Diary_3004_fb_Eintrag, über Familienbande

 
Plötzlich wird das Leben der alten Eltern porös und brüchig. Und man wünscht sich, dass immer die Sonne scheint, für sie, wenn man selbst für sie nicht scheinen konnte.
Ja, dies tat ich nicht für meine Erzeuger; scheinen.
 
 
Dann kam das neue Virus, für das ich immer noch einen passenden, symbolischen Namen suche (Lockdown-Virus wäre unpassend, da das Wort Lockdown eindeutig zu ME gehört und eigentlich erfunden wurde, um ME zu umreissen.)
Dieses Virus also aber ist genug mächtig und hat so etwas wie den letzten Gongschlag im Leben meine Eltern eingeläutet, indem sie in diesem Moment abgehängt wurden von ihrem sozialen Leben, als der Staat die Massnahmen über seine „Schäfchen“ verhängte.
 
 Bis anhin war ihr Leben in der Pension lange stabil verlaufen, obschon es sich eigentlich in einer Blase abspielte. (Aber welches Leben spielt sich schon ausserhalb einer Blase ab?).
 
 
Meine Eltern waren umtriebig ein Leben lang, sie agierten und funktionierten nach ihrem Berufsleben genau so weiter, wie vorher. Das heisst, sie machten sich nützlich, suchten ihren Sinn im Gebrauchtwerden, halfen oft in praktischen Angelegenheiten, hielten sich sportlich rüstig. Und pflegten eher distanzierte, aber regelmässige Kontakte zu Personen ihrer Generation, Nachbarn, ehemalige Freunde etc.
 
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Dann hörte eins nach dem andern auf (kein Dorftheaterclub mehr, keine Freiwilligenarbeit, keine Autofahrten nach Dämmerung, keine Reisen mehr ins Ausland, keine Einladungen mehr aus Angst vor Covid, Chemos u gesundheitliche Verschlechterungen des Vaters, worauf die Mutter völlig in Isolation ging für ihn).
 
Und die Katastrophe ist, dass die Grosskinder jetzt nahe beim Volljährigsein keine Geburtstagskarte schicken, nix!!!! Hier muss ich sagen, dass die Grosseltern aufopfernd, aber eben auch gerne jahrelang Hütedienst leisteten und gehörig den Geldseckel frei machten und noch machen für Nachkommenschaft u deren Nachkommen.
 
Ich bin gelinde gesagt unzufrieden mit der Situation. Ärgerlich, dass andere Familienmitglieder nicht den Part übernehmen, zum Wohl meiner Eltern, von dem ich denke, dass ich von Natur aus ausgeschlossen bin. (dieser Part.)
 
Ich bin ein Egoist, der sich wünscht, die andern wären es nicht. Ich bin nie ein vollwertiger Mensch gewesen in sozialer Hinsicht!!
(Also, herrgottnochmal, ich kann nicht auf einmal anfangen, mitzufühlen, so, als ob ich stark genug wäre, mit Menschen mitzufühlen!!!!!).
 
Selbstverständlich könnte ich es verstehen, wenn der Erzeuger einen enterbt oder das Erbteil runterschraubt. Warum sollen Eltern ihre Kids unterstützen, wenn sie himmeltraurig enttäuscht sind von diesen? Umgekehrt hauen die Kids mehrfach ab zeitlebens, kommen halbwegs zurück oder auch nicht. Die Kids erlauben sich alles. Die Erzeuger eher wenig. Oder täusche ich mich da? Warum bin ich so rücksichtsvoll im Urteil mit meinen Erzeugern, die mir wohl kein einziges Mal im Leben sagten, dass ich eine Sache gut mache! Und dass es gut ist, dass ich da bin! (blaba)
 
Oke, die Eltern wollten Kinder. Aber Kinder sind nur als Kleinkinder lieblich, mit Ausnahmen. Aber im langen Verlauf des Lebens, in dem Eltern u Kids alt werden, ja, beide Generationen verkrusten wie Schalentiere und die süssen Kidskids nur ihr eigenes Daseins spüren, kommt diese Fremde über alle Beteiligten und das Vakuum verschluckt sie, ausser …. ausser….. ihre Liebe hat von Anfang an fliessen können.
 
In letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, ob die Gesellschaft besser dran wäre, wenn sie wieder so was wie eine Pflicht zur „Nächstenliebe“ kulturell verankerte. Diese „Nächstenliebe“ wäre tatsächlich nicht mehr und weniger als eine Pflicht, an die man sich halten müsste. (Was ja schon ein Zwang ist: ein Zwang zur Nächstenliebe!? Wer sagt das? Ich, die ich nichts als die Freiheit liebe?! Ja, Herrgott nochmal, einen Impfzwang gibt es ja auch beinahe? Warum dann keinen Zwang zur Nächstenliebe?!!!!
 
