die Zuhörerin

 

Ich würde mich gerne als Zuhörerin zur Verfügung stellen.

Ich ahne, dass diese Funktion in der heutigen Zeit nicht genügend abgedeckt ist. Zudem sehe ich, dass zurzeit einige Freiwilligen-Agenturen für diese Beschäftigung Leute suchen.

Leider ist die Voraussetzung, um bei einer solchen Hotline mitzumachen in der Regel eine halbtägige Einführung mit anschliessendem Praktika. „Wie man richtig zu hört!“ will gelernt sein. Die „Dargebotene Hand“ lädt die Interessierten zu einem Veranstaltungs-Seminar in der Paulus-Kirche. In einem Telefon-Test wählt sie anschliessend die geeignetsten Zuhörerinnen aus. Fürs Jahr 2022 besteht eine lange Warteliste.

Was mich betrifft, so kann ich einen Veranstaltungstag ausser Haus nicht bewältigen. Ein physisches Gebrechen ist dafür verantwortlich, dass ich kaum einen zweistündigen Eignungstest in sitzender Position absolvieren könnte.

Ich denke aber, ich könnte auch auch ohne Eignungstests zuhören, auch ohne gelernt zu haben, wie man richtig zuhört!

Auf alle Fälle ist das die Bedingung, unter der ich vermutlich überhaupt erst zuhöre!  Mein Sprechmuskel ist begrenzt,  aber regelmässig einsatzfähig, mein Gehör funktioniert, die Kognition ist ganz ordentlich beisammen. Wenn auch  Aufnahmefähigkeit,  Rückmeldung und Empathie varieren.

Ich denke aber, dass die Ausgangslage unter der ich mich hier anbiete, bereits dafür bürgt, dass ich relativ gut zuhören werde. So würde ich zum Beispiel niemals nur so tun, als würde ich jemandem zuhören! Dazu fehlt es mir bei weitem an der nötigen Professionalität! Ein grosser Respekt, ja, fast eine Ehrfurcht packt mich, wenn sich jemand eigens an mich wendet, weil er darauf vertraut, am Ende des Drahts sei jemand, der ihm zuhört!

Es ist doch etwas ganz anderes, ob ich sage: ich stelle mich zur Verfügung und höre Ihnen zu, oder ob ich aus freien Stücken einen Freund anrufe, weil ich selbst etwas abladen will. Wenn ich jemanden aus freien Stücken anrufe, dann achte ich mich nicht immer, ob  mein Gegenüber auch aufmerksam ist. So unaufmerksam bin ich manchmal selbst, dass ich einfach über mein unaufmerksames Gegenüber hinweg rede. (ein bisschen wie ein Mähdrescher.)

Grundsätzlich ist eine grosse Eingangsmotiviation zum sorgfältigen Zuhören bei mir vorhanden, weil diese Motivation ihren Unsprung ganz in mir hat. Diese Motivation, so ahne ich, kann aber auch fallen.

Ich möchte nicht nur einer einzigen Person mein Gehör leihen, dies stundenlang, sondern vielen Personen, kurz! So schwebt es mir vor, mein Gehör auf viele unterschiedliche Anrufer zu verteilen. Und dann selbst zu entscheiden, wo ich mein Angebot vertiefe und ausbaue. Ich würde unter anderem aus diesem Grund kein Geld fürs Zuhören verlangen. (Wenn ich selbst entscheiden kann, wieviel ich in die jeweilige Mitteilsamkeit investiere und auch mein Gegenüber damit zufrieden ist, ist das mehr wert als jedes Geld.)

Ich höre zu, mal kurz, mal lang. Ich bin präsent. (So stelle ich mir vor.)

Natürlich hätte ich nichts dagegen, mein Taschengeld von 2300 Franken-IV-Geld ein wenig aufzufrischen. Aber dass ich jemals noch Geld verdiene halte ich ehrlich gesagt es für einen ein irrealen und obsoleten Wunschtraum. Die fast schon universelle Idee, man könnte mit einer Arbeit Geld verdienen, wurde nicht für mich erfunden. Und es bringt nichts, wenn ich so spät im Leben an Prädestiniertheiten; namentlich: am Schicksal zu rütteln anfange.

Immerhin bin ich seit siebzehn Jahren erwerbslos.

Eine Profession habe ich nie