Diary_3004_Ausweitung der Kampfzone

Als ich 2020 in Not war, und in einem kalten Treppenhaus schluchzte, kam eine Frau aus der Wohnung nebenan. Und ich flehte sie

nur an: „Bitte gib mir deine Hand!“ Weiter konnte ich nichts sagen oder denken, da ich im Schock war.

Aber die Frau trug einen Mundschutz, sie wahrte die 2 Meter, sie gab mir ihre Hand nicht. Sie blieb, wo sie war.

Da war es mir noch nicht klar, aber jetzt schon: wenn jemand schluchzt vor meinem Fuss, und er fleht mich an: „Gib mir deine Hand!“.

Ich werde meine Hand geben!

Sowenig ich den oder die Menschen liebe! Wurscht, wer es ist!

Ich kann mir ja nachher die Hände waschen, kann die Hände desinfizieren.

Aber ich fürchte, die Angst ist grösser als das Herz.

Und warum eigentlich soll ein Virus nicht als Ausrede hinhalten, uns noch weiter zu entfernen von dem Fremden.

Den wir nicht kennen, für den wir keine Sympathie empfinden, der nicht unser „Blut“ ist (was nur ein altmodisches Wort für „Familie und Geschlechtspartner!).

Ich fürchte, all die Menschen, die, aus welchen Gründen keine Hand berührte, werden noch mehr in sich erodieren.

Ich fürchte, es könnte sehr, sehr kalt werden.

Und das, was Houellbecq vor 20 Jahren in „Ausweitung der Kampfzone“ gesagt hat, stimmt mehr denn je:

es gibt nur das soziale Kapital (Macht und Geld) und das erotische Kapital sowie die Verbindung davon.

Ich war schon damals schockiert, als „Tisserand“, der Computervertreter mit seinen goldenen Krawatten und dem Krötengesicht

mit dem Auto in den Tod fuhr, weil wirklich niemand ihm eine Berührung schenken konnte oder wollte.

Er war hässlich und ekelte die Menschen. Sein Kumpel „Michel“ war mausgrau und emotional verarmt. Aber er schaffte es,

die Kälte und Aussätzigkeit, die er fühlte, zu formulieren. Ich denke, das war der Autor Michel Houellbecq, der ein gutes Beispiel dafür

ist, wie soziales Kapital (also Macht) einen Mann vor dem Suizid bewahren kann resp. ein Leben als „normal/integriert/ausbezahlt“ ermöglicht.

Oftmals braucht ein mausgrauer, emotional verkrüppelter Mann nur einen guten Posten, und dies wird ihm den Zugang zu

den nötigen Berührungen ermöglichen. (er wird darin wohl kaum gross differenzieren resp sondieren. Sorry, diesen starken Sexismus

meinerseits gegenüber dem andern Geschlecht.)

Was eine hässliche Frau an derselben Stelle tut, weiss ich nicht. Ich denke, sie kann nur, wie ihr Geschlechtsgenosse, versuchen,

fehlende Liebe zu kompensieren mit einem gesellschaftlich honorierten Posten oder einem Job, der ihr alles ersetzt

und für den sie sich opfern kann. ( Ja, so eine kannte ich.)

(4.9.21)

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