Visualisieren unsere Zehen

Visualisieren unsere Zehen (Physisch Posthume)

Gott und ich waren schwerkrank. Betroffen waren
unsere Mitten, beide hätten wir den Tropf gebraucht.
Aber die Welt kümmerte sich nicht um uns.
Gott hatte schon lange schlechte Karten in der Welt,
um meine stand es kaum besser.
Wenigstens hatte ich noch alle meine Zehen!
Meine Zehen sind auch nackt unsterblich, und darauf
bin ich mächtig stolz!
Gott aber hatte alle seine Zehen verloren im Kampf.
Bis auf einen einzigen, der über die Brücke ging.
Dieser Zeh war Gott abgefroren, aber das war egal,
denn es steckte eine Glasscherbe drin.
Diese Glassscherbe gehörte nicht mir oder Gott.
Nur damit man es weiss:
Diese Scherbe gehörte der Welt.

Obwohl er sich um seine Zehen keine Sorgen machen
musste, da er ja keine Zehen mehr hatte;
fragte mich Gott ständig:
Ziehst du mir ein Paar Socken an? Ich kann mich
nicht bücken, mir frieren noch die Zehen ab!

Also versuchte ich ihn mit einer Visualisierung
abzulenken:

Dieser Moment in der Gartenkneipe, bevor der Kaffee
kam, die Vögel zwitscherten, die Nachmittagssonne mir
in den Nacken brannte, stundenlang, ich dann den
Zucker umrührte, der Löffel so sicher ….
sicher … in meiner Hand;

Dies war, lieber Gott, eigentlich der grösste
Moment in meinem Leben.
Was war dein grösster Moment?

Hab kalte Füsse gekriegt.
Kannst du mir bitte die Socken anziehen?

(30.3.2020, Anne Sextons Rudern Hin zu Gott zugedacht)

 

Zeichnung Mjs 2019

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