Prosa_Die Dinge, die wir tun müssen

 

Die Dinge, die wir tun müssen

 

 

Also Frischbackbrötchen zum Aufbacken, etwa noch mit 100 Oben rum und 85 unterhalb der Taille, diese Sorte Girls waren wir nicht. Du lebtest deinen dynamischen Stimmungen und ich meinen feinen Schwingungen. Kamen wir zusammen, überbordeten wir.

Da gab es diesen heissen Sommertag 2003, als wir wie junge Hunde im Zickzackrun ins Wasser liefen, du in deinem weissen winzigen, ich in meinem blauen winzigen Bikini.

Du schwammest bald in den See hinaus, eleganter und geräuschloser als jeder Schwan. Ich planschte halb abgetaucht in Ufernähe, überrascht von so viel Wassermusik am Ohr. Anschliessend lagen wird rücklings im Gras und sprachen über uns selbst, indem wir gedanklich hüpften wie Hummeln von Blüte zu Blüte. „Ist es richtig, wie ich hier bin, bin ich richtig für die Andern?“ hast du gefragt. „Ist dieses Sein hier wirklich für mich? Ist es nicht wirklicher für alle andern?“ Hab ich gefragt.

Wir waren eben Mitte Zwanzig, und was wir wollten, das war unser Ding machen. Natürlich will das jeder in diesem Alter. Aber ich glaube, wir wollten es noch ein wenig anders: Ich ging einen Weg, mit aller Naivität, ohne an das Eingehen irgendwelcher gesellschaftlichen Kompromisse auch nur zu denken. Du besassest die Geschmeidigkeit einer Lebenskünstlerin, und forschtest konsequent nach deiner Wahrheit im Tanz, du hieltest deine angebrochenen Pfade unter dem Dach deiner Eingebung zusammen. Vielleicht haben wir damals nicht mit dem Unverständnis einer Umwelt gerechnet, die erwachsene Menschen nach Schablonen beurteilt, nach ihrem Nutzen berechnet und gerne auf die Stoppuhr zeigt, wenn jemand mit Dreissig noch nicht als Klebestoff im Marmeladefass der Konformität gelandet ist. Dabei, als wir beide Dreissig geworden sind, damals, fühlten wir uns ja eh noch wie die Zwanzig, nicht?

Morgens um eins kamen wir beim Bahnhof ums Eck, blieben abrupt zwischen den Tramschienen stehen und leerten mit verschränkten Ärmchen zwei Becher Champagner, den du (die Flasche!) zuvor unter dem Blick mehrerer männlicher Passanten, aus deinem weissen Rock hervorgezaubert hattest. Anschliessend zogen ein heller Engel auf schwebenden Fesseln mit langen blonden Haaren, so federleicht wie Seide und ein dunkler kleiner Napoleon mit klimpernden Sporen durch diese Stadt, die vor ständigem Schlaf (schon damals) ständig Schlupflider hat. Alles blitzte, schwankte wie auf einem Hochseeschiff. Gruppen wichen vor uns zurück, und der eine oder andere hätte unsere Energie sicher gerne in den Sack gesteckt und diesen noch verknotet und zweimal verknüpft. Schliesslich verhandelten wir unsern Status Quo lautstark, posaunten unsere mögliche und gleich zu fassende, unfassbare Zukunft, in einem Singsang ganz ungehalten hinaus in die Nacht: Unser Alter! (Das uns damals ganz schön alt vorkam!) Die baldigen Schönheitsoperationen und die zukünftige Senkung unseres noch mädchenhaften Fleisches! Dein Zwitterherz zu deinem Schaffen, mein Zwitterherz zum meinen! Unsere gemeinsame Neigung, Förderer, Schulen und Institutionen, die uns allenfalls behilflich sein konnten bei unserem Tun, mit dem Misstrauen von Aliens zu betrachten! Die Ambivalenz, Aufzutreten und die Arbeit, die uns intim und ein Teil unserer selbst war, öffentlich zu betreiben und für Geld in den Schmutz zu ziehen … Deine Idee mit dem Ausreissen, Camy, und der Farm in Australien, wilden Pferden, holpernden Jeeps und Schlammmasken! Meine Idee mit dem endlosen Zugfahren, dem Auftreten in Bahnhöfen (Du: Tanz, ich: Sprache), dem Schlafen in billigen Motels, Leben von unserem Charme, Essen von unserem selbst verdienten, wirklich selbst verdienten Brot …

Wir waren schon ganz heiser und höchst besoffen, als wir bei einer Party eines Uni-Bekannten von mir strandeten, über Beine oder Stuhlbeine einiger befremdeter Intellektueller stolperten, in den letzten freien Sessel, zuhinterst bei einer schattigen Yukapflanze, hinab sanken und mäuschenstill wurden. „Was denken die andern von mir? Wenn ich so bin, wie ich bin, bin ich dann richtig für die andern?“ Du. „Ich weiss nicht, was die andern denken. Wenn überhaupt, dann fragen sie sich nicht, wer oder wie du bist. Nein, ich glaube, sie sitzen einfach nur da, trinken soviel Wein, wie es geht und unterhalten sich über Dinge. Dinge können für einige spannender sein, als man selbst. Dinge sind immer da, umgeben sie wie Schwimmringe und versorgen sie mit immer neuer Wirklichkeit, fast wie die täglichen News aus den Zeitungen.“

