3004_Diary_online_shopping

Man kann also durchaus auch eine Sucht (oder ein schlechtes Verhalten) haben und genaustens verstehen, wie diese Sucht zu Stande kommt und funktioniert. Und es kann trotzdem sein, dass man aus eigenem Antrieb nichts dagegen unternehmen kann. Das ist das Erstaunliche. Und obwohl man ab dann von „pathologisch“ spricht, sobald man mit seinem Suchtverhalten sich oder andere schädigt, (wobei v.a. sich selbst) ändert man nichts daran. Es wäre ja nicht zutreffend, zu behaupten, dass man nicht will. Aber es wäre auch nicht wirklich zutreffend, zu behaupten, dass man will. Ich weiss nicht, ob es zutreffend ist, zu behaupten, dass ich nicht kann. Am ehesten ist es ein Spiel mit dem Feuer. Manchmal brennt ein Feuer lange nicht. Und dann, mit einer einzigen kurzen Reibung als Strich über eine brennbare Fläche, geht alles in Flammen auf. Dann müssen vermutlich Verbote von Aussen zum Einsatz kommen.
Wenn ich weiss, dass ich Dinge mache, die schlecht sind für mich selbst u., aber ich ändere sie nicht; was bringt es mir dann, wenn ich zu einem Shrink gehe, der mit mir in der Psyche die Ansätze sucht für mein schlechtes Verhalten? Ich behaupte, dass es zu einfach ist (wie das in der Regel von Psychs gemacht wird): zu glauben, dass im Unterbewusstsein eine Art Teufelchen sitzt, und dass dieses Teufelchen, wenn man es nicht mit der Zange rausfischt, durch einen wütet. Also in Anbetracht der extremen Selbstspiegelung und Selbstbezichtigung, die von „uns“, ich meine, dem modernen Menschen verlangt wird, kann das nicht das Problem sein.
Ich auf jeden Fall glaube nicht, dass ich ein Unterbewusstsein habe, das durch mich hindurch den Blödsinn verursacht, den ich anstelle. Ich mache Blödsinn bei vollstem Bewusstsein.
(viel ist es nicht, aber er fällt bereits ins Gewicht. Offenbar kann sich nicht jeder gleichviel davon leisten)

Konkret hat sich bei mir in den letzten fünf Jahren und also aus der immobilen Bettlage eine Online-Shopping-Sucht entwickelt. Der Anblick von Funkelsteinchen, Perle, Zirkonia oder Gold Threader (auch Trash und Imitat, ja, vor allem Imitat) tut mir wohl. Ich kreise geistig dann so lange und zwanghaft um das Produkt, bis ich es bestelle. Es geht nie ums Jagen allein, oder ums Anhäufen von Waren. Ich suche über das einmalige Detail, in das ich mich verlieben kann. Ich suche die Vergleiche in den Besonderheiten. Wenn man mal die Shops gefunden hat auf dem Net; dann ist der Suche nach dem „Besonderen“ kein Ende gesetzt, weil sich auch das Besondere auf dem Net summiert und herunter vermarktet wird auf eine triviale, konsumable Ebene.

In der Kleidermode bin ich auch dem Trash verhaftet und belaste die Umwelt, in dem ich Fast Fashion unterstütze. Der Aufwand von Online-Shopping ist gigantisch. In einem Laden vor Ort kann man durchaus zehn Paar Jeans probieren. Aber zehn Paar Jeans verpacken und sich online zuschicken zu lassen, ist eine grässliche Sünde.

Ich will immer das Persönliche in meinen Kubus holen. Die Pervetierung geht in die folgende Richtung: Weil ich so gut wie keinen Output habe (woran ich nicht allein Schuld bin), menschliche Gesichter nur noch alle 3 bis 4 Wochen life sehe (meistens meine Eltern); sublimiere ich Oxitocyn-Shopping.

Es ist so: wenn ich shoppe, wird mir danke gesagt, dafür, dass ich geshoppt habe! Die Shopping-Läden begrüssen mich mit Worten: Schön, dich wieder bei uns zu haben, Marion Jeanne! usw. Das stimmt mich sanft und beinhaltet einen sozialen  Austausch.

Trotzdem ist mit all dem jetzt Schluss. Weil das Geld, das ich verschreddere, nicht mir gehört.

Ich brauche eine andere Sublimierung.

(18.3.2021)

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