zum Verschwinden

‘Es gibt kein Schreiben ohne den Körper, aber kein Körper erscheint vollständig mit dem Schreiben, das ihn produziert.’ Oder: ‘Der Körper wird zum Anlass der Trennung von sich Selbst, in dem er sich dem Bild entzieht, das er erzwingt.’ ( Judith Butler in “Subjekt und Sinnlichkeit”, ja, ich habe in diesem traurigen Winter ein wenig hochtrabende Dinge gelesen, das ist wie verbotener Sport, wie kalt Duschen, für mich!) Das Erstaunliche ist ja genau dies, finde ich: Ich schreibe aus einem Körper, der in mir ist, irgendwie. Mit einer Sprache von Ausserhalb von mir, ÜBER diesen Körper, DER DANN DOCH NICHT IN MIR IST, ETWAS VON MIR SEIN KANN, GENAUERDINGEN. Und wenn ich es mir genau überlege, ist der Körper, ist die Sprache, ist mein Ich, das spricht (Subjekt), GAR nirgendwo. Ich könnte also diesen Punkt in meinem ersten Teil (Arbeitstitel: Ende der Homöostase, noch kein richtiger Titel) kurz ergänzen: dass mein Versuch, Ich zu werden und mich zu rechtfertigen über das, was mit mir geschehen ist, sich auf demselben schwammigen unmöglichen Grund vollzieht, wie es der Versuch tut, mit Medizin über einen Körper zu reden, der nirgendwo abbildbar ist, ausser in einem bestimmten diagnostischen Verfahren. Aber ist das der Körper? Oder nur der Körper ihrer Sprache? Weil es diese Diagnostik für ME/CFS nicht gibt, bin ich um meine meine Glaubhaftigkeit gebracht worden, um mein ICH-Sein. Und ich habe kein offizielles Leben gehabt, habe es nur verwartet. Das ist erstaunlich, auf den ersten Blick, aber offenbar können wir nur ICH sagen auf Dauer, wenn wir diesen Körper in uns in einer bestimmten Weise erfahren- und zwar so, wie es die Allgemeinheit, die Norm und ihre dazu passende Sprache vorgibt, indem sie spricht, ÜBER IHREN KÖRPER WIE ÜBER EINEN AUSSENKÖRPER. Wir sagen ICH, auf dem Umweg über einen weiten Weg, über ein Draussen, ein weit weg von uns, sagen von dort: ICH, MEIN KÖRPER und das mit einer Sprache, die wiederum, also finde ich, ein geschlossenes System ist, eine Art unmögliche Ko-Existenz von einem Subjekt, das spricht über Dinge, AUSSERHALB über sich, mit einer Sprache, die versucht, die Dinge von Ausserhalb in sich hineinzunehmen, um dann, sie zu verwandelt in etwas Objektives, wieder auszuspucken, ohne, dass man je sieht, von wo aus all das ausgeht, was einen dann: Ich, du, Körper sagen lässt.usw.

