3004_zur „Quarantäne“, über Catherine aus Zolas „Germinal“ sowie den „Zauberberg“ und das „Buch“ von Gott

Ich brauche das gewisse Etwas, um schreiben zu können. Ich brauche es: in eine exaltierte Stimmung zu geraten, eine Erregung! Aber ich bin so müde von den ununterbrochenen physischen Konvulsionen. Bluthochdruck beim Aufrichten des Korpus. Auspressen der Gedärme. Erwachen in Agonie und Verwirrung, ohne Muskeltonus, ein schlapper, luftleerer Ball, der von bösen Wellen gegen den Horizont gespült wird.  Ich habe keinerlei Chance, meine Gesundheit zu wollen, ich kann das Verfaulen und Degenerieren, die Ausstülpungen, die sich an jedem Körperort zeigen, nicht aufhalten, ich stehe zu dem, was in meinem Körper passiert, wie ein Mensch im Barock zu einem Gewitter.

Ich bin so ahnungslos und kenne die Ursache nicht meines Verreckens. Ich kenne die Kämpfe nicht, die mein Körper spielt. Ich lebe in einer Art Mittelalter. Ich rufe nach Gott, damit er mir den Gefässkneuel öffnet, im Nacken, damit das Blut wieder in meinen Kopf fliesst. Und ich wieder denken und schreiben und erregt sein kann. Gott: das schwarze Vogerl. (nach Bernhard) Er hat so keinen Glam. Er verführt mich nicht. Immer noch habe ich sein Buch, die Bibel, nicht studiert. Dabei, es ist wahr: ich brauch was Schweres. Dieses Dasein ist so ungeheiligt. So formlos. Ich habe schon so lange durch kein Schlüsselloch mehr geblickt. Intimität, die mir den Atem stocken würde.

Also, wie soll ich meine „Quarantäne“ gewichten? Mir fällt nicht mal ein Epos ein, dass diese formlose Gegenwart fasst. Habe den „Zauberberg“ wieder gelesen. Flauberts „Emma Bovary“ und Zolas „Germinal„. Catherine Maheux, die 500 Meter tief unter der Erde im Kohleschacht liebt und stirbt. Während Cecil, die Tochter des Grubenbesitzers Brioches in der gut geheizten Stube frühstückt. Ich sehe die Welt von Innen durch die Bücher. Aber diese hier, in der ich seit 46 Jahren lebe, sehe ich nicht.

 

Dies hat mich fast verrückt gemacht, vor ca. 15 Jahren: dass ich keinen Kern erreiche, von dem aus ich meine Umwelt erfahre. Was ich nicht erfahre, kann ich nur als Fehlen und Mangel ausdrücken, in meinem Schreiben. Ich muss Seiten mit Leerzeilen füllen, weil ich die Menschen nicht sehe, nicht kenne, nicht berühre.

 

Schon seit vier Jahren bin ich nicht mehr nach Bowil gekommen. Das kleine Örtchen im Emmental, 30 Minuten mit der Bahn. Und dann an der Emme entlang zurück nach Konolfingen laufen. Durch die Gräser, vorbei an den süss duftenden Kühen, den blühenden Bäumen und Hofhunden. Das Emmental zu erreichen: obschon ich in die Welt wollte. Aber dann dachte ich: diese Welt, die kann auch zu mir kommen. In diesem Moment! Dann kam die Quarantäne Eins, dann die Quarantäne Zwei. Zizek: „Will we we have a soul without a body?“ Ich bin das, futuristisch und gleichwohl anachronistisch: eine Seele ohne Körper. Liebemachen ist eine sehr sehr schöne Sache. Hoffentlich vergessen es die Leute nicht in ihrer Obsession, gegen alles immun zu sein. Was weiss ich schon! Ich kenne kein einziges Drama nebenan, an dem ich teilhaben könnte.

Ich schreibe über Ghost City als über einen Ort der Gespenster. Ich kann dabei nur beschreiben. Aber nicht, wenn ich nicht erregt bin. Und die Anspannung nicht meine Spitzen erreicht. Dann schreibe ich schlecht. Schreiben ist Sport, bessergesagt Ballet, Tanz, eine 100% energetische Angelegenheit. Mein Körper baumelt unter mir ohne Tonus. In meinem Nacken, da wo die Nerven und Gefässe zusammenkommen, ist alles zusammengezogen und verengt und ich weiss nicht, wie ich diesen Verschluss öffnen kann. Mit einem so kleinen Blutvolumen.

Catherine Maheux schaufelt Kohle im Förderschacht bei 50 Grad. Sie macht es, wie die Männer und zieht das Hemd aus Aber dann fällt sie doch in Ohnmacht. Als oben der Streik ausbricht, geht Catherine weiter Kohle schaufeln. Der Streik führt dazu, dass die Kinder verhungern. Wozu ist er also gut? Die Kohlegrubenarbeiter haben keine Alternative. Rasseur weiss das. Also zerstört er die Grube in einem kriminellen Akt. Die Dämme brechen ein, die Arbeiter ertrinken. Catherine erklimmt die 60 Leitern, die senkrecht aus dem Kohleschacht ins Freie führen. Zwischen zwei andern Leibern wird ihr bereits toter Körper hochgeschoben. Und doch sind diese Leute am Wochenende so fröhlich, tanzen, saufen, vögeln.

Viel fröhlicher als die Dekadenten, die oben in Davos zur Liegekur antreten, ca.20 Jahre später im „Zauberberg“. Castorf und Settembrini. Wochen, Monate und Jahre vergehen, aber der Fleck auf Castorfs Lunge scheint sich nicht zu verändern. Auf einmal passiert etwas mit ihm: er will nicht mehr hinunter, er will in der Krankheit zuhause bleiben. Die Zeit verlangsamt sich. Castorf fällt aus ihr heraus. Er ist kein Bürger mehr, sondern sowas wie ein Müsiggänger. Er findet die Gesunden nun vulgär und die Kranken edel. Aber dann muss er doch hinunter, denn Settembrini, der Humanist, hat ja gesagt, dass der Krieg kommen wird. Er ist ein Übel, aber muss sein. (!) Castorfs Spuren verlieren sich im Schlachtfeld. Wahrscheinlich nimmt er ein gewöhnliches Ende. Thomas Mann hat einige Charaktere abgekupfert, zb. Medizinalrat Behrens. Dies war ein Lungenarzt in der TB-Klinik in Davos und er wollte dem angehenden Nobelpreisträger Mann den Prozess machen. Liess es dann aber sein.

In diesen Epen sind die Menschen doch all ihrer Übel und Umstände zum Trotz, Menschen. Und in den Epen von heute? Habe schon sehr lange keine Augen mehr gesehen. Augen, die fragend oder lachend über einen Maskenrand kriechen. Ich bin sicher, man könnte noch Epen schreiben. Aber dazu muss man in der Welt leben. Sie erfahren. Langsam genug in sie eintauchen.

Was für ein Buch hat Gott geschrieben?
In meiner Phantasie: ein Grosses, schönes Schutzbuch! Ein Geborgenheitsbuch!!!!!!!

(28.5.2021)

 

 

 

Emil Zola/Germinal, 1885, ca 600 Seiten

Thomas Mann/Der Zauberberg, 1925, ca.1120 Seiten

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *