Von Agadir nach Dakkar ( ein Google Earth-Tripp)

:oder MJS, der virtuelle Reiseführer

 

Hinter mir die Stadt, Hochhäuser wie Berge, weiss gezackt, von schwarzen Löchern durchstossen,

(das sind meine Fenster!) vom Meer ein Halbmondschweif, orangegolden, darüber geworfen.

Antennen und Kloaken! Und all die Ritzenblüten; Marokko, vom Himmel angeworben.

 

Niemandsland breitet sich nun vor mir aus. Und, verdammt noch mal, mit jedem Kilometer

wächst meine Angst: Ich bin auf dem Weg von Agadir nach Dakar. Hab Arganöl geladen und was Kleines zum

Schmuggeln. Aber reicht mein Wasser?

 

Dreitausend Kilometer sind es, am anderen Morgen, als ich dringe in Nichts als Wüste! Westsahara!

Sand, der in Bächlein über die Wälle rieselt. Und zwischen Dornen, den Überlebenden dieser dürren Nahrung;

gesprenkeltes Azur, ein blauer Streifen der Küste, die sich hinzieht, unbetreten. Himmel darüber gepint;

frei für Drachensteigen! Gott, ist man hier allein!!!

 

Endlich! Nach fünf Tagen erreiche ich die Grenze zu Mauretanien. Warte auf meine Papiere.

Dies auch ist mein Beruf; verhandeln und warten, dass sie mich durchlassen. Erklären, wer ich bin, den Fremden;

ein marokkanischer Trucker, geschickt nach Dakkar, Kapital von Senegeal, Arganöl zu tauschen gegen

Mangos. Alles klar? Nachts liege ich in einem Zelt auf einer Pritsche mit offenen Augen, hab noch drei Liter

Wasser und kein Empfang. So, jetzt weisst du’s.

 

Verdammtes Niemandsland! Und weil es hier auch nichts zu Essen gibt, denke ich ein Wenig an Mobilzone,

Starbucks und Sofitel, Cartier im Marmorglanz der Arkaden! An den Gewürztee, den ich jeden

Morgen trinke, in der schattigen Ritzenblüte, mein Freund Saad. Bei mir daheim—-

 

Am nächsten Tag ist es schon Elf und weit über vierzig Grad, als es weiter geht, vorbei

an grau gerippten Hunden, die einen Kadaver zerfetzen, an verrosteten Car-Ruinen, ausgebrannt,

Zelte, aufgelegt auf trockene Erde, wie Papiere. Zweitausend Kilometer liegen noch vor mir,

aber mit jedem Kilometer wächst meine Angst. Ich bin auf dem Weg von Agadir, Marokko, nach

Dakkar, Afrika. Hab Arganöl geladen, gegen Bananen.

 

In Noukschott halten sie mich fest. Ich kann meinen Truck nicht verlassen, zu hoch,

das Risiko, dass man mich überfällt.  Kann ich jetzt noch umkehren?

Übermüdet schlafe ich über dem Steuer ein. Ich habe noch zwei Liter Wasser. Für wieviele Tage?—-

Verdammte Kameltreiber. Bin ich etwa eine Memme?

 

Ich liebe die Ferne und habe diesen Beruf gewählt, weil ich ein guter Fahrer bin. Ich verstehe die Strasse,

auf ihr hab ich meinen Frieden. Obwohl mein Truck viele Tonnen schwer ist, ist er auch sehr sensibel.

Viermal musste ich schon anhalten, weil der maureatanische Asphalt die Pneus meines LKWs verletzte.

Das sind afrikanische Probleme! Die marokkanischen Strassen sind besser!

In Marokka habe ich diese Probleme nicht, die es in Afrika gibt. Aber kaum bin ich jenseits der Grenze

hadere ich. Vierhunderteuro in drei Wochen! Für ein Bisschen Bananen!—- Dass ich nicht lache.

 

Endlich! Ich erreiche den Senegal. Stecke an der Grenze fest, drei Nächte und drei Tage.

Erkläre: diese Papiere wurden mir schon daheim in Marokko ausgehändigt! Ich kann nicht länger warten!

Ich muss weiter! Ihr müsst mich bloss durchlassen! Die verdammten Nomaden liessen mich

schon eine Woche warten! Der Grenzwächter gibt nach, weil ich draufzahle.— So ist das Leben.

 

Dreihundert Kilometer noch bis Dakkar. Wir besteigen eine Fähre.

Kühe und Menschen gelehnt an meinen Truck, wie auf einer Schulreise. Die Fähre kentert vielleicht.

Von so vielen Taschen, Koffern, Gewändern und Farben. Aber meine Pneu ruhen, Hauptsache!

 

Angekommen in Dakkar, mein Ziel erreicht. Noch nachts um Drei laden wir meinen Truck aus, flicken die

Kühlbehälter. Am nächsten Tag stapeln wir die Mangos. Noch einmal acht Stunden in einem Bett voller Flöhe

schlafen, noch einmal duschen. Dann fahre ich zeitlich ab. Der Senegal ist gut.

Wo die Menschen gut zueinander sind , haben die Strassen keine Löcher.

—-

Alle Länder mit guten Strassen haben gute Menschen.

—-

Was für ein eingespieltes Team wir sind, mein Truck und ich. Ich kurble das Fenster herunter bei

fünfundvierzig Grad. Vom Fahrtwind habe ich Bindehautentzündung. Wenn ich fahre, spüre ich die Schwere meines

Trucks, spüre, wie sie mir in die Glieder fährt in meiner engen Kabine. Zweitausendkilometer noch vor mir.

Und mit jedem Kilometer wird diese Schwere schwerer.  Verdammt noch mal, mit jedem Kilometer,

den ich zurücklege, wächst meine Angst. Warum? Ich weiss es nicht— ich frage nicht So ist das Leben!

 

Ich bin auf dem Weg vom Dakar nach Agadir. Ich habe Mangos geladen und ein paar Bananen.—

Ein solches Schwergewicht ist mein Truck! Und doch– wer weiss es—- wenn ich mich

so die Wüste durchqueren sehe, durch einen Zoom, denk ich; ist mein Truck nicht auch eine Libelle?

Mit durchsichtigen Flügelchen, seitlich.—

 

Erklär ich in Noudhibou: wenn ihr mich jetzt nicht durchlässt, dann fallen meine Kühlsysteme aus,

dann verdirbt meine Ware! Und sie: Zeig uns richtige Papiere! Diese Kamele!

 

In Al-Dakhla haben sie die Strasse gesperrt, wieso erfahre ich nicht. Meine Ware ist verdorben! Das

kostet mich die Hälft meines Lohns!  Ich weine ein wenig. (ich weine sonst nie, nur in meinem Truck!)

 

Dann dringe ich in die Wüste ein, Westsahara! Meine Augen sind wieder trocken, brennen vom

Licht, das in Bündeln vor meiner Nase tanzt, nirgendwo bricht, Wälle, von denen ich mir blauen

Schatten erhoffe. Den halben Lohn, denk ich! Den halben Lohn! Und lege Hunderte von Kilometern zurück,

fahre Stunden. Alles ist friedlich.

Haben sie mir nicht von irgendwoher den Wohlstand versprochen?

Immerhin bin ich nicht irgendwer, ich bin der König von Marokko!

Noch halb auf dem Trittbrett öffne ich meine Hose, begiesse Dornen, die sich gierig

strecken, endlich Flüssigkeit, ein Blick auf die Uhr: am Horizont ein blauer Küstenstreifen, der sich hinzieht,

unbetreten, vom Tourismus nicht erschlossen, dabei schön wie der unsrige. Ein gottverlassener Drache,

kreisend, am Azur.

 

— So ist das Leben! Nichts als Probleme! Will mich nicht beklagen,

 

will ich jetzt noch heil nach hause kommen, so mit leerem Tank, muss ich mich sputen!

Vor zwölf Tagen in Dakkar aufgebrochen, habe ich zweitausend Kilometer zurückgelegt. Gottseidank!

Tausend Kilometer sind es noch bis nach Agadir. Doch mit jedem Kilometer, den ich zurücklege, wächst meine

Angst, meine Angst— ich weiss nicht wovor?!_— ich könnte die Zivilisation—- so was in der Art—-

vielleicht nicht mehr erreichen?

Ich könnte mich im Kreis drehen in meinem Truck, rund um mich nur Dürre, nur Wüste,

keine Grenze mehr…?!

Hab nichts geladen, nichts mehr zu essen, nichts mehr zu trinken.—

Ja, wovor?!

Ich liebe mein Land! Ich liebe Marokko!—- Was will man mehr?!

Langsam taut der Morgen. Ein Fischerboot im Dunst,

Hupen und Schreie, alles vibriert.

Zoom es heran!—-


 

Zoom es heran von deinem fremden Ort!

Und entscheide, ob du hier vielleicht nur etwas verklärst! Ein Geheimnis, das nur du siehst

durch deinen selbst gebastelten Schleier.

 

Du sagst, du hast dort alles; Wasser, Geld und freie Blicke. Du sagst, du musst nicht arbeiten

und kannst trotzdem täglich Kuchen essen.—

 

Kind hast du keines und Mann hast du keinen, bist krank und gehst spazieren im Regen mit nackten

Beinen, liest Bücher von Soziologen und folgst mir auf Al Jazeera, Google Earth!

—-

So liebst du die Ferne?!

—-

In schā’a llāh.

Das Glück muss sich bedeckt halten. (das wisst ihr dort oben nicht)

Ist es den Blicken ausgesetzt, verdirbt es.

So ist das Leben.—

Du musst dich nicht bei entschuldigen, dass du rassistisch bist.

Ich glaub nicht daran.

Ich glaube an meinen Truck.—-

So ist das Leben.

 

(28.6.21, Pic: Doku: von Agadir nach Dakkar, Al Jazeera, auch diesen Sommer wieder: Fernweh und digital travelling)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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