Heute auf dem Spaziergang musste ich mir sagen: “Nun ist dein ganzer Organismus krank. Lange war es nur dein Körper, deine Körperzellen, die auf dem Boden lagen. Lange hattest du das Gefühl, dein Kopf gehört nicht zum restlichen Körper, er schwebt darüber, er arbeitet, funktioniert, rotiert noch! Er ist noch aktiv, überaktiv, gesund! Er kann kein Körper sein, dein Geist! (Diese Metapher für Gott, der keine Metapher ist für Nichts.) Nun aber erreicht das Licht dein Gehirn nicht mehr, und das tiefe, mittelmässig tiefe Funktionsniveau deines Körpers und dein jetzt mittelmässig tiefes, schlechtes Funktionsniveau deiner Kognition haben sich angeglichen und eingependelt auf mittelmässig schlechtem, unbrauchbarem Lebensniveau. Interessant ist, wenn ich Organismus sage, nicht nur Körper, meine ich wohl, dass das Gehirn und die Psyche jetzt in meiner Auffassung 🙂 auch zum Körper zählen, obschon ja gerade die Psyche, wenn man sie einmal physisch aufbröselt, dann auch wieder fast ganz im Dunkel verschwindet, fast gar nur eine Metapher ist!? Und also etwas, das eine sprachliche Bedeutung ausspricht über etwas, das, sei es nicht in chemische Transmitter resp Biochemie usw., aufzuspalten, auch keinen eigentlichen Sitz hat?! Das Gehirn ist für mich nun offenbar dieses Mischwesen, es ist also jetzt auch Körper, gefangen im Körper, ja, aber da ist noch dieser ausserordentliche Rest, der mich die Erfahrung machen lässt; Von all diesen geschlossenen Regelkreisen ist mein Bewusstsein das, das mir sagt: niemals werde ich etwas Brauchbares sagen können über mein Dasein auf Erden, über mein Verhalten, mein Denken, mein Symptome- in Metaphern oder med. Termini- solange da die Grenzen meines Körpers sind. Über mich, über die Dinge kann ich nur sagen, was mein Körper mir sagt, der wiederum keine Sprache hat, die übersetzbar ist. Ich bin also auch sprachlich an meine Grenze angelangt. (Vielleicht eher Kap. 4, Sickhouse, Schluss). Mit der Sprache verhält es sich doch genau gleicht zu sich selbst, wie von mir zu diesem Körper. Mit der Sprache muss ich einen riesigen Umweg über ein Aussen machen, um etwas zu sagen, über meinen Körper, um etwas über mich zu sagen. Und über all das lässt sich nichts sagen, weil der Grund schwammig, zweigeteilt, ortlos ist! (Also: Topic für Kap. 1, Ende der Homöstase, erst Arbeitstitel)

Irigaray: ‘Ich kann den Andern nicht am Modell meiner Selbst begreifen.’ (Butler): Ja. ‘ Lieben heisst, für den Andern nicht tot sein!’ WOW. GENIAL. Für diesen Satz hat es sich schon gelohnt, solch starre komische Satzstruktur zu lesen und den armseligen erschöpften Kopf aus dem Sumpf der Agonie zu heben, weil er leider Teil des Körpers, des Organismus ist- des eigenen, aber wohl leider auch eines grösseren, mir unbekannten Organismus.( obwohl andere sagen würden, es sei derselbe.) Ich denke ja: mit dem Kapitel 2, Love, da habe ich keine neuen Probleme. Wenn ich davon auch zuwenig erlebte, weiss ich darüber alles, habe immer alles darüber gewusst. Auch das, was ich nicht weiss. Es gibt nichts zu wissen über die Liebe, und darüber war ich immer erleichtert. Liebe ist das Andere, das ganz Andere. Meine Liebe lässt sich nicht fangen, wird nicht nach Eva Illouz:’ ‘Gefühlen in Zeiten des Kapitalismus’: konsummabel, fungibel, austauschbar gemacht. In der Liebe duldete ich kein kulturelles Konzept, keine Zähmung. Bis zu einem gewissen Grad duldete ich auch keine Regeln. (aber das war einmal). Auch wenn ich, traurig, traurig, in meinem Ego gefangen bleibe, weil ich fast nie die Möglichkeit hatte, zu lieben: ‘MUSS ICH MEIN SELBST VERNICHTEN, UM LIEBEN ZU KÖNNEN?’ (Byung chul?von wem?) ODER MUSS ICH DAS GEGENTEIL, EIN RICHTIG GESUNDER EGO SEIN? ( meine Ergänzung) ‘Für die Frau ist die Liebe eine tektonische Kraft.’ (Bravo Michel.) Alles ist paradox. Sehr gut. Die Widersprache. Trial and Error. Neinneinen, es ist nicht machbar. Glaube das nicht!–

