber plötzlich zu wenig. Schlecht gelaunt kehre ich nach hause. Natürlich habe ich es wieder geschafft, die falschen Typen an mich zu reissen, während ich die wenigen, die mir angst machen, weil sie mir einen Stich geben: sie könnten spannend sein, grossbögig umging. Das mit den Männern als Lustbefriedigung wird nie klappen. Auch eine Frage: soll eine Frau einem Mann Ihr vielleicht nur mittelmässig nobles Interesse zeigen, wenn dieser nur geringes Interesse an ihr zeigt? Irgendwo habe ich Lust, es endlich zu tun, es ginge mich nachher vermutlich besser. Aber da ist eine andere Idee noch: Es ist die Aufgabe des Mannes auf die subtilen Zeichen der Frau einzugehen. Und schliesslich Unsicherheit: Was bin ich, wenn ich meine Nacktheit wieder einpacke, und darunter das wirklich Nackte, der Körper zum Vorschein kommt?

 

29.12.02

Der Gedanke, dass Menschen mich gesehen haben, macht mich ganz kirre. Man muss sich nicht einmal gross ausbreiten, jeder kann in der Vorstellung eines andern von sich weg geschnappt werden. Männer, Wildfremde können sich in ihrem Geist irgend ein Bildnis von mir machen, sie können mit mir etwas anstellen, das ich nie erfahren werden, in ihren Gedanken. Ich habe von Jan geträumt. Unsere Wangen haben sich gestern gestreift, ein Augenblick der Verzückung. Doch diese Intimität mutet sich mir fast grotesk an gegen die Ferne vom Geist dieses Menschen. Vielleicht ist ja auch das der Grund, warum ich immer ein wenig provokativ und nicht ein Ausbund an Freundlichkeit bin mit Männern; sie werden mir nichts von ihrem Gehirn verraten, sie schlendern herum wie Lollies, und keiner weiss, wofür sie brennen. Ich habe auch nicht die Absicht, mich zu entblössen, doch zweifellos läuft es jedes Mal darauf hinaus. Ich entblösse mich, habe plötzlich die Nase voll- Blick auf mir- denke an meine Borsten unter meinem Seidenkleid- und weiss: es ist Zeit, zu verduften!

Ist das Dunkel der Ort der Liebe? Und der Borsten? In der Liebe sind die Menschen gleich? Menschlich? Borstig? Dunkel?

 

  1. 12.02

Ich erwarte einen Moment der Einkehr. Oder der Abkehr. Ein Möwenkot im Umlauf riesiger Schiffsturbinen. Ein riesiger Knall wird ertönen, das bezweifle ich nicht. Nichts ist Aussergewöhnlich, auch nicht ein letzter Tag im Jahr, dem man zuwinkt, weil man abgetrennt ist vom Leben. Ich war oft schon abgetrennt. Im Augenblick durchforste ich jedoch eine Lust aufs Leben. Oder sagen wir es so: eine Lust auf gewisse Situationen und Abläufe: ich will von mir unbekannten Männern umgeben sein, ich will sehen, wie sie mit ihrer Unsicherheit fertig werden, wenn ich sich anstupse oder besser: anstrahle. Ich möchte niemals mehr so dröge einsam sein wie gestern, als ich noch ein Engel sein wollte, gegossen in einen Sockel. Einsamkeit führt in die Verengung. Alles wird einem eng, innerlich. Ich würde gerne alle Männer anstrahlen, auch die, die mir gefallen.

„Aujourdhui je m’efforce à  ne pas trop souffrir. Je réjoins le réel. » (Michel Houellbecq)

 

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *