Prosa_4 AM

In den Heizungsrohren rauscht das Meer. Ich kann es hören. Sie grollen in alle Richtungen, ein immerwährender Irgendwo-Ton. So still ist es. So still.

Einmal kurbelten wir alle Autofenster herunter,  klemmten unsere Hemden an die Haltegriffe. Zwischen Sevilla und Jaen war’s. Lauter Gestrüpp und Kaktuswüste. Wo sich Lydia und Hannes zwei Wochen lang anschwiegen zwischen kurzen Eruptionen: Galle kommt hoch, wenn man einander zu lange beschweigt. Sie kotzten sie sich gegenseitig vor die Füsse.

Der Wind flatterte süss wie Weinschaum, sicher. Die Sonne brannte, zwischen Sevilla und Jaen, wo nichts wuchs, ausser raues Haar aus gesprungenen Erdritzen. Bitter schmeckte der Tang, den die Flut bei Isla Cristina heranschwemmte, vom Salz gebleichte Äste und kobaltblaue Bierflaschenböden, randrund gewaschen. Hanna wettete, es waren Juwelen. Gemmae Silentium, nannte sie sie, denn sie hatte ja ein Stein-Buch wie auch einen Zauberkasten, mit dem sie Steine in Juwelen verwandeln konnte. Blond wie das Schilf, spazierte Hanna von der Playa Richtung Dorf mit ihrer Sammlung. Der Lambada-Wagen tuckerte an den staubigen weissen Fassaden vorbei, er fuhr ohne Lenker. Aber auf seinem Dach thronte ein Sender, der lud zum Bitterbauchtanz.

ich war nie wieder in Spanien, seither, wo die Kerle in Hannes Alter meiner dreizehnjährigen Schwester nachriefen aus dem kilometerlangen Stau neben der Uferromenade von Cadiz. Hanna trug das Gemmae Silentium in einem Bauchtäschchen und floh aus dem Gehupe hinunter zum Strand, in der Absicht, weitere Juwelen zu pflücken: stinkende Krebsbeine, geteerte Peseten, getrocknete Seesterne. Und Lampenschirmteile, die herangeschmettert wurden vom Atlantik.

Das war, bevor das grosse Sturmtief kam und wir heim kehrten, also richtig, zurück in die Schweiz. Weil Lydia nicht mehr aufs Häuschen konnte. Sie war natürlich embarazada in den Augen der Bungalow-Vermieter, die ein ziemlich schnelles Katalanisch sprachen. Doch letztes war nicht der Fall. Lydia und Hannes waren nur eben ans Ende gekommen miteinander, in den besten Jahren. Und darum startete Dad im tiefem Schweigen den Motor. Neben ihm seine schwangere Frau, ohne einen Mucks. Und auf dem Rücksitz ineben mir Hanna mit ihren teuren Fundalien im Schoss.

Sand rieselte von einem Flaschenhals, von einem Oben nach Unten. Hanna kehrte ihre Sanduhr solange, bis wir die Tausend Kilometer von Isla Cristina an die Schweizer Grenze zurückgelegt hatten, Mom in Genf aus dem Auto sprang, nicht, um im Mövenpick ein Eis zu essen—–

Das war Spanien. Dieses Hupen, Flattern, Rufen, Schreien, der Lambada-Wagen und die Flut. Der rieselnde Sand mit seinem Nirgendwo-Ton.—–

Im grossen Kindheitshaus wurde es mehrere Jahre später sehr still. Ein Schweigen verteilte sich über die ganzen Stockwerke. Besonders, als Schwester auszog. Ich hab nicht für viele Geräusche gesorgt. Irgendwann, Jahre später, hat Hannes eine Erdheizung einbauen lassen, die Wärme aus dem Boden gewinnt. Seither stampft auch nachts ein Drachengeheul durch die Räume, an die ich jetzt denken muss.

Um diese Zeit überrascht mich gewöhnlich die Stille. Es ist, als wollte sie die Zeit lahmlegen zwischen mir und meinen Gedanken, die immer lauter werden. Suchen nach einem Gefährten im Ton. Und dann höre ich auf einmal dieses seltsame Wehen u Fliegen. Und kann es nicht zuordnen. Ich stehe auf und öffne die Balkontüre und suche das Geräusch einer häuslichen Totenstille, die nicht Stille ist, draussen.

Da sind sofort die Strassen. Der Verkehr, der links und rechts, oben und unten über die Brücken federt, pausenlos. Von einem kurzen, gellenden Krächzen durchbrochen wird, ein Marder vielleicht. Oder einem Kauz, selbst.

Als ich noch in Brügg wohnte, in meinen letzten Tagen u Wochen, habe ich die Nachtigall gehört, sie trillerte im Bodennahen Gebüsch. Obschon ich vierzehn Tage lang meine Ohropax nicht mehr aus meinen Ohren nahm. Einmal nahm ich die Stöpsel doch heraus und vergass es, sie zurück in die Ohren zu stopfen.

Prompt hörte ich Geräusche, die mir weh taten. Geräusche des Lebens, Geräusche, wie sie alle machen.

Gemmae Silentium. Entschlüpft, wo der Meeresspiegel am Tiefsten ist. Ich wünschte, die Alchemistin würde kommen und alles verwandeln!

Lastwagenspuren fahren mir übers Ohr und jetzt- kann das sein, um diese Zeit?- geht im Schwarz ein Flugzeug spazieren. Wie mich rostig fröstelt.

Nun will ich den Ton, mit dem ich zur Welt gekommen bin, schlafen legen.

Bitte weckt mich nur in dringenden Fällen,  wenn ihr etwas besonders Zähflüssiges sagen müsst. Etwas, das für das Meer oder das Klo bestimmt ist.
Oder wenn es so lustig ist, dass ich Tränenlachen kann.

(5.2.2021)
Von meinem/meiner Galaxy gesendet
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