Zum Verschwinden: Kapitel 3. “Die Erzählung macht aus dem Zufall eine Notwendigkeit und erhebt das Leben über seine schiere, nackte Faktizität.’ (Byung Chul, Krise der Narration.) Ja. Aber wer kann und wer soll erzählen? Und wann? Wer hat das Recht? Wie kann ich mein eigenes “Verschwinden” zu Ende erzählen, wenn ich seit einiger Zeit, zwei Jahren oder so, Gefahr Laufe im Verschwinden verschwunden zu sein. Ich habe ja überhaupt keine Objektivität auf diese Art? Kann ich die Verschwundene und mein Zeuge sein? So, wie ich die Nicht-Ganz-Tote wie nicht Ganz-Lebende bin? Es ist schwierig, hier nun, gerade WEIL ich nicht der/Die bin, die über diesen Menschen, der ich bin, im Prekariat, schreibt. Sondern ich die bin, die Prekäre, die sich schreibt. Denn wagen, über mich zu schreiben, obschon ich es bin, verlangt von mir eine Form von Grössenwahn/Selbsttäuschung, verlangt von mir diese dumme Umkehrung, die letztenendlich ohne einen Andern nicht aus sich raus kommen wird. Dann ist da noch etwas anderes, das ich nach und nach erfuhr, weil ich es erst durch die Erfahrung verstehen konnte: viele Geschichten können erst dann erzählt werden, wenn das Licht der Sterne längst erloschen ist. Es ist schade, es ist traurig, weil Schreiben eines Romans respektive langen Textes den Erzähler niemals dann mit der realen Welt kollidieren lässt, wenn der jeweilige Absatz für den Erzähler seine Gültigkeit hat. Sagen wir also, eine Geschichte ist immer schon vergangen, wenn ich sie erzähle, immer schon vorbei; die Vergangenheit ist die Form der Erzählung. Aber dann ist das sicher niemals die Lebensform, mit der ich mich hätte vermitteln wollen, die Lebensform, die ich geliebt hätte! Oh mann! ABER, ich kann ja meine Geschichte nicht schreiben, bevor eine habe. Selbst, wenn ich niemals eine habe, wenn ich ein namenloser, kranker Mensch ohne Vitae bleibe, was der Fall sein wird, weil es bereits so ist, und ich ja jetzt da wäre, als das, was ich wäre und bin- dann brauche ich die Zeit, ihre temporale Weite und Tiefe, um dies zu begreifen. Zu den Zeugen: ‘Der Wissende macht die Erfahrung der Unmöglichkeit, zu sagen. Der Sprechende die Erfahrung der Unmöglichkeit, zu wissen.’ (Agamben, nicht verstanden, dieses Sprachsystem ist für Eingeweihte!). Aber dieses Zitat gefällt mir, es bezieht sich auf die Tatsache, dass eben der Zeuge oftmals nicht der ist, der sich selbst bezeugt, sondern ein Anderer an seiner Stelle spricht für den abwesenden sich selbst Nicht-Bezeugen-Könnenden. In Bezug auf die Menschen in Ausschwitz bedeutet dies, dass der Tote im Überlebenden sich fortsetzt, sprachlich, aber dass der Sprechende nicht der ist, der weiss. (eigentlich erinnert mich das wieder an den Körper, der sich selber nicht sagen lässt, nur, dass dieser gleichsam alle bewohnt, die Toten wie die Lebendigen. (Das Buch ‘Was von Ausschwitz bleibt’ habe ich nicht gut verstanden, ich bin auch nicht sicher, ob man diesem Thema dermassen philosophisch und theoretisch beikommen kann. Ich las es ,nach dem ich über Weihnachten den neunstündigen Film von Claude Lanzmann “Shoa” in der Arte Mediathek gesehen habe. ‘Der Mensch ist der, der den Menschen überlebt.’ Ja. Aber—

Zum Verschwinden, zwei schöne Sätze: ‘Für mich impliziert das Schreiben, den eigenen Tod schon vorweg genommen zu haben.’ (Zizek.) Ich ergänze, lol: Schreiben, nicht fertig Schreiben ist wie ein hinausgezögerter Orgasmus, der immer in Reichweite sein muss, aber schlussendlich nicht eintreffen soll.’

