Stimmentreffpunkt: Erinnerung

 

Die Stimme der Grossmutter, fein näselnd, wenn sie mich zur Begrüssung in die Arme nahm und dann unter zärtlichem  Plappern das dampfende Apfelmus schöpfte. Die Stimme des Vaters, energisch und vital, wenn sie bei Wein und Spaghetti in Fahrt kam, mir säbelscharf eintrichterte: so und nicht andersrum musst du es machen! Die Stimme Reichs, leise und spröd wie der modulierte Singsang eines Meisleins abgedrückt in eine Telefonmuschel, in die ich mich damals eines Tages glücklich hineinschmiegte. Die Stimme der Schwester beim Pläneschmieden, so oft erkältet und heiser auf dem letzten Zacken, und dann das Ganze abrundend durch einen burschikosen Ulknudelruf. Die Stimme der dreijährigen Nichte, die rief wie ein Gendarm, nach dem ich eine Nacht durchgekotzt hatte: Gotti komm! Und ich musste mit ihr in diese Blechraupe mit den Bullaugen voller Spinnweben steigen, unten beim Spielplatz Altenberg. Die Stimme Hens, kräftig und sonor, präsenter, als alle andern, Wie viele Mädchen hat er mir seinem You und Ey! schon auf dem Gehsteig abgeholt und verzaubert, während er noch den Salat auswrang im Küchentuch oder die Gitarre aus dem Koffer packte. Die Stimme Bees, als er manisch war und mir das Gelingen unserer gemeinsamen Zukunft von seinem Balkon aus zu prahlte, so dass es das ganze Quartier inklusive Ehefrau mitbekam. Eine Stimme, die Berge versetzte. Christians Stimme, knabenhaft und hell, wie eine dieser Schneekugeln, die man schüttelt, als er mir zum erstenmal die Namen seiner Gitarren erklärte. Die Stimme meiner Einkaufsfrau, wenn sie mit den bepackten Tüten über den Parkplatz schritt, geübt in der herben Begrüssung sowie im ungebundenen Verabschieden, ironisches Zwinkern. Die Stimme Maltes, der mich wegschickte, nachdem er mit mir geschlafen hatte, hypnotisierend und stockend: Go away! Die Stimme der Mutter, schwer zu beschrieben, tief innen drin. Grossvaters geheimnisvolle Stimme, als er vom Spitalbett aus meine Mütze anvisierte: Du, was hast du da für einen Militärmantel auf dem Kopf? Kindlich und scheel geworden. Die Stimme meiner andern Grossmutter (väterlicherseits), immer zugleich fragend und nörgelnd: Du, nimmst du wirklich zwei Zucker in den Kaffee? Das ist doch nicht gesund? Die Stimme ihres Mannes, meines Grossvaters mit den buschigen Brauen, der seine Stimme an Weihnachten nur einmal erhob, um seinen berühmten Witz über eine Fliege an der Wand zum Besten zu geben. Und die ich vergessen habe.

 

Diese Stimmen. Unter andern.

Und dann keine mehr.
(19.9.2020)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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