 
Man müsste alte Menschen mit Respekt behandeln, auch wenn man vielleicht nicht sieht, worin ihr altersbedingter Vorsprung, ihre „Weisheit“ und natürliche Autorität liegt. (Da bin ich also dann wiederum enttäuscht von den Alten, generell.)$
 
Es heisst ja, dass in anderen Kulturkreisen der alte Menschen respektvoll, fast ehrenvoll behandelt wird von den Familienmitgliedern. Ist das eine Mähr? Und warum ist das so? Haben dort die alten Menschen den hiesen Alten etwas voraus? Haben sie etwa andere Ressourcen, aus denen sie schöpfen können, während hier, könnte man meinen, nach der Pension, die älteren Menschen keinen weiteren spirituellen Sprung mehr machen?
 
Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass es sich gebührt, dass junge Menschen den alten Menschen und insbesondere ihren Erzeugern Respekt zukommen zu lassen. Unter allem Umständen!!!!! Ist es nicht umgekehrt fast immer so, dass die Erzeuger versucht haben, ihre Kinder zu „lieben“? Oke, viele sind irgendwann gescheitert, sie machten Fehler. Und aber dann: gibt es fliessende Liebe zwischen Blutsverwandten? Ist es nicht eher eine Bürde, dass man Kind bleibt von zufälligen Menschen, die einem so fremd wären, wie die meisten andern?
 
Aber genau mit diesen Menschen, aus deren intimsten Textur man hervorging, verbringt man sein ganzes Leben, den Anfang vor allem und das Ende. Und das ist doch eine erstaunliche Sache!
 
Die Beziehungen, die auf freie Wahl zurückgehen, sind unbeständig. Sie scheitern ebenfalls. An Ansprüchen und Vorstellungen von der vollkommmenen Beziehung! Von der Verwirklichung all dessen, was man in der Familie nicht erlebte.
 
Neulich hab ich mal gehört, ein erwachsenes Kind soll seine Eltern vor Gericht gebracht haben, weil es sie anklagte, dafür, dass sie ihns gezeugt haben!  Was können aber die Erzeuger dafür, dass sie gerade dieses Kind gezeugt haben? Ein Kind, das das Leben nicht wollte?!
 
Einmal hab ich hier auf Facebook ein 40jähriges Bild meiner Mutter u mir in den Bündner Blumenwiesen gepostet. Und es ihr, meiner Mutter, gezeigt. Und die Mutter bat mich, dies zu entfernen, zu ihrem Schutz, wie sie sagte. Aber da fühlte ich wieder diese bedrängende Ärgerlichkeit, weil ich dachte, wovor will sich die Mutter noch schützen, sie ist doch bereits so einsam als möglich!? Also auf jeden Fall so einsam wie ich. Und ich, aber, ich brauche diesen Schutz nicht. Weil dieser Raum, hier, ich begreife, ist ebenso inexistent und organisch fern, dass er mir überhaupt nichts anhaben kann, wirklich nichts anhaben kann ….
 
Plötzlich also wird das Leben der alten Eltern porös und brüchig. Und man wünscht sich, dass immer die Sonne scheint, für sie, wenn man selbst für sie nicht scheinen konnte. Aber das habe ich schon gesagt. Und ich weiss nicht, wie so etwas endet. Etwas, das nicht ganz zu sich kommen kann, das bleibt wie es ist, mit diesem Spalt dazwischen. Und doch kann keiner der Beteiligten davonrennen.
 
 
Ich fürchte mich sehr davor, denn um jemandem im Winter seines Lebens zu begleiten, braucht man Vertrauen. Und wenn dann der Tod kommt und das Sterben und es fehlen diese wichtigen Beziehungs-Stücke, die man während der Beziehung übergehen konnte, als ein tolerables Fehlen; dann werden diese Stücke jetzt zu schmerzhaften Irritationen, zu zittrigen Balanceakten! Es zeigt sich ja bereits zu Lebzeiten, ob man mit jemandem durch dick und dünn gehen kann, oder nur durch dünn, weil ein Teil der Beteiligten gewisse Elemente eigener Entfremdung nicht überwinden kann, um die mögliche Nähe herzustellen für und mit dem Andern!!!!
 
Einer allein von Zweien resp einer Familie kann diese Nähe nicht herstellen, wenn das Bewusstsein fehlt für die Fremdheit, die die Andern nicht umformen können—–
—- es fehlen dann zum Beispiel …… ein Leben lang …. lauter Diskussionfetzen….. lauter wichtige Bestandteile von Austausch….
…. weil die schwächeren Beteiligten immer abblocken und den Fluss der Begegnung zerstören.
Aus Angst würde ich meinen, eher, als auch Bequemlichkeit. Aber ich bin nicht ganz sicher.
Es gibt auch Leute, die sich in Konventionen nahe stehen. Und also, wenn dann hier wieder jemand in den Konventionen versagt,
die wichtig sind, um Gefallen hervorzurufen bei den Andern (Familienmitgliedern); dann entsteht ebenfalls dieses Vakuum.
 
So hangeln wir uns also gemeinsam und allein durchs Leben. Und fürchten die letzte grosse Katastrophe. Aber ändern können wir nichts. Vielleicht ist das alles ja natürlich. Keine Ahnung. Was geht’s mich an?
(24.9.21)
 

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