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Briefchen für Dad von einem Loser (das Dad nie lesen wird)

Du bröckelst, Vater. Ich fühle Trauer.

—-

Aber du hast mich am Seil geführt.

Zu hohe Berge waren es. Zu weit zu Fuss.

Wurde ich krank von diesen Gipfeln.
—-

Und nun. Blicken sie über uns hinweg, dich und mich.

Blöd, dass ich dir nie etwas geben konnte.

Hätte ich einen Gipfel erreicht, einen der sichtbaren…

____

Was soll ich tun, wann und wie?

Für den Fall, dass du einmal nicht mehr sein solltest.

Die Welt wird im Chaos versinken.
Ohne deinen Sermon.

Du bist der Sprecher, der keinen Widersacher duldet.

Deine Rede war einsam. So kalt erschienst du in ihr.

Im Jassen haben wir dich erzürnt mit unseren Fehlern.
Diese Fehler waren für dich ein massloser Makel.

Weinend liefen wir vom Tisch.

 

Aber dann; was hast du nicht alles gebaut, von Händen!

Sogar ein kleines Holzhaus für uns Kinder im Garten!

Ich nahm allen Mut zusammen und übernachtete einmal darin.

Im Ausland war ich in Not. Und du hast mich heimgeholt.

In einer NachtundNebelaktion.

Ich war schon eine grosse Frau.

Aber nicht für dich.

Und für mich drum auch nicht.
—-

Du glaubtest, ich wollte gar nicht mehr hoch, auf die Berge.

Glaubtest du das wirklich?
Wenn du wüsstest!

Aber es hat keinen Sinn, wenn ich davon rede.

Ich auch fühle diesen masslosen Makel.

Nur: wen bringe ich damit zum Weinen?
___

dann war da diese Nacht, und du hast mich

angeschrien: was hast du falsch gemacht in deinem Leben?

Wer ist meine Tochter! Ich kenne meine eigene Tochter nicht!!!

Ich war sehr schwach, körperlich, in diesen Stunden.

So schwach, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst.

Nie, nie habe ich dich so fremd, so grausam erlebt.

___-

 

Vater: An diesem Wort war für dich zuviel Schwere, zu viel Verpflichtung!

Du hast es nie gesagt, dass du das Wort nicht magst.

Aber ich spürte es.

Aber was ändert das jetzt, wenn ich nicht: Vater sage?

_____

Unter dem Dach meines Vaters lebte ich jahrelang.
Ich kannte seine guten, sprühenden Launen, seine Leidenschaft,
diesen unbezwingenbaren leichtfüssigen Charme, den er an den Tag legen konnte.
Ich kannte seine Wut, seine physischen Qualen, seinen Druck;

Leistung! Immer! 100%. Immer die zwei P: Pedanterie und Perfektion. (aber nicht in der Emotion).

Grossvater, der Tyrann, schüttelt immer noch die Gerte aus, in ihm.
—-

Ich habe dein Herz nicht berührt, wir wissen es beide.

Vielleicht bin ich deswegen traurig.

Ich wagte es nicht, es in meine Hände zu nehmen. Was wäre passiert?

Vater, plötzlich weich? Voller Emotion? Vielleicht doch lieber nicht…..

Du hast mein Herz nicht in die Hände genommen.

Und so werden wir uns Fremde bleiben.


Was sollen wir tun?

Komisch, wir beide werden sterben.

Wir, die wir so taten so, als wären wir immun.
Dabei sind wir zwei Schwache.

Was ist das anderes als schwach, wenn man nicht fähig ist, in Gemeinschaft zu leben?

So einen grossen Defekt hatten wir.
Und unser Immunsystem war krank.
_—–
ich weiss nicht, ob dir menschliche Wärme fehlte.
Du programmiertest laufend, du versenktest dich und möbeltest defekte Computer
zu neuen Maschinen auf.
Das liebtest du. Dieses Tüfteln und Basteln. Auf immer komplizierte, umständlichere Wege.
—-
Ich hab Wärme gesucht, unsäglich viel Wärme. Das Mütterliche bei Männern.

Aber ich wollte auch einen gerechten und rechthaberischen Mann.
Einen, der alles weiss und kann.

—-

Oft habe ich dir einen Sohn gewünscht.
Aber vielleicht hättest du dich durch ihn konkurriert gefühlt…

____
Noch immer sehe ich die Berge.

Die Berge auch, die zwischen dir und mir stehen.

—-

Mein Herz friert mir, wenn ich an die Liebe denke,

die ich dir nicht geben konnte.
—-

Ich möchte dich ohne Zwänge, ohne Druck wissen.

In der Sicherheit, die du dir unermüdlich immer selber schenken musstet.

Kein Anderer konnte das. Das hättest du nicht angenommen.


Dein verdammter Vater liess dich sitzen, da warst du noch ein Kind.

Da schworest du dir: nie wieder bin ich auf Hilfe angewiesen.

—–

Die Gipfel rücken für dich in weitere Ferne.

Während sie noch vor mir aufragen.
—-

Aber was soll ich tun?

Ich kann auf keinen rauf.

Wie kann ich das Unabänderliche verrücken?

Berge—-

Von mir zu dir dauert die längste Sprechblase.
—-
Tausend ungesagte Dinge.
Und der Zorn der Götter.
—-
Du abtreten, eines Tages?

Aber du doch nicht! Nicht so ohne Weiteres.

—-

Jeden Bereich deines Lebens hast du kontrolliert, verwaltet.
Du warst kreativ.

____

jetzt bröckelst du. Und du musst das spüren.

— Habe ich etwas über Väter erzählt? (oder nur über dich?)

—- Das Leben verrät doch alle.

—–

Aber du hast mich doch am Seil geführt!

Und da hab ich dir: 100% vertraut.

(12.6.21)


 



 


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