Brügg_Diary

Es ist mir selbst indoktriniert, dass ich nicht wie ein Gutbürger leben dürfte. Der Standard an Komfort, der ein Gutbürger und bereits Normalbürger in der Schweiz durch Erwerb erreicht, ist unendlich und unerreichbar hoch …. vielleicht, weil er allgegenwärtig und megapräsent ist (internet, medien, fernsehen usw.) und die Schweiz diesen kalten unerreichbar soliden Komfort-Standard verkauft ….

… bin ich jetzt überrascht, dass ich in meiner neuen Behausung friere ….

… es ist halt – dem Kostenpunkt entsprechend- wahrscheinlich nicht ganz so perfekt abgedichtet …

Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem alles gut abgedichtet und nach Innen und Aussen isoliert ist … bis in die menschliche Seele!

Tatsächlich glaube ich, dass das Leben im gut isolierten Gutbürgertum oder sogar knappen Normalbürgertum, wo die Wohnungen gut isoliert, ruhig und still und schön sind, nicht realisierbar ist … für jemanden, der leben will ….!!!!

Gutbürgerliche/knappe oder mittelständige Normalbürger müssen auf den standardisierten Komfort zugeschnitten sein, und umgekehrt. Aber der Preis, den sie für diesen Komfort zahlen …. ist krank ….

Da eine gute, isolierte 2-Zi-Standard-Komfort-Wohnung – typisch ausdruckslos und schweizerisch kalt! – zu einem Standard-Mietpreis von 1400srf. erschwinglich ist, können die Bürger dieses Landes ihre Wohnungen nicht mit Leben bewohnen, da sie rund um die Uhr am Geld verdienen oder dann am (Geld) ausgeben sind.

Ich hatte keine arme Kindheit. Aber dass sich meine Eltern hochgewirtschaftet und dabei auf vieles verzichtet haben; dies immerhin habe ich doch abbekommen. Für mich stand schon früh fest: Die Welt des Komforts steht mir nicht zu, da ich kein Gutbürger bin/sein werde, da ich ein Leben haben will …. vielleicht wie ein Bohème.

Mein erster Lohn war 15.50 die Stunde, ich war zu 50 Prozent in der Bahnhof-Buchhandlung Stauffacher angestellt, hatte vermutlich bereits Myalgische Encephalomyelitis-Dauertachykardie im Ruhen und im Stehen von 110/120. Aber ich verkaufte kurz mal Bücher, in einer windigen Durchgangspassage. Ich tippte Beträge in eine hellbraune Kastenkasse mit grossen Knopf-Augen-Tasten ein. Manchmal verzählte ich mich im Herausgeben des Münz ….

Ich wusste also, dass das Leben rauh ist. Und trotzdem war ich dieser schweizerisch rauh-herben „Rauhheit“ überhaupt nie gewachsen.

Dies merke ich jetzt wieder, wo ein bisschen Sturmwind durch die Ritzen meiner Altbau-Behausung dringt. Ich bin nie und nimmer ein Bohème gewesen …. auch wenn mein Geist vielleicht nie ein Dach über dem Kopf gehabt hat …

Wie zwei entgegengesetzte Naturkräfte, die an zwei Enden eines Seils ziehen; dies bin Ich, bestehend aus der Freiheit und Weite meines Geistes und der mimosenhaften krankhaften Zerbrechlichkeit, ja, geradezu Zerfälligkeit meines Körpers …..

Mein inneres Leben ist im Prinzip eine einzige Katastrophe gewesen. Ich ging von einer Katastrophe zur nächsten, in meinem Innern, dies war relativ normal für mich. Und doch habe ich irgendwann aufgehört, mich in der äusseren Welt zu bewegen, ich verharrte in meinen vier Wänden, um weiteren Schaden …. und damit meine ich in erster Linie körperlichen … zu verhindern und zu umwandeln.

So ging es so lala. Aber die Einsamkeit hat sich in mir abgelagert wie ein Sediment!

Ich wollte (über die Jahre!) so gerne noch einmal interagieren, Veränderungen eingehen, mich einlassen auf meine Umwelt!!!!!

Und nun stürze ich schon wieder. Ich wäre so gern ein Vogel ….

Beinahe acht Wochen lang habe ich jeden Tag Habseligkeiten, Dingelchen, Wärelchen in Kisten verpackt. Habe sortiert, entsorgt, umwickelt, gestapelt …..verworfen ….sondiert …. isoliert!! Nun sind diese Kisten hier, und mein Traum von einer Leerwohnung, einem Leerzimmer, in dem ich endlich klar sehe …. löst sich auf. Ich sehe wieder Habseligkeiten, Waren … Gebrauchtgegenstände … und kann nicht entscheiden; was ist Ramsch? Und wo sind meine Flügel? Immer Bedrohung am Leibe! Nicht sichtbar! Und ein Geist, unterjocht ….

Bohème-Leben; dies wollte mein Geist: eine Matratze, ein Tisch, ein Schreibstift, ein Buch … so fing es an … damals … aber dann …. was kam alles hinzu …

1998 reiste ich mit einer Kollegin im Auto nach Leipzig, um dort ans Literaturinstitut zu höckeln. Ich nahm zwei Koffer mit, meinen ersten Computer und ein Tischtaburettchen. Minus 20 Grad wurde es an der August-Bebel-Strasse Ende Januar … ich fror extrem….

Ein Jahr später musste mich der Grossbürger und Buchhalter-Sohn, W., mein Vater, im grossen Mitsubishi aus der Wohnung heraus retten und vorübergehend wohnte ich wieder bei meinen Eltern. Ich hatte einen 6-Jahresvertrag mit zwei  Tunichtguten unterschrieben, die das Küchengeschirr verschimmeln liessen … Aber dies war vielleicht nur der Vorwand. Tatsächlich verbarrikadierte ich mich an meinem Schreibtisch in meinem Zimmer mit Pflaumenmuus und Beigen von absurden Sätzen … ich wusste in Leipzig nicht mehr weiter.

Was wirst du jetzt tun? Fragte W. Er glaubte, meine Schreib-phase sei nun zuende. Ein Jahr später meinte er, er sähe mich gerne „gut“ verheiratet …  mit einem Gutbüger. Aber ich kannte keine solchen Männer, die es zum Gutbürger brachten …

… ich kannte damals nur einen Kleinen, der mir jede Nacht die Hand ans Herz legte, weil ich glaubte, wegen meinem Ruhepuls von 120 zu verrecken … Er, der Kleine, Menschlichste, den ich je traf, lebte in einem kleinen Abbruchhäuschen, ohne Heizung. Jedoch hatte er zwei kleine Öl-Ofen aufgestellt und darüber zwei Pfännchen gelegt, gefüllt mit verdunstendem Wasser wegen der Trockenheit … Trotzdem drang die Feuchtigkeit und Kälte durch den Teppich, ja sogar durch die Matratze ein ….

Wo hätte ich denn hin sollen? Mit meinem Geist ohne Behausung, meinem Körper, der ein bisschen Komfort gebraucht hätte … ein Komfort, den ich mir nicht erarbeiten konnte/kann, weswegen ich ihn nicht verdiene? Ich ging in den Verkauf, 40 Prozent, 20 Franken Stundenlohn …. kaufte mir meine ersten Pumps  … zog in ein Dach-Studio in Bern, 550srf/mntl., Autokurve vor dem Haus, brutzelte mein erstes Spiegelei in einer Mini-Pfanne, dachte: nun ist alles gut. Werde Schriftstellerin.

Mein Kopf feuert. Die Kälte ist mir als fiebrige Wärme in den Körper gestiegen. Und Erinnerung.

Heute nachmittag habe ich (als ehemaliger Städter) das grösste Einkaufszentrum von je besucht. Das Brügger Migros-Zentrum. Berge von Osterhasen und Schokoeier mit Punkten (die, die mein Dad wie Erdnüsschen in sich stopfte) hätten mehrere meiner Dach-Studios gefüllt!!! Wie riesige Kräne von Miesmuscheln oder eine Rutschbahn aus Bällen im Möbelhaus für die Kinder …(13.3.19)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *