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(Anlässlich der Sonnenstunden, die kürzer werden:)

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Sonnenuntergang durchs Flugzeugfenster

In Lebensgrösse, Du, über einem spanischen Küstenstreifen, während ich benommen vom Duft der Meeresfrüchte, dem Geschrei der Marktfrauen durch die Halle dir entgegenlaufe, leuchtstiftfarbener Kopfsprung!

Mit Vierzehn, wieder du, wie du einen Scherenschnitt hinterlässt auf der Naht meines ersten, mit kleinen Melonen verzierten Bikinis. Schräg über dem Abhang steht ein Liegestuhl wie ein Stich der Ewigkeit. Daneben liegt achtlos ein Buch – Pater Ralph de Bricassarts Verlangen nach Rosen und kardinalem Gewand – von tagelanger Hitze gebleicht.** (the thorne birds)

Juli Vierundachtzig, hoch oben über dem Dischmatal, Davos. Ich weiss noch, wie du mich und meine Schwester zu einem Schneeflockentanz verlockst. Fünf Minuten später ist das Leder unserer vier Paar Bergschuhe, die schon für die nächste Gipfelbesteigung vor dem Brunnen bereit stehen, wieder trocken und zäh. Du hast es dir anders überlegt.

Wie launisch du bist.

Schön, dass es dich gibt.
Jetzt bist du verschwunden.

Oder bist du das, dieser zitronensaure, zaghaft blinkende Stern, der mir im Skilager anno Neunundachtzig zwei tennisballgrosse Frostbeulen aus den Wangen brennt, während ich, von unzähligen Eisnägeln gepeitscht und tränennass die schwarze Piste hinabsause, blind in eine Schneewehe hinein?

Erst im Frühling schält sich die Haut unter meinem linken und rechten Auge. Ich bin auf einer Wanderung und lehne mich zum Ausruhen an die Wand eines Holzspeichers, als du mich von hinten umfasst und jede Faser meines Körpers mit Wärme durchdringst.

Einmal streckst du einen deiner Fangarme durch zwei betonschwarze Wolkendecken und grüsst zwei Radfahrer, die über den dunkel geschuppten Krokodilrücken der bretonischen Côte Sauvage stumm in die Pedale treten. Ihre Zukunft ist noch unsicher und wegen dem Getöse der Brandung haben sie sich aus den Ohren verloren. Doch du, ein rosafarbenes, blütenreines Halo, überwindest die Steilküste und gibst ihnen hübsch Aufwind.

Gerne würde ich dich über den Himmel ziehen wie die unbesiegte Sol den Sonnenwagen. Das wäre eine Berufsaufgabe!

Dann kommt einmal eine Zeit, in der es heisst, man müsse sich vor dir schützen.  Du bist aggressiv geworden, du hast eine ruinöse Kraft. Ganze Erdstreifen kannst du in Wüsten verwandeln. Anderorts glänzt du mit Abwesenheit.

In denselben Jahren, in der dich etwas aus der Bahn wirft, verliere auch ich mein Gleichgewicht. Ohne dass du dich vor mir verhüllen kannst, muss ich mich vor der ungefilterten Kraft deiner Zärtlichkeit verstecken.

Noch immer weiss ich nicht, wer wandert um wen, du um mich oder ich um dich?

Wie es sein kann, dass dir Tag und Nacht gehört in einer Stunde, während du gleichzeitig dieses stumpfe Grau verwandelst, bei dem alles Leben, von dieser Pflanze bis zu meiner Phantasie, hier, verdorrt. Tschuldige, aber ich kenne keinen, der dich nicht anbetet.

Der Krüppel liebt dich. Sogar der dich nicht kennt, zieht es in deine Nähe.

(Streaming 19.03.17)

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