In der Zwischenzeit bist du aufgestanden, mit dem Handy am Ohr, mehrmals im Treppenhaus verschwunden, wurdest immer abwesender, warst nicht mehr ansprechbar. Dein Freund verlangte nach dir, du murmeltest etwas von Überwachung, von Telefonterror Tag und Nacht, Schmerzen, die dich plagten hinter dem Brustbein, die dir diese Bindung seit längerem verursache und warst auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Als komplett Andere. Nullkomaplötzlich spürte ich die drohenden Vorboten einer hundertfachen alkoholischen Ernüchterung.

Die starr-köpfige, stickstoffhaltige, schlank geformelte Magie der Männer! Weißt du, ich hätte nie geglaubt, dass diese rosa handlichen, aber verflixt effektiven männlichen Rauschpillen nur einen ihrer verwetterten, von Eros geliehenen Sprudel abzuwerfen brauchen, damit sich unsere Villa Kunterbunt, ein Pantheon immer neuer Verwandlung, (?***2020 kann sich ein Pantheon verwandeln?) in räuchelnde Luft auflöst. Okay, du hast es ein wenig mit diesen zweibeinigen Rauschpillchen gehabt! Und ich habe es ein wenig mit diesen zweiarmigen Rauschpillchen gehabt! Deine trumpften auf in der Gestalt toller, geschichtlich uralter Machos, meine waren trocken gegliedertes Farn! Deine forderten als eitle Schönlinge Raum! Meine trugen ihr mütterliches Molluskenhäuschen bei sich, zum sich gegebenenfalls zu verziehen, als weiche Blässlinge! Doch während ich einem Kollegen in dieser Zeit mit dem nötigen Abstand ein wenig auf der Nase rum tanzte, führtest du eine „richtige“ Beziehung mit einem Badboy unter einem Dach. Monatelang hab ich dich nicht mehr gesehen. Und wenn ich dich mal angerufen habe, hast du dich beschwert, du könnest nicht lange telefonieren, deine Beziehung mache dich kaputt, für deine Projekte fehle es dir an Zeit und Kraft usw.

Einmal habe ich dich damals getroffen, nachmittags, per Zufall in der Stadt, und während wir am Bahnhof diesen heissen, zimtigen Tee tranken, fiel der Schatten ganz zaghaft von dir ab. Also haben wir noch einen (Tee) mit Rum drauf gesetzt und einen zweiten mit Birnenschnaps obendrauf … naja … Es war abends um zehn, wir waren ganz durchtränkt von Übermut und aufgekratztem Mut. Vielleicht zuviel davon (ich). Da bin ich nämlich auf die dumme Idee gekommen, dich mit einem Mann mit einem riesigen Molluskenhäuschen, einem Unterstand für Zwei, sozusagen zu verkuppeln. Habe dir mein  Handy mit der Nummer meines Ex-Freundes rüber gereicht, die Nummer war bereits gewählt. Und indem ich euch miteinander bekannt machte, habe ich dich nie wieder gesehen!

Das heisst, doch, drei, vier mal, noch. Ich weiss nicht mehr genau, wann es war. Genaugenommen hast du uns zum Tanz geholt, mich und andere Nichttänzer, Arbeitslose, Freundinnen, zwei, drei beinahe Kriminelle, direkt abgeholt von der Strasse. Viermal kam das geniale Projekt zustande, bevor es krachte, dann gingen alle wütend auseinander. Möchte wetten, jeder war zutiefst enttäuscht über sich selber. Ich war in dieser Zeit bereits kraftlos, ich fühlte meine Muskelkraft, meine Stamina, (Endurance?) auf eine unheimliche Art schwinden und schwinden. Dies konnte ich dir nicht erklären. Währen du in stetiger Bewegung warst. Dich bewegtest leicht, fast schwebend durch meine kleine Dachwohnung, die viel zu klein war für deine geladene Stimmung, in einem roten Kleid, mit offenem Haar, ganz leicht, seidig.

Zerrst Eier, Mehl und Zucker aus meinem Küchenschrank, schüttelst innert Kürze ein paar prächtige Omelettes aus dem Ärmel. Braust heissen Kräutertee und jonglierst das Ganze auf einem Tablett in mein Zimmer. Einiges fällt runter, aber das ist normal, das macht nichts! Schnell legst du noch eine Platte auf, zu Laura Pausinis Heulern wollen wir singen, geben unser Bestes. Du immer lauter und lauter. Die Arme in der Höhe, die Beine zu einem Grand Plié, sinkst du auf dem Höhepunkt, beim letzten Ton nieder, ziehst mechanisch ein Fotoalbum aus meinem Regal, schaust dir die jahrealten Bilder von mir und meinem Ex-Freund an, der jetzt dein Liebespartner ist. Ich sehe, wie sich dein Gesichtsausdruck verändert, deine Schultern sich verkrampfen, deine Haltung ganz steif wird: „Du willst ihn noch! Du hast ihn nie verlassen! Ihr seid in meinem Rücken noch zusammen! Ihr führt ein fieses Spiel gegen mich! Du willst, dass er schlecht von mir denkt! Ihr seid gegen mich! Alle sind gegen mich …!“

