3004_Diary_ich schlafe fast nur noch

Nun bin ich neidisch auf mich selbst, als es mir eben noch besser ging und bevor ich feststellte, dass diese Tage „abgebrochen“ sind und etwas Neues angebrochen ist: ich schlafe fast nur noch. Zu sehen, wie meine physischen Widerstände schwinden, ängstigt mich. Ich hasse es, mir bei diesem Niedersinken in die „Umnachtung“ zuzuschauen. Dieser Schlaf überkommt mich zu Tageszeiten, in denen ich noch vor wenigen Wochen in meiner gepressten kleinen „Form von Hochform“ ein bisschen Videos drehte, Musik hörte, präsent war. Aus dem Nichts (nicht zu wissen, woran ich sterbe! Tatsächlich!),  zieht es mich hinab in einen zähen, betonierten Schlaf, aus dem Erwachen ist, wie: Zementblöcke vom Körper schaufeln. Ist dies getan, werde ich von Imperativen gejagt: muss die paar wichtigen Tätigkeiten hinter mich bringen, wie Essen, Trinken, Medikamente zerkleinern, Hygiene machen, Abwaschen; all das ziemlich schnell und fahrig, weil ich keine Kraft habe, die Aktivitäten durchzuhalten. Ich habe das Gold verloren: meine Adrenalinsurges!!!! Wochenlang, vielleicht Monate haben sie angedauert, ich habe vielleicht kleine Pseudoparties gefeiert dank physischen Kompensationswundern. Es ist: wie schauen in einen leeren Brunnen. Dieser Schlaf, in den ich hinabsinke, wie in ein zähes Pechfass, bei Licht, der Bildschirm auf dem Bauch; er ist begleitet von wirren Träumen und neurologischen Symptomen. Symptome und Träume breiten sich zusammen aus zu beissenden Halluzinationen. Körperteile schlafen mir ein, (wohl real) Bauchgegend schläft mir ein (real), Herzgegend schläft mir ein (real), Arme schlafen mir ein (real), Lippen schlafen mir ein (real) und ich bin in Todesgefahr (real oder nicht real!?), ich sterbe grad (real oder Halluzination? real?!) und „muss dringend herauskommen“ aus diesem Zementloch zwischen Absinken und Wachen. Minuten, vielleicht Stunden ziehen an mir vorbei, nun ist es soweit: ich verpasse sogar mein eigenes Leben! Verpasse es, Buch zu führen, über die Fremde und Nahe, die ich mir bin, verliere die Kontrolle. Wie die Krebskranken in ihren letzten Wochen, wenn sie nur noch daliegen und nichts mehr mitkriegen (diese Geschichten kenne ich von meiner Mutter, der Krankenschwester, die Geschichten der Sterbenden, die sie am Esstisch ausbreitete haben mir als Kind immer unglaubliche Angst eingejagt.) Aber es ist ja so, dass ich keine Ahnung habe, wieviele Verwandlungen und persönliche Partyabgänge ich verabschieden muss, wieviele Persönlichkeitsschichten, bis ich mich nicht mehr auflehne und mich für immer der Nacht überlasse, sozusagen ein abgehängter, schlaffer Vorhang. Dass mich dann der Tod nimmt, ohne, dass ich beisse und keiffe, heule vor Angst und Bedauern; das alles ist für mich undenkbar. Es ist undenkbar; weil ich—- wie ich in meiner Quarantäne schreibe— falls ich noch kann—-das Bedürfnis nach Leben nicht natürlich stillen konnte, undenkbar, weil ich nicht „fertig“ bin, nicht satt wurde— sondern aufgebahrt—-immer noch den Stift in der Hand habe, mit dem ich den Umrissen meines Begehrens entlangfahre, Ausbuchtungen. Weil diese Biografie nun zwar einen „Glaubenssatz“ hat. Aber trotzdem kein Gesicht. Für einen Kontrollfreak ist es nicht einfach mit dem Playing-Dead-Syndrom. Es gibt ja keinen messbaren „Tumor“ oder Vergleichsmöglichkeiten, die einem eine Ahnung geben, wo man zwischen Leben und Tod so steht. Es gibt keinen Arzt, der einem sagt: dies ist letal und Sie haben noch zwischen drei und acht Monaten. Die Halluzinationen, die man im schweren Zustand erlebt, können echt sein, aber irgendwie bleiben sie auch eine grosse Halluzination, in der man als betroffener Körper halluziniert: die Wahnvorstellung, an einer Krankheit zu leiden und zu sterben, die auf dem Papier (WHO) existiert, aber da draussen nicht. Die Wahnvorstellung, man könnte seinen eigenen Tod verpassen, und zuletzt nicht beweisen können, dass man tatsächlich tot ist.

Klaus Kinski hielt sich für unsterblich, aber dann Schlug eine verhältnismässig kleine Schaumwelle am Meer über ihm zusammen. Er hielt sich vielleicht für unsterblich, weil er sich bis zu diesem letzten Moment so furchtbar voll und ganz und grandios fühlte? Oder erlag er einer Halluzination?

(11.5.21)

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