‘Quis me liberabit de corpore mortis hujus?’ Kapitel, 4, Sickhouse, erster Teil oder Kapitel Eins. Gefunden bei Thomas Mann, Zauberberg. ‘Krankheit ist verwandelte Liebe.’ Krokowski.

Kapitel 4, zweiter Teil, Sickhouse. Vom Vergessen. Inspiriert von den Menschen vor der Kirche von Chelmno im neunstündigen Dokumentarfilm von Claude Lanzmann, 1985. Warum ist dieser Film so eindringlich? Nicht, weil man etwas Neues erfährt, sondern, weil die Konzeption näher an die Ereignisse heran geht, als all die herkömmlichen, technisch beschleunigten Dokus. Es bleibt das Geheimnis der Mitarbeitenden/der überlebenden Zeugen ihrer Vernichtung, was sie beim Gefilmtwerden gedacht und gefühlt haben, ob sie sich ausgestellt, ausgeliefert oder durch die Exponiertheit angenommen fühlten. Das Gesicht des jüdisch-polnischen Zeugen Simon Srebnik’ zurück im Dorf bei der polnischen Bevölkerung von Chelmno liess mich folgendes denken: Was würde es bedeuten, keinen Moment lang zu vergessen? Du hast die Knochen im Fluss versenkt, doch du bist zurück. Die Patrone hat dein Gehirn durchschossen, doch du lächelst. Aber die, die dich umringen und dich als Knaben kannten, bevor man dich weg brachte, ergeistern sich vor dem Kameramann in antisemitischen Vorurteilen. Eine Sekunde, nachdem sie zur Kenntnis genommen haben, dass du wieder da bist, unter ihnen, haben sie dich schon vergessen. Ist es nicht möglich, sich an deiner Stelle zu setzen? Oder ist Mitgefühl etwas, das die Menschen nur ganz selten anwandelt, aber in Ruhe schlummert, wie unter Packeis? Ich meine, wie hätte dies geschehen können, wenn jene, die an dieser Kumulation des Schreckens mitwirkten, einen Augenblick lang ihr Gewissen geprüft hätten auf das Gefühl. Wenn sie wach gewesen wären, nicht unter Packeis. Man könnte meinen, man gehe von Amnesie zu Amnesie. Man sage sich los, trenne sich ab von der Möglichkeit, die eigenen Gedanken zu Ende zu gehen, man könnte meinen, es gäbe einen Apparat im Menschen, der sekündlich ausweicht, vergisst, wirklich so, als wäre der Ausnahmezustand des Erwachens eher eine Seltenheit. Man geht so durchs Leben! Ohne erweckt zu werden, jawohl! Ich habe nichts zu sagen, nichts, ich liege im Bett und mache mir jetzt einen Tee. Aber dein Schweigen, dein gefrorenes Lächeln liess an dieser Stelle alle Wissenden, alle Sprechenden aus dem Foto verschwinden. ‘Wenn ich dies überlebe, hast du gesagt, und wenn ich dann zurück kehre, als Einziger, dann bin ich auf der Welt der Einzige.’

 Nein, ich brauche nicht das Unglück, das Schicksal, den Ausnahmezustand Anderer. Ich denke aber, dass ich auch Erfahrung mit dem Vergessen gemacht habe. Dass jene vergessen werden, aus der schlichten Tatsache, dass sie nicht vor Ort sein können. Sickhouse, Ende: werde ich dann nochmal salopp werden und meine Beichten hoffentlich unter ein paar Cuba Rums in den Trash münden lassen. Im Endeffekt muss ich das Wenige an Ereignissen: ‘Ich lebte so wenig, ich dachte, ich würde nie sterben können’, ein wenig blähen.

so. Und jetzt vergesse ich schon wieder das Denken. Sekündlich.

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