2.30 AM (ante meridiem)

Ein harziges Quietschen wie immer um diese Zeit. Der erste Rollladen geht hoch. Schichtarbeit, vielleicht.
Gleichzeitig dreht oben jemand denHeisswasserhahn auf, ein Nachtbad für Ausflügler, glücklicke Zwei.

Als Kinder haben wir uns in der Wanne als Schaumschlächter solange durch den Schaum gekämpft, bis nur noch kleine faserige Inseln übrig blieben. Das war der Moment, in dem ich an unsichere Länder auf der Karte dachte und das Schiffchen suchte; die auf den Grund gesunkene Seifenschale. Meine Schwester hatte bereits den Stöpsel gezogen. Dass Wasser verschwand jetzt erstaunlich schnell, kalt und unschmiegsam landete ich auf dem Trockenen.

Später hockten wir auf dem Sofa und schauten Scapa Pensieri in Leoparden-Pyjamasaus Ganzkörperanzügen. Sie hatten sogar Füsse dran, so dass wir unsere aufgeweichten Schrumpelzehen nicht länger mit den Fingernägeln aufschälenkonnten. Manchmal gab es noch einen heissen Kakao. Das war der samstagabendliche Höhepunkt.

So in zwei Stunden steigt der Mann von nebenan auf sein Knattermofa und fährt los, im Dunkeln. Immer noch stehen von den Romas die Stühle im Garten und vergammeln. Die ganze Familie ist Ende Sommer ganz plötzlich abgereist mit einer Rostbüchse ohne Nummerschild. Die Corona-Saison war gerade aufgeblüht, und die schwarz vermummelte Alte streckte jedem von uns grossmütig die Hand hin, (von einem solchen Stuhl aus), jedem von uns, der vorüberging!

Gerade, höre ich,  kommt mir gegenüber der Brasilianer heim. Er stürzt immer auf seine Tür zu und drückt die Klinke unter Stöhnen runter wie ein Ertrinkender. Lauthals ruft er dann all die Namen seiner Mitbewohner. Ich weiss nicht, wieviele es sind. Die, die jetzt noch baden, sind, soviel ich gehört habe, Nacktbadende. Nach dem Baden haben sie offenbar Durst und treten mit dem Bier hosenlos (slip-los) auf Balkonien. (ich bin auf Gerüchteangewiesen!)

Damals, als Schwesi und ich badeten, als Kind, daheim in der Wanne, sind wir dann abgetaucht und haben mit der obersten abgestandenen Brackwasserschicht eine ganze Weile gegurgelt. Meine Schwester drehte nochmals den heissen Wasserhahn auf. Nun war es zu heiss, also drehte sie den kalten Hahn auf. Nun war es zu kalt. Aber mehr Wasser einlaufen lassen konnten wir definitiv nicht. Also mussten wir entweder den Stöpsel rausziehen oder aber noch einmal Schauma nach schütten. Also machten wir das (letzteres)

And so on.

Träume sind ja bekanntlich Schäume. Ich meine, weil die jungen Nacktbadenden dann immer streiten. Jedermann im Haus wüsste, dass sie diese aufwendige Art der Versöhnung nicht nötig haben, so jung und lebhaft wie sie sind. Aber wenn das Schreien zu laut wird, oder auch jemand den Heisswasserhahn zu stark aufdreht, habe ich immer das Gefühl, dass die Wände zerplatzen. Es gibt dann einen Überdruck, aber keinerlei Dämpfung in diesem Haus. Und ich denke dann immer; wenn die gewaltige Stimme der Schwarzen oben links nur mal ein Lied anstimmen würde! Amazing Grace ….

Den Kurden mit dem schlenkernden Gang und dem Transportinstitut hab ich schon vorgestellt. Ich denke, er schläft jetzt tief und fest, denn bald steigt er aus den Federn. Auch er bewohnt die kleine Wohnung nicht allein.

Ich habe keine Ahnung, wieviele Leute in diesem Haus wohnen, das so filigran ist, dass es fast zerplatzt. Als ich noch am Mauziweg wohnte, im Altbau, in Bern, waren wir genau vier Parteien: zuunterst Carla, die Säuferin, die einmal im Lotto gewonnen hat. In der Mitte Regula, die Yogalehrerin, deren Blumen ich goss, wenn sie mal wieder am Healing-Seminar in Kalifornien war, und zuoberst Traudi, die immer die Polizei rief: entweder, wenn ich nachts um Zehn noch Fifty Cent hörte. Oder es nach Gas roch im Treppenhaus wegen Carla, die ja immer gleichzeitig kotzte und soff. Und dann sich noch in die Luft sprengen wollte aus ihrem düsteren Schacht.

Ich hab damals noch mit den Menschen gesprochen. Und das ist reiner Zufall. Es hat sich ganz natürlich so ergeben. Als Carla anfing zu halluzinieren, ist sie immer durchs Treppenhaus zu mir hinauf gerannt. Traudi, der Hauspolizist,  hat sie im Gang abgefangen und ihr streng den Weg versperrt: Wohin willst du? rief sie. „Zu Marion will ich!“ Aber dann ging alles ganz schnell, der Eigenbedarf des Hauses verkündet. Carla und ich mussten raus. Traudi starb erstaunlich schnell. Aber Regula muss noch dort sein,  in ihrer Wohnung, in der es absolut nach Nichts riecht. Nach keinem Körper, keinem Blumenmund. Höchstens ein bisschen nach Fencheltee.

Der Mauziweg war der schönste Ort, an dem ich wohnte, schöner als die Hildanusstrasse. Dass es dann trotzdem gut war, dass ich mal da wegkam und in den Breitenrain disslozierte, war überfällig. Besonders, nachdem das ganze Quartier Kunde kriegte, ich, Eigenbrötler und Durchstrich hätte die Ehe von Hopper B., dem renommierten A. zur Strecke gebracht. Dabei war das natürlich, wie so oft, ganz anders. Hopper B., der Kultivierte, Verheiratete vom schönen Nachbarhaus machte mir auf einmal den Hof. Jeden Morgen stand er bereits vor Sechs Uhr früh in den Socken da, mit Parfüm, Kaviar, grafischen Skizzen von unserer genialen gemeinsamen Zukunft etc. Mein Milchkasten war platschvoll und zerbarst. Weil Hopper B. dermassen manisch war! Für Traudi war das alles zuviel. Sie rief die Polizei an. Aber Hopper B., war damals in der Form seines Lebens; er liebte seine Feinde! Und beschenkte jeden Streuner und jede Streunerin, die ihm über den Weg lief mit einem herzensguten Wort! Gefühlt!

Ich geb dir 1000 Franken in Bar, dafür, dass du mich in Ruhe lässt. Sagte ich zu Hopper B., bevor er endlich für einige Zeit nach Ibiza ausbüchste. Nachts um Zwei standen wir gemeinsam beim Coop am Eigerplatz vor dem Bankomaten und verhandelten. Es war so lustig. Ich fing blödesterweise an, Hopper B., zu mögen. Immerhin war er ein origineller, begabter, witziger, hoch vitaler und reiferer Mann Ende Vierzig! Er ähnelte dem leicht untersetzten, sinnlichen Kuschelbären H. Winesteins, mit der Prise enthemmter Vulgarität und den üppigen, fetten Zügen des Sonnenkönigs. Einmal, als ich die Ehefrau im Quartier traf, trat sie an mich heran und sagte: „Hopper schafft es einfach nicht mehr von Ibizia zurück … er hat in Spanien unser Auto verschrottet.“ Ich kondolierte (kondolisierte?) pfiffig-diskret-fröhlich. Doch dann, als er zurückkam, ging die Sache erst richtig los. Es muss damit zusammenhängen, dass ich ein einziges Mal an die breite Brust gegen Hopper B. heran klatschte. Auf einmal spürte ich, wie sich das so anfühlen würde; eine breite Brust zum Anlehnen! Und seine Worte, seine reifen,klangen noch schaumiger als vor seiner Reise.

Lügen haben bekanntlich kurze Beine. Das Verzwickte ist nur; dass derjenige, der sie erzählt, meint, er erzähle die Wahrheit! In dem Moment, in dem er sie erzählt! Ja, das ist das Verzwickte! Oder? Habe ich recht?

„Schreib doch endlich die Geschichte über den Hopper und die anderen Lügengeissböcke!“, schwafelte mein Platonischer, als die Jahre ins Land gingen, einmal … Aber ich war nicht begeistert. Ich brauche immer eine grosse Motivation und finde das Meiste, von dem mein Platonischer sagte, ich solle darüber schreiben: nicht notwendig. Unnötig.

Only Trash.

Warum soll ich etwas schreiben, das weder für die Welt noch für ein einziges Herz wichtig ist?

Ich wäre, ehrlich gesagt lieber tot.

Ach ja, Hopper B.hatte eine selbstgebastelte, moderne Badewanne, mitten im Wohnzimmer! In dieser badete er grad sehr heiss (um seine „Geister“, wie er sagte, zu beleben) und wünschte mir guteNacht durch ein noch realtiv antikes Handymodell (2009). Als seine Frau ihn ertappte. Nicht, dass sie nicht alles gewusst und gesehen hätte, was sich vor ihren Augen abspielte mit ihrem Unikum vom Mann ….
Gehässig schickte sie ihn zu mir rüber! Dahin, wo er gut hin passe….. um Dinge zu tun, die nur dreckige, kleine Jungs machen, wenn sie von kleinen Mädchen träumen, die ebenfalls klein und dreckig sind, weil sie kleine dreckige Dinge tun, wenn sie von kleinen dreckigen Jungs träumen. Und kleine, dreckige Jungs dazu anstiften, Schweinereien gemeinsam mit einer gewissen Raffinesse zu machen.

Only Brackwasser.

(Aber, und dies noch zum Schluss: er lebte ja von ihr(finanziell).Die beiden bildeten ein beruflich starkes Team, von dem sie Kopf und Verwaltung ausmachte, er Kreativität u Innovation…. der Versuch, Hopper B’s auszubrechen, war eine Illusion. Und da sieht man übrigens auch mal wieder, wofür ein solches Team zwischen Mann und Frau gut sein kann …. ein gemeinsames berufliches Projekt usw.)

Ich glaube, es regnet. Hinter den ausgedünnten gläsernen Fenstern höre ich ein leises Plätschern. Können Glasscheiben dünner werden mit den Jahren? Diese sind mindestens fünfzigjährig. Wenn es nur nicht wieder stürmt.

Wenn es hier stürmt, was in der letzten Zeit oft passiert, dann weht Wind durch die Ritzen. Er schlüpft mir dann unter die Brust und hebt mir den Deckel meines Denkens und Harrens. Dieser Deckel, der meine Konzentration zudeckt und macht, dass ich mich nicht verliere.
Obschon ich vielleicht nie wieder das Tageslicht sehen werde.

Nun rollt das Rauschen von hinter der Lärmschutzwand heran. Die Autobahn ruht nicht länger als vielleicht zwei Stunden pro Nacht.

Ich hätte wirklich mal wieder gerne dampfende Butterkipfel zum Fühstück.
(18.10.2020)
<

Wie kann ich einen grösseren Zeilenabstand machen?

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *