Der Untergang der Titanic, zum Ersten, zum zweiten und zum ….

Neulich ging mal wieder die Titanic unter. Camerons Titanic. Oder die Echte.
Oke, oke, dies ist an und für sich nichts Neues. Alle Fakten zum Untergang der Titanic sind wohlbekannt.
Ich mache es darum kurz, so kurz, wie ich nur kann mit einer kleinen Zusammenfassung, bis und mit Kollision:
Tag Eins: ein grosses Schiff, das grösste, das bisher gebaut wurde, sticht bei  Southampton in den offenen Atlantik. Jadefarben. So schön. Beim Diner in der Ersten Klasse sitzen der Schiffbauer Andrews, der Reporter Ismay, Käptn Smith, die vulgäre Neureiche Melly, Rose DewittBukater und ihr Verlobter, der Börsenmakler Caldon. „Die Titanic ist ist das mächtigste und grösste Schiff, das je gebaut wurde“, sagt Ingenieur und Schiffbauer Andrews zu Rose, worauf der Reporter Ismay zu Käptn Smith sagt: „Und weil sie das mächtigste und grösste Schiff ist, das je gebaut wurde, möchte ich sehen, dass sie auch das Schnellste ist. Heizen Sie bitten den letzten Kessel ein, Käptn!“ – „Ich möchte ungern den letzten Kessel einheizen, solange die Maschine nicht eingefahren ist.“ Sagt der alte Käptn dunkel. Rose DewittBukater, die aufmerksam zugehört hat, legt die Gabel weg und sagt: „Was Sie über die Grösse und Unsinkbarkeit des Schiffes sagen, Mister Andrews, ist interessant. Haben Sie mal etwas von Doktor Freud gehört?“ – „Doktor Freud? Wer ist das?“, fragt Mister Ismay an Andrews Stelle in die Runde. (der Reporter ist übrigens noch im Morgenmantel.) „Ein Passagier?“ Caldon ist frappiert, dass seine Verlobte so frech bei Tisch ist. (das im Jahre 1913) „Rose, bitte!“, sagt er und zupft ihr einen Zigarrettenhalter zwischen den Lippen hervor. Paprikaschoten; damit wurden Kate Winslets Lippen verglichen. Worauf Milly, die neurreiche Vulgäre sagt: „Nun, Caldon! Werden Sie ihr auch das Frikassé kleinschneiden?“ Schallendes Gelächter.
Rose-DewittBukater, ich will verdichten: sieht ihr Leben in einer einzige Abfolge aus Bällen, langweiligen Diners und Stelldicheins an sich vorbeiziehen. Mit roten Wangen stürzt sie vom Stuhl auf, verlässt fluchtartig das Bankett und läuft mit geraffter Rüsche minutenlang über das Deck. Ich kann es jetzt noch hören. Rose will sich zuhinterst am Bug der Titanic über Board werfen. Doch dazu kommt es nicht. Auch Mister Dawson von der Dritten Klasse hört ihre Schritte vom Drittklassdeck aus klappern, folgt ihr und streckt ihr mit seitlich geneigtem Gesicht a la Caprio-Mimik den rettenden, unvergesslichen Arm hin.
Legendär ist die Szene, als Jack Dawson aus seinen ramponierten Schuhen schlüpft, um der Lebensmüden in Socken hinterher zu springen, während er vom Eisfischen in Chippawha Falls plappert. Als Rose DewittBukater mit seiner Hilfe wieder im sicheren Bereich des Schiffes ist, wirft der legendäre Diener Caldons: Lovejoy genannt, einen insektenartigen Blick auf Dawsons geöffnete Schuhbändel: „Es ist interessant, dass der Retter noch die Zeit hatte, seine Schuhsenkel zu öffnen, um Miss Dewittbukater hinterherzuspringen, nicht aber, sie aber nachträglich wieder zu binden!“ (einer meiner Lieblingssätze, hingesprochen im Untergang der Titanic.)
So. Der zweite Tage von insgesamt zweien wäre im Kasten. Bin erleichtert darüber.
Tag Zwei beginnt mit der Liebesgeschichte der Erstklasspassagierin Rose Dewittbukater und des Drittklasspassagiers Jack Dawson auf der Mitte des E-Decks. Die beiden lehnen sich über die Brüstung und Jack Dawson lehrt seiner Angebetenen das Zurückhalten des Speichels im Rachen respektive das Weitspucken. Was so ein Mann so einer Frau nicht alles beibringen kann. Rose ist begeistert und bereits bereit, nach der Ankunft der Titanic mit Jack Dawson, einem armen Maler von einbeinigen Prostituierten, an Land zu gehen. Doch am selben Abend kommt es beim Erstklassdiner zwischen der nasenblutenden und mittellosen Mutter von Rose und Jack Dawson, der zum Dank seines Rettungseinsatzes an Rose in der Ersten Klasse speisen darf, zum Eklat: „Erzählen Sie uns von den Kabinen in der Dritten Klasse, Herr Dawson. Ich habe gehört, sie müssen sehr angenehm sein!“ – „Die besten, die ich je hatte; Madam! Fast keine Ratten!“, schwärmt Jack gerade aus und funkelt dabei zu Rose hinüber, die aus ihrer Verliebtheit für Jack, wie alle Frauen in derselben Situation übrigens, kein Geheimnis machen kann (vor niemandem). Nach einer echten irischen Bierparty auf dem Deck der Dritten Klasse, hängt ihr Caldon den blau funkelnden Coeur de la Mer, den Diamanten von Ludwig dem Sechzehnten um den Hals. „Wir sind reich. Verweigere dich mir nicht, Liebes, so werde ich mich auch dir nicht verweigern!“, bebt er, denn die Eifersucht verzehrt ihn. Kann ich gut verstehen, kann ihn sehr gut verstehen.
Legendär wird die Szene sein, in der Caldon mit dem Revoler Lovejoys in der Hand durch das eisige Wasser seiner Verlobten nachläuft, während diese, den Mantel mit dem Diamanten in der Tasche  Jack Dawson in die Tiefen des steigenden Atlantiks entgegen watet. „Und diesen Mantel …“, schreit er …“ und diesen Mantel hat sie jetzt an!“ Er wollte Jack Dawson den Diamanten in seinem eigenen Mantel, den er seiner Verlobten in der nördlichen Eisbergs-Spähre umlegte, unterjubeln, um ihn als Dieb zu überführen. Ein millionenschwerer Diamant, der verloren geht im Atlantik; das ist für unseren Caldon, den Börsenmakler-Beau, eine absolute Tragödie, ein richtiggehender Untergang!
Leider gelingt es dem unglücklichen Caldon augrund seines Klassenvorteils Jack Dawson als falschen Dieb zu überführen und ihn  tödlich zu schwächen. Ist der kleine Caprio doch in einer Kabine im Unterdeck an Händen für Stunden gefesselt, während die Titanic oben frisch und fröhlich untergeht. Oh, menschliche Tragödien, was seid ihr gross! Rose Dawson, die frischvermählte Geliebte Dawsons befreit diesen ja in letzter Minute mit einem Pickel, den sie zwischen einem Rettungsring und schallend daher wallenden Wassermassen aus der Tapete herausgerissen hat wie eine Titanin. „Mach vor her noch ein paar Übungsschläge!“, zittert Jack, der ein bisschen fürchtet, dass ihm Rose, ungeübt mit Werkzeugen derat, vielleicht die Handgelenke abtrennt. Und Rose haut das Beil in die blosse Kabinenwand, wo das Werkzeug in den Holzspänen stecken bleibt(K)eine meiner Lieblingsszenen, ich muss es sagen.

Nun geht alles drunter und drüber. Käptn Smith hat längst den letzten Kessel angefeuert, damit der Reporter Ismay dereinst der New Yorker Presse vom schnellsten Schiff der Welt prahlen kann. „Halten Sie Kurs und Geschwindigkeit!“, sagt der alte Käptn mit einer seltsamen Leidensmiene zu Sergant Murdoch. Dieser reibt sich die Hände vor Kälte. (Eine meiner Lieblingsgesten des ganzen Films). Eis liegt jetzt in der Luft, zumindest der legendäre Lightholler, der die Rettungsboote bis zum Schluss so militärisch abseilt, kann es riechen. Rose-DewittBukater wird von der Mutter in der Suite unterdessen das Korsett neu geschnürt. „Dies ist kein Spiel!“, sagt die Mutter, die die Liebe längst vergessen hat. Ich kann dich ja verstehen, Mom, und das Korsett schnürt, so: auf Kollisionskurs! in Rucken!!!  Doch das hat alles keinen Zweck. Rose Dewittbukater folgt jetzt ganz ihrem Herzen und somit den Herzen aller Zuschauerinnen, die das Einschlägige so sehr lieben und schätzen, wie auch ich. „Jack, ich möchte, dass Sie mich mich genauso malen, wie Sie diese Frauen in Paris, da, gemalt haben, genau so!“

Legendär ist die Szene, als sich Rose und Jack zum Schäferstündchen in einen alten Ford des Maschinenraums zurückziehen und sich die Scheiben des Wagens, der vermutlich König Astor, dem Erben des Biberjägers gehört, mit Dampf beschlagen.  Vom Timing her vollzieht sich der romantische Höhepunkt etwa zeitgleich mit der Kollision des Eisbergs mit dem Schiff. Hand in Hand treten Caprio und Winslet nach dem Flow an Deck, leichenblass ihre gerade noch geröteten Wangen, überrascht von der Kollision, die grausame Folgen haben wird. Aber die kann ihnen jetzt nicht anhaben, kann nicht. Oh Gott.

