Myalgische Encephalomyelitis, G.93.3, Trauma durch Missachtung

Das Trauma von (besonders) moderaten (hausgebundenen) und schweren bis schwersten (bettlägerigen, pflegebedürftigen) ME-Betroffenen hört nicht auf auf mit der Krankheit. Es beginnt mit der Krankheit.

  • Das medizinische Klassifikationssystem ICD-10[7] und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben das Traumakriterium als:

„[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (ICD-10) (z. B. Naturkatastrophe oder menschlich verursachtes schweres Unheil – man-made disaster – Kampfeinsatz, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes Anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen).“

Ich würde meinen, dass die medizinische, politische und gesellschaftliche Missachtung, medizinische Unterversorgung, Psychpathologisierung und die unzähligen schlicht plumpen Lügen (ME sei nur ein bisschen chronische Erschöpfung), die über die schwere neurologische Krankheit Myalgische Encephalomyeltis verzapft werden, das Kriterium eines …

„menschlich verursachten schweres Unheils“

weitaus erfüllt.

Die schweren, bis schwersten körperlichen  Symptome, die mehr oder weniger die meisten Betroffenen für sich alleine ausfechten, jahrzehntelang (und bis sie wegen schweren Folgekrankheiten endlich behandelt werden oder sterben), die tagtägliche Ungewissheit, ob der praktische Alltag bewältigt werden kann, die ständige Bedrohung von kardialem u metabolischem Kollaps , neurologischen Ausfällen, Lähmungserscheinungen, Minderdurchblutungen, schwerste Schmerzen usw. also die ununterbrochenen „Signale“ des durch die Krankheit hinunterregulierten zutiefst geschwächten und handlungsunfähigen Körpers… die Notschreie… dieses Körpers…

sind ein „Ereignis, das mit einem Gefühl ausserordentlicher, katastrophaler Bedrohung“ einhergeht dem, nach wie vor keinerlei Therapie in Aussicht, kein Ende gesetzt ist auf unbestimmbare Zeit.——————————–

Jede schwere Krankheit geht mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlustes, des Abschiednehmens einher. Bei Myalgischer Encephalomyelitis (wie vielleicht unentdeckten Krankheiten ebenso) liegt die Besonderheit darin, dass die Betroffenen dies in gänzlicher Dunkelheit für sich in alleine machen, während zum Beispiel ein Betroffener von Krebs oder Multipler Sklerose mit menschlicher Empathie und Beistand aus seinem privaten wie auch dem gesellschaftlichen/politischen/medizinischen Umfeld rechnen kann.  Dieser Beistand und diese Empathie durch das „System“ sind nicht zu unterschätzen.

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