Portrait_Severin

Severin wurde klinischer Psychologe. Seine Fakultät zeigt ihn ergraut, Ton in Ton mit einem grauen Konfektionskittel. Als ich Sechzehn war und Severin Zwanzig, haben wir abgemacht, dass wir uns auf der langen Strasse zwischen Oberdiessbach und Stalden, durch das Staldental, entgegenlaufen und uns in der Mitte treffen. Dort, in der Mitte der Strasse, begann unsere Beziehung. Für mich war es die Erste. Severin war steif, riesengross und trug eine kugelrunde Brille. Wenn wir uns küssten, zückte immer einer von uns beiden die Stimorol unsugared flavour Zimt. Diese Marke war neu raus, ihr Geschmack so intensiv, dass ich ohne Zögern sagen kann:
Alles schmeckte nach diesem leicht ätherisch wirkenden Zimt; die Luft, der Schnee, die Haut, der Schlaf ….

Ich habe diesen viel zu stark aromatisierten Kaugummi nach dem halben Jahr mit Severin nie wieder gekaut. Der Kaugummi kam quasi mit Severin und mir auf den Markt und erstarb wieder, als wir ich mich von Severin trennte im Frühjahr vor meinem Schulabschluss. Meinen Entschluss, mich von Severin zu trennen, geschah, als dieser bei Stalden neben einem Bauernhaus über einer überfahrenen Katze weinte. Der Tod der Katze berührte mich nicht, ich liess Severin weinen und fuhr mit dem Rad davon.

Severin weinte oft. Mehrmals in der Rekrutenschule musste er in den Arrest und dort ein Wochende lang Schuhe putzen, meistens, weil er sich für die schlechte Behandlung eines Mitgenossen eingesetzt hatte. In seinen Briefen, die mir Severin von der Rekrutenschule schickte, weinte er ständig.

Als ich Severin sagte, dass ich nicht mehr mit ihm gehen wollte, konnte er es nicht verstehen. Er weinte und lief mir den ganzen Heimweg nach, doch ich war schneller und hängte ihn ab. Ich liess ihn weinend stehen.

Severin war der erste Junge, der sich für mich ernsthaft interessierte, er war sensibel und reflektiert, er hörte mir zu und ging mit mir ins Kino. Er war schon auf dem Gymnasium.

Als ich ihn vor einigen Jahren im Zug einmal traf, ein früh gealterter Mann im Aufzug eines Gutbürgers, wollte ich ihm sagen, dass ich jetzt beim Anblick von toten Katzen auch weinen muss. Aber ich stellte fest, dass er nicht bereit war über unsere Vergangenheit zu reden.

Während ich in unterhaltsamem Ton die verschiedenen körperlichen und psychischen Erkrankungen aufzählte, mit denen ich diagnostiziert war, schaute er mich nicht an, er war überhaupt nicht da.
Das also hat das Leben aus dem fragenden, hinterfragenden, grossen, verschmitzten, manchmal bissigen, nah dem Wasser gebauten Jungen gemacht: einen Abgelöschten.

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