Der Eisberg hat die  Seitenachse der Titanic  in einer messerscharfen Geraden (?) aufgeschlitzt, weisse, nein, blau leuchtende Brocken purzeln über Deck in den Bereich der Flaniermeile hinein. Andrews, Ismay, Smith und Co. kommen aus ihren Salons hergetrudelt, in halb geschäftiger, halb putzmunterer Laune. (ist doch ihr Leben sicher auch nicht an aussergewöhnlichen Situationen reich.)
„Die Titanic wird sinken, das ist eine mathematische Gewissheit! In einer Stunde wird all das auf dem Grund des Ozeans sein!“ sagt Mister Andrews erregt. „Aber dieses Schiff ist unsichtbar!“, ruft Bruce Ismay in seinem goldenen Bademantel dazwischen. Er ist jetzt richtiggehend kindisch. „Sie wurde aus Stahl gebaut, und ich sage Ihnen, sie kann!“, erwidert Andrews, der himmeltraurige Schiffbauer. „Nun, ich nehme an, Sie werden Ihre Schlagzeilen haben!“ Nur Käptn Smith ist eigenartig unberührt vom ganzen Geschehen. Wirklich! „Wieviele Seelen an Bord, Lightholler?“, fragt er, als würde ihn lediglich ein kleines Steinchen im Schuh drücken. „Dreitausend Seelen an Bord, Käptn!“ – „Ich vermute, Sie werden Ihre Schlagzeilen haben, Mister Ismay! Ich vermute, Sie werden Ihre Schlagzeilen haben!“ Legendär auch die Szene, in der Käptn Smith zwischen den eindringenden Wassermassen zu seinem Steuerrad geht. Er hält es fest umklammert, was da komme.
Dann entdeckt Caldon auch noch die Aktzeichnung von Rose in seiner samtigen Suite im Safe (der ebenfalls blausamt ausgestattet ist). Ich weiss nicht, wieviele Schoten der Titanic zu diesem Zeitpunkt schon mit Wasser gefüllt sind. Etliche Schiffsheizer können noch unter den Falltüren wie Delphine hindurchschlüpfen, andere werden von den herabfallenden Toren brutal eingeklemmt. „Lieber bin ich die Hure einer Kanalratte als deine Frau!“, schreit RoseDewittBukater ihrem Verlobten ins Gesicht und macht jetzt folgerichtig von ihrem neuen Können Gebrauch; sie spuckt den Widerling an! Ich weiss nicht, ob ich es gesagt habe: RoseDewittBukater hat auf der Titanic innerhalb von zwei Tagen den Eisfischer Jack Dawson kennen- und lieben gelernt. Sie wird ihrer Klasse den Rücken zukehren und mit dem Unbekannten an Land gehen.
Also spuckt sie Caldon, ihrem Eigner, ins Gesicht, während die Titanic langsam auseinander bricht, ah. „Mehr rechts! Mehr links! Frauen und Kinder zuerst! Und: abseilen! Sooo ist es brav!“ Murdoch muss sich erschiessen, als der Kampf um die zu wenigen Boote durch die drängenden Zweit- und Drittklasspassagiere ausufert. Eine Gruppe letzter, eingesperrt unter Deck, befreit sich mithilfe eines Klaviers, das sie mit übermenschlicher Kraft aus ihrem Fundament reisst, was den meisten der befreiten Passagiere aber nichts mehr bringt. Mächtige Feuerwerke explodieren über dem sinkenden Kamin, der umstürzt, hinunter auf die Decke des Atlantiks prallt. Ich sehe es jetzt noch vor meinen Augen. Wie im Märchen. Der Bug trennt sich knisternd vom Heck ab, nicht anders als ein trockenes Sandwich.
König Astor hat eine kleine Schnapsflasche an die Lippen gehalten, während er sich am letzten Pfeiler der untergehenden Titanic festklammert: „Wenn ich schon untergehen muss, dann wenigstens wie ein Gentleman.“ Hat er das wirklich gesagt? (ein bemerkenswerter Satz.)
Die Augen der Winslet schauen die Augen des Leos an. Die beiden Männer und Nebenbühler halten sich an der Reling fest. Nicht Caldon ist es, der von den Augen der Winselt durchdrungen wird. RoseDewittBukater wird in einem der letzten Boote abgeseilt, doch springt sie aus Liebe zu Jack wieder aus dem Boot heraus auf die untergehende Titanic zurück!!!!! Fiiiilllmmmmmm…..