Das Leben mit seinen läppischen Zufälligkeiten, seiner Willkür (** dieses Wort sollte ich nicht gebrauchen, da ich es nicht verstehe 2020) und seinem fremden Ballast; ich hab’s damals schon so oft nicht mehr verstanden. Ich fühlte mich allein gelassen und versetzt, ich war unendlich traurig. So bin ich Fünfunddreissig geworden, zuerst, und dann Vierzig und immer witzloser. Und weil mir mein Ding, von dem ich mal geglaubt hatte, dass ich es machen müsse, immer mehr entglitt, verbiss ich mich in dieses Ding mittlerweile hinein. Du hättest mich nicht sehen sollen: ich war kein freier Mensch mehr in meiner Freiheit, ich hatte all meine Sinnlichkeit eingebüsst! Ich war nicht mehr dieser kleine bodenständige Napoleon in Form eines feuernden Sprungballs mit dem Zehnfachen Testosteron. Als wir wie junge Hunde ins Wasser liefen, im Sommer 2003. In unseren Kinder-Bikinis, voller  Spannung, was die Jahre noch bringen würden, was wir den Jahren noch abwringen würden!

Hey, noch zu den Massen vom Bikini: Waren da nicht einige (weibliche) und (männliche) Stimmen, die behaupteten, mit unseren kleinen Mädchenbrüsten seien wir ja gar keine richtigen Frauen? Und weil unsere Brüste so mädchenhaft und klein seien, würden aus uns auch gar nie erwachsene Frauen? Hoho! Der kleine Napoleon hätte ja gerne einen D-Cup gehabt, weil er sich dachte, dass da dann mehr Spielraum sei, du weisst schon. Du aber hast einmal gesagt: „Wenn ich kleine Brüste habe, ist das viel praktischer beim Umarmen, weil ich dann die Person, die ich liebe, viel näher und enger an mich heran drücken kann, als alle diese Frauen mit ihren –“ Wir waren eben keine Frischbackbrötchen zum Aufbacken, gepudert und samtig fleischig und gebärfreudig, nein; zu dieser Sorte Girls gehörten wir nicht.

Du warst die Lebenskünstlerin, die Furchtlose von uns beiden.

Deine Beziehung mit dem Mann, mit dem ich dich verkuppelte, brach irgendwann auseinander, und später habe ich gehört, dass du mehrere Jahre auf der Strasse gelebt hast. Du sollst dich mit wenig Geld über Wasser gehalten, dich in Beziehungen gestritten haben, diese beendet, aber immer wieder neue eingegangen sein. Aber das habe ich nur gehört und also ist es nur in meinen Ohren. Ich glaube, du hast Projekte auf die Beine gestellt, dich weiterhin auseinander gesetzt mit deiner unmittelbaren Substanz, der Bewegung, deiner Umgebung. Immer wieder bist du aufgebrochen und hast dieses kühle Land mit seinen vielen kühlen und abstrakten Menschen verlassen und anderswo auf der Welt gelebt. (anderswo unter fröhlicheren Menschen?) Irgendwann, nach einigen Jahren, hast du mich mal angerufen. Es gäbe keinen Grund, dass du gerade meine Nummer gewählt hättest, dies sei reiner Zufall, hast du gesagt. Und du seiest im Süden vom dritten Stock aus einem Fenster gestürzt und hättest dir den Rücken gebrochen. Ob du noch tanzen könntest? Dein Rücken sei voller Metall. Später erfuhr ich, dass du  beim Versuch, die Fassade eines Hauses hinabzuklettern, um den Annäherungen eines Mannes zu entkommen, gefallen warst.

Ich stelle mir vor, wie du die Grenzen ausweitest auf der Suche nach deiner Wahrheit, die du selbst nicht kennst, ein stetiges Bohren, wie du Menschen nahe kommst, sehr nahe, sie verwirrst, mobilisierst, verzauberst, ansteckst, in einer Attacke psychotischen Chaos zum Teufel wünschst. Auch mich hast du damals im Sommer 2003 mitgerissen, ich hab nie wieder so viel vor Freude getobt oder gelacht. (Dieses eine Jahr war eine Art Insel für mich bevor die Zeit grauer Abstufungen und mein langes, krankheitsbedingtes Altern kam).

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass man dich in einem Küstendorf unterhalb eines nicht allzu hohen Felsen leblos aufgefunden hat.

Es ist komisch, dass du dich mit Zweiundvierzig zum Flug aufgemacht hast, aber wahrscheinlich bedeutet es, wie das meiste, weiter nichts. Zweiundvierzig ist das Alter, in dem man, wenn man ein Engel auf Erden ist, zwei Flügel hat, von denen der eine leicht durchsichtig, purpurn und schimmert, der andere lodert und funkelt, schwarz gezackt.

 

„Bin ich richtig?“ – „Klaro.“

(dedicated to Camy, August 2017)

 

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