Geschichtslektion für Kinder

Etwa 150 Jahre ist es her, da gingen zwei eitle Abzeichen aufeinander los,
um wie sie sagten, Brüder zu werden, als Feinde in Ehren. Es war in einer Zeit,
in der man Länder aufteilte u stahl zum Spiel. Frankreich war damals schon
gross, Preussen dabei, noch mächtiger zu werden.

Sie gingen also aufeinander los, weil sie Brüder waren, Brüder in Mass und
Grösse. Die Franzosen schossen mit dem Chasspotgewehr, mit dem man ziel
genau traf, doch liefen sie ihren Brüdern, die Paris zu Pferd umzingelten,
in den Kanonenhagel.

Ein Bild zeigt sie zusammengesunken, Kopf an Schulter
und Arm in Arm, friedlich, fast wie Renoirs Nacktbadende.

Apropos Frauen: Zehntausende junger Mädchen und Mütter weinten. So auch das
Bürgerfräulein S. von St. Germais. „Oh, Vaterland, muss meine Liebe
zu dir grösser sein, jetzt, wo du mir das Geliebteste genommen hast,
meinen Ludovic?!“ Und an dieser Stelle endeten die pathetischen
Tagebucheinträge der jungen Dame.

„Mein verehrter Bruder“, salbaderte Napoleon III., als ihm das Spielchen
zu bunt wurde: „Ich gebe auf, ich lege das Schicksal in deine Hände. Mein Land
hat tapfer gekämpft, aber deine Männer haben mehr Mut, mehr Tapferkeit als
meine. Entscheide du nun, was mit uns geschehen soll.“
Das Briefchen wurde Wilhelm weiss behandschuht übergeben.

In Versailles, wo der Frosch Bismarck, gezwirbelt vor Machtgier,
das kleine Streiflein Elsass Lothringen annektierte,
stapelten sich unterdessen die Verwundeten beider Länder.
Sie waren nun keine aufgeheizten Gegner mehr, heimlich
loyal und im Herzen verbrüdert, sondern weinten,
weil sie Weihnachten daheim so sehr vermissten.

Kinder, habt ihr die Lektion verstanden?

Gemeinsame! Geschlagene! Sterbende! Männer! In Ehren!

(8.20)

 

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