Diary, 9.6.

In dieser endgültigen Stille, rücken Bilder an mich heran. Auf einer Zeitachse, die nicht mehr stimmt, in wildem Durcheinander. Seit ungefähr 5 Jahren habe ich aufgehört, zu verarbeiten. Die Verstoffwechselung dessen, was ich erlebe, emotional, mental usw. ist ebenso meiner physischen Verstoffwechselung untergeordnet. Die Verlangsamung meiner Organe hat sogar meine Emotionalität verlangsamt und so gesehen dafür gesorgt, dass ich an diesem Mann immer noch hänge, wie am ersten Tag, während er längst auf über die Berge ist. Früher war ich ein Schnell-Verstoffwechsler von Küssen. Anziehung pulsierte und fiel ab.

Jetzt war ich in eine Spähre getreten, in die mir wohl nur schwer Kranke Menschen folgen können. Eine Sphäre, in der das Leben wahrhaftig sensibilisiert ist auf seinen kostbaren Moment. Ich lebe im Danach, ich bin—- postmortem— wenn man so will. Für mich ist das Leben kein Strom, der immer weiterfliesst, kein Zug, auf den ich an jeder Stelle mal auf und abspringen kann…. das Leben hat für mich keinen leichtsinnigen Überfluss mehr übrig. (ich denke meine Sterblichkeit ist auch der Grund, dass ich Streit mit dem Geliebten nicht genug ernst nehmen konnte)

Aber wem gefällt das schon, mit mir in dieser heiligen Knausrigkeit zu schmoren? An meinem Bett zu höckeln und verzückt miteinander zu äugeln.

Ich bin ihm hier her gefolgt, wir dachten sogar, dass es vielleicht eine Möglichkeit gibt, diese:
In seinen Armen zu sterben.

Das war 2017, als ich unsicher war, ob diese schwere Form der Myalgischen Encephalomyelitis ein Normalzustand werden kann. Die Möglichkeit, in seinen Armen zu sterben oder ihn zu lieben, postmortem—- das waren Geschenke des Himmels für die Zukunft nach meinem relativ picksenden armseligen, einsamen Körnchenleben.

Um solches zu versprechen, muss einer sich kennen. In sich stabil sein. Sonst übernimmt er sich.
Man darf solches nicht sagen, wenn man von sich weiss, dass man die Lebensvariante des Stroms lebt, dass man abspringt und wieder aufspringt ….. dass alles leicht ist; etwas zu versprechen. Und es nicht zu halten. An einem andern Tag. In dem man anders fühlt.

die grossen Schmerzströme, in die die kleinen elektrisierende Liebesströme nun münden.

Zweitausendundfünfzehn habe ich gefühlt, dass nun die Unvermittelbarkeit meines Zustandes durch Myalgisch E. meine Beziehungsfähigkeit weiter strapazieren wird. All die, die mich als psychisch diagnostiziert und mit milder unerkannter ME kennengelernt hatten (so meine Angehörigen, mein Ex-Ex), waren nicht mehr oder nur unter schwereren Umständen fähig, die nötigen Schritte zu machen und die physische Krankheit zu den psychischen hinzuzuaddieren. Das waren die Jahre, in denen ich nicht mehr wusste, was tun.
Das Grunderlebnis meines Lebens: die Einsamkeit verdoppelte sich. Es war nicht etwas im Lauf der Jahre hinzugekommen, dass mich den Mitmenschen näherte, sondern im Gegenteil, gezwungenermassen entfernen musste.

Ich bin heute durch mehrere Scheiben von meiner Umwelt abgetrennt. Ich bin gleich in drei Bereichen stigmatisiert und unverstanden, a.: in der Physe, b: in der Psyche, c: in der Kunst.

Und ich sehe eigentlich keine Andock-Stellen mehr zwischen mir und der Umwelt. Zum Beispiel zum Lieben braucht es ja doch ein gewisses Grundverständnis für den Menschen, mit dem man zusammen ist, sonst hört man nicht auf, seinen Partner dann doch wieder als komisch zu beurteilen und es prasseln Urteile auf einen niedern, die äusserlich sind und äusserlich bewerten.

Ich dachte lange, Liebe kann lieben, wenn sie sich nur „schmeckt“. Aber ich weiss nicht mehr, ob ich das noch denken soll …. Wenn zwei Menschen unterschiedlich sind (und das ist ja meistens der Fall), so muss irgendetwas das spaltende Element der Entfremdung durchdringen. Aber was ist das und womit tut man das?
Meine Antwort wäre gewesen: in dem man Liebe macht.

Aber ich weiss nicht ….offenbar kann die Lust, Liebe zu machen, für manche vergehen, wenn einer den andern auf Dauer nicht mehr versteht. Ich kann das nicht verstehen.
Ich kann nur verstehen, wenn einer dem andern nicht mehr „schmeckt“. Aber, dass einer dem andern nicht mehr „schmeckt“ kann doch nicht davon abhängen, ob er ihn versteht oder nicht versteht. So oberflächlich kann doch nicht Liebe sein?

Nähe ist mehr als diese Konsenshaftigkeit, ist mehr als: du bist sonderbar, oder: du bist nicht sonderbar.
Dies alles sind geheime Valenzen.
Liebe ist sonderbar und klein, willkürlich, egoistisch, ein Trug, ein Tier, ein Naturwunder. Also die; die die sinnliche Verschmelzung will. Die, die seufzt beim Anblick des Geliebten.

Die andere Liebe, die Liebe von der Mutter zum Kind ist so tief und lang, dass sie bis zu den Wurzeln reicht.

Oh, wieder wollte ich von einem Mann wurzeltief geliebt werden. Wie beliebig oder weniger beliebig du geliebt wurdest, siehst du an der Art, wie deine Liebe von dir geht.

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