Curriculum Vitiosus, Anfang, 2019

Kurz vor meinem neununddreissigsten Geburtstag überkam mich eine so paradoxe unbegründete Angst, dass ich mir wünschte, verrückt zu werden. Ich wollte nicht eigentlich debil sein, aber wenn ich genügend verrückt sein würde, wäre es mir vielleicht möglich, meinen Körper nicht mehr zu spüren.  Mein Körper war mit meinem Gehirn über eine Schnittsstelle, genannt Bewusstsein, verbunden, das mir ununterbrochen die miesesten, alarmierendsten Vorgänge zuschaltete. Die Angst war von einem physischen Reflex nicht zu unterscheiden, doch ich war mir ihr bewusst, weswegen ich sie gedanklich um ein Vielfaches steigern konnte. Ich wollte aus meinem Körper hinaus laufen, denn physisch war ich entschieden nicht stark genug für einen solchen Exzess. Allerdings war Rauslaufen keine Option, da ich den Tod immer mehr gefürchtet habe als das Leben.
Acht Wochen später nachdem sich dieser Zustand automatisiert hatte, erschütterte mich ein heftiges Poltern an der Türe bis ins Mark. Sofort überkam mich die Lust, mir mein Bewusstsein weg zu schiessen. Zwar lag ich in einem fremden Bett, an fremdem Ort, doch war ich immer noch in meinem Körper gefangen. Die Zimmertemperatur betrug etwa zwölf Grad, weswegen ich den Kragen meines alten Schafspelzmantels (der noch Wim gehört hatte) hoch geschlagen und mich zusätzlich wie ein Würstchen in die viel zu kurze, fremd duftende Decke gewickelt hatte. Durch einen winzigen Luftschlitz meiner Wärmeschichten sah ich, wie Pfleger Hackl quer durchs Zimmer stürmte und sich mit einem lauten „Tagwacht!“ vor dem Bett meiner Nachbarin, der Dübendorfer, aufstellte. In dem Moment, in dem der Hackl der Dübendorfer die Decke vom Körper riss, sprang ich auf, huschte ins Männerbad und versuchte mich zu übergeben. Aber so sehr ich auch versuchte, etwas aus meinem Körper herauf zu holen; es kam nichts. Diese Übelkeit strangulierte mich seit Wochen. Sie war schon immer ein fleissiger Begleiter meines Lebens gewesen, doch nun reichten  bereits Gefühle und blosse Gedanken, um einen Würgreiz auszulösen. Mein Körper schien in eine so überwache Anspannung versetzt, dass ich ununterbrochen zitterte, während ich gleichzeitig höllisch auf der Hut sein musste, dass ich nicht vor Schwäche zusammen brach. Diese Kombination aus einem Maximum an nervlicher Erregung bei maximaler physischer Kraftlosigkeit, hat es tatsächlich in sich. Ich auf jeden Fall fühlte mich wie ein Leintuch, an dem unentwegt von zwei Seiten gerissen wird. Dass ich im Leben physisch (und dadurch auch psychisch) nichts mehr vertrug, war übrigens seltsam. Eigentlich war in meinem Leben ja längst so gut wie nichts mehr passiert! Mein letztes grosses Ereignis hatte in der Anschaffung eines grossen Bettes zu meinem Fünfunddreissigsten bestanden sowie des Schreibtisches aus Eichenholz, vier Wochen nach meinem Umzug in die Zweizimmerwohnung an der Hildanusstrasse.

Nachdem ich einen letzten tiefen Atemzug aus der vom Urinstein braun eingefärbten Kloschüssel eingesogen hatte, hievte ich mich an den militärgrünen Klowänden hoch und schlich zurück ins Bett. Hastig zog ich die Wollstrumpfhosen bis unter die Achseln, wickelte mich wieder in Wims Schafspelz und schlüpfte mit dem Kopf seitlich bibbernd unter das Kissen. Obschon ich nie ohne Ohrstöpsel schlief, stanzten mir die Geräusche auf der Abteilung pausenlos winzige Stiche in die Haut, gerade so, als wären meine Poren wie Tausende kleiner Ohren über meinen ganzen Körper verteilt. Mir gegenüber in unserem Sechsbett-Zimmer lag die Scholp vierundzwanzig Stunden lang in einem komatösen Wachzustand. Ergänzt wurde ihr Schnarchen und Grunzen vom Quietschen und Brabbeln der Merola, die ihre lebhaften Schlafgeräusche im Prinzip nur für die drei täglichen Mahlzeiten einstellte. Die Merola benutzte für die Ablage ihres Kopfes üblicherweise die metallene Kopfleiste ihres Bettes, wobei sie ihr Haupt nicht selten in mehrmaligen Hieben dagegen schlug. Neben der Merola lag, zu äusserst am Fenster, in Embryo-Haltung am unteren Ende ihres Bettes, tief versunken in die musikalischen Kehrreime ihres Handyplayers, die junge Elmer. Die Kehrreime waren vermutlich das Resultat von etwas, das ursprünglich als Weckfunktion hätte dienen sollen, doch manchmal erfüllt eine Funktion eben nicht ihren Zweck. Die Elmer erschien nie zu den Mahlzeiten. Aber davon vielleicht später.

 

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