Diary_3004_Retro_Millions Missing Genf_2017 und Auszug aus Glaubenssatz

Im Mai 2017 wagte ich mich in einer simplen (viel zu simplen) Botschaft an das Gesundheitssystem dieses Landes. Ob mein Video am Millions Missing Tag in Genf ausgestrahlt wurde, weiss ich nicht. Ich selber konnte aufgrund von Immobilität nicht hinreisen.

Wieder sind mehrere Jahre vergangen, die Horizontale ist mein Leben, rein äusserlich hat sich nichts verändert, ausser mein Verfall. Innerlich aber habe ich mich mehr und mehr weg bewegt von der Myalgischen Encephalomyelitis als Hauptthema. Sie ist es, zweifellos, die meine Lebensumstände zementiert, aber nicht mehr die Symptome, die Agonie der Crashs, die Unfassbarkeit des Alleingelassenseins durch Politik und Staat mit dieser Erkrankung sind es, die mich im Innersten treffen. Nein …. ich bin zurück gekehrt zu meinem viel persönlicheren Schmerz, einem Schmerz, der zwar, wie gesagt, durch die Lebensumstände zementiert wird, aber doch komplett persönlich ist: ich habe begriffen, dass es nicht meine Aufgabe ist, über ME aufzuklären. Dass gerade ich dies nicht glaubhaft machen kann, wegen meiner Biografie, meinem Wesen, meiner Persönlichkeit ….. so bin ich im letzten Kapitel meines Romans „Glaubenssatz“ zu diesem Schmerz meiner Kindheit zurückgekehrt. Und obschon ich, wie in keinem andern Kapitel versuche, die Aussenwelt zu einem gewissen bescheidenen Grad in meine Lebenswelt einzubauen, bin ich wieder am Anfang meines Daseins gelandet, in dieser unendlichen Einsamkeit und Sehnsucht nach einem Gegenüber, wofür ich in meinem Kapitel per Zufall die von Mogli lebensgefährlich verletzte Maus erwählt habe.

 

Schlusskapitel, Lockdown, Auszug:

‚Ich griff nach dem Haushaltspapier, das ich dem Zuber unterlegt hatte und hob das kleine Mäusegewicht ins Gras. Obwohl ich die Maus nicht berührte, schauderte es mich. Es kam es mir vor, als spürte ich das wenige Leben der Maus, ihre Wärme, ihr Elend wie ein Abdruck auf meiner Epidermis. Tränen liefen mir plötzlich übers Gesicht. Ich war so dämlich durchlässig und musste dringend etwas essen. Langsam schlenderte Mogli auf uns zu und betrachtete sein Spielzeug mit gelangweilter Ambivalenz. Würde er das Mäuschen töten oder sich mit ihm zu Tode vergnügen, ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Was sollte ich ihr nochmals versuchen, ein Nest zu bauen!? Eben hatte man mir von der Tiernotzentrale erklärt, eine Maus, einmal angegriffen von der Katze, gehöre der Katze! Oder aber dem Schicksal! Sicher nicht dem Menschen! Für diesen ist die Maus nur ein Ungeziefer, ein Räuber auf dem Feld, ein Verursacher von Pandemien und vielleicht noch ein Übername für einen fleissigen, aber grauen Menschen.

„Eine graue Maus. Das bedeutet unter uns Menschen, wenn eine Person unscheinbar ist, weißt du.“ Fing ich stotternd wieder an. „Wenig vorlaut, nirgendwo auffällt, sich duckt. Dann gibt es noch die Maus als Kosenamen für eine liebe, aber leicht beschränkte Frau. Auch ich wurde vom einen oder andern Pinson mit diesem Kosenamen beehrt. Und dann, Liebes: die vielen Versuchsmäuse! Denke! Millionen davon, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Von ihnen wird angenommen, dass sie nur grau fühlen, weil sie in den Augen der Menschen alle gleich aussehen, auch von Aussen; grau. Ich meine, ja: wer weiss schon, was so eine Maus in ihrem Innern fühlt! Also ich weiss es nicht. Ich glaube, in deine stecknadelgrossen Augen Furcht zu sehen. Aber wer sagt mir, ob das nicht meine eigene Furcht ist, die ich da auf dich übertrage? Wir sind beide in einer ähnlichen Lage. Obwohl ich vielleicht diesen künstlichen Schutz habe; geht es doch uns beiden an den Kragen!

Sicher, sie sagen, dass sie sich um die Schwachen sorgen, ja, gerade in dieser speziellen Situation, da draussen. Sie sagen: zum Schutz der Schwächsten, deswegen haben sie die Grenzen ihres sozialen Käfigs nun so eng gezogen. Glaubst du das denn, Sun-Queen? Weil ich, ich habe eine Frage an dich, Kleines! Eine Frage, die kannst du mir vielleicht noch beantworten, ehe dich Mogli ins Nirvana befördert:  Angenommen wir haben da einen Baum. Er ist aussergewöhnlich alt und üppig. Er beherbergt Vögel und andere Kleintiere wie Mäuse, Eichhörnchen und sogar Marder. Doch trägt er auch eine kleine faule Stelle an sich, die eventuell wachsen könnte; muss man nun alle üppigen, langlebigen Bäume zurückschneiden wegen der Gefahr, die von dieser einen faulen Stelle ausgeht? Was meinst du? Sind die gesunden Arme eines solchen Baums nicht stark genug, um die kranken Arme zu tragen? Die kranken Arme könnten in den gesunden Armen verschlungen sein, wie umgekehrt, die gesunden Arme ihre Perspektive und Position den kranken Armen verdanken, die sie flankieren. Ich meine, die gesunden Arme sind in der Überzahl, sie brauchen sich nicht zu fürchten vor den kranken und schwachen Armen, sie brauchen sie nicht zu bekämpfen. Oder sehe ich da etwas falsch?‘

(2021)

 

5. Kapitel, Ende der Homöostase, Auszug:

‚Die Ärzte sagen, dass es diese Krankheit nicht gibt! Stell es dir vor! Da führst du die Unterlagen der neusten Forschungsergebnisse mit zu den Ärzten dieses Landes, da unterbreitest du ihnen die Resultate mit den über achtzig metabolischen Abweichungen, Daten, Schwarz auf Weiss! Doch sie sagen: „Ist nicht wahr, gibt es nicht!“ Schauen weg.
Und nun gehst du wieder nach hause, diesmal bist du wirklich tief traurig. So oft du schon niedergeschlagen warst in deinen vierzig Jahren; so traurig warst du noch nie. Legst dich wieder ins Bett. Monate und Jahre vergehen, was für ein Leben. Träumst du? Ist das vielleicht ein Alptraum?  Nein, ist es nicht! Es ist wirklich, es ist wahr. Nur, dass du diese Wahrheit nicht erzählen kannst. Aber warum denn nicht? Na, weil du du bist! Und weil man gerade dir nicht glaubt! Andere können oder werden es vielleicht schaffen, wenigstens einen Politiker oder einen Gesundheitsverband von der Wahrheit zu überzeugen, irgendwann einmal.  Du aber verwandle die Realität in eine Fiktion, für die keiner dich belangen kann, und stelle es dir vor: das Dasein inmitten unter ihnen, die Parallelgeschichte am Rand, das nicht mal Einzigartige, Unmögliche; auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst. Also los:‘

(2020)

 

Unglaubhaften-Speach 2017 einer „Anderen“

(Mögen die Vögel fürimmer singen)

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