Die Lichter der Titanic erlöschen jetzt mit einem leisen schmürzelnden Geräusch. Der Bug hat sich aufgestellt, dieser stehende Arsch ist der Höhepunkt von Camerons Machwerk. Menschen und Teller fallen wie Rosinen oder Klumpen kilometerweit links und rechts vom aufgestellten Arsch in die Tiefe! Ich will nicht wissen, wie es wirklich war!
Aber die Augen RoseDewittBukaters sind auf JackDawson gerichtet, während das Boot mit der letzten Frauen- und Kindergruppe abgeseilt wird. Angesichts der Katastrophe ist Liebe gnadenlos echt. Zumindest im Kitschepos Titanic von James Cameron.
Oke, fehlt noch der Schluss: „Schwimm, schwimm, mach weiter! Schwimm! Du wirst später mal ne Menge Kinder haben! Du wirst nicht hier sterben! Nicht hier draussen auf dem Atlantik, nicht so!“ Jack Dawson schlottert. Rose planscht sich durch das Feld der schwimmenden, bereits vereisten Menschschen wie ein Schläger. Das Wasser wiegelt sie wie Frostskulpturen, es muss jetzt so kalt sein wie Nadelstiche. „Komm zurück, komm zurück!“ Drückt sie den leblosen Leichnam Jacks am Kopf hinab ins Schwarz.
Und die Resten lasse ich aus,  Celine Dion lass ich aus. Denn eigentlich habe ich schon zuviel gesagt: „Komm zurück! Come back to me, Jack! Jack!“ Blaba. Ja, ich habe schon zuviel gesagt. Denn ich will auch mal fertig werden mit einer Sache.
Drei mal kam der Eismann vorbei, damals 1997, als ich im Kino sass, allein in Leipzig, mit einer verdammten Vernichtungsangst im Bauch. Ich weiss auch nicht, warum. Der Eismann hatte einen Kasten mit Bändel um den Hals und ging systematisch durch die Reihen: Wer will ein Eis? Magnum, der rahmige Stengel gerade auf dem Glacé-Markt! Aber ich konnte nie ein Eis schlecken, ehrlich, nicht ein einziges mal während meines knappen Jahres in Leipzig. (Ehrlich gesagt sah ich im Eismann schon Züge Lovejoys verewigt, wenn er seinen Revolver zückte, um den Nebenbuhler seines Chefs in flagranti … dabei waren das ja nur Zuckerraketen) Dreimal zog es mich in die „Titanic“. Und dreimal kam der Eismann während der Pause vorbei. Aber das dritte Mal hielt ich es nur bis zur Szene der angedampften Fensterscheiben aus. Erstarrt vor Angst fühlte ich, dass mir die Vernichtungsangst, diese sinnlose, irrationale, blöde, die mich in der Stadt Leipzip überfallen hatte, in den Kinosaal folgte und da bis in die Spielfilmhandlung der untergehenden Titanic mit ihrer aufgehenden Liebe, dem Risingstar, hinein! Ich weiss nicht warum. Eine nüchterne, irrationale Vernichtungsangst hatte mich beim Anblick der weissen Wände in meinem Zimmer an der August-Bebel-Strasse überkommen. Das endlose Weiss der Tapeten, während ich da war, um Literatur am Institut zu studieren, starrte mich mit derselben nüchternen, sinnlosen Angst an, so wie ich sie, die Tapete, ansah. Aber statt den Diskussionen über Formeln zuzuhören, lief ich durch die langen, längsten Leipziger Alleen und Strassen. Und ging in die Titanic. Ich werde es nie verstehen. Ich floh aus diesem vagen Lebensentwurf: am Literaturinstitut studieren und mit Studenten des Schreibens über das Schreiben in einer vorbestimmten Form reden, um stattdessen in den Kitsch und den Untergang der Titanic zu gehen. Ich fand nichts am Institut, nichts Nahes, nichts Unmittelbares! Ich trieb daher, allein, mit der Sonderbarkeit meines Lebens, wie auf dem Atlantik. Und musste in die Titanic, um mich an etwas Festem, Echten halten zu können. Der Untergang der Titanic war für mich naher und echter, als das gläserne Leben, dort an diesem fremden Ort mit seinen Bockwürsten und Formeln über Satzbausteine. Dreimal ging ich in die Titanic. Zweimal ging ich mit ihr unter. Doch beim dritten mal konnte ich ihren ätzenden Untergang nicht mehr abwarten. Ich floh aus dem Kinosaal und hastete durch die Strassen mit ihren hohen, wuchtigen Bäumen und warf mich in die aufgeschütteten Blättermeere am Clara-Zetkin-Park. Das ist so lange her. Und seither habe ich vielleicht nie wieder eine solche (einschlägige? gleichnisartige? vollverständliche? überpersönliche?) Katastrophe erlebt.
(27.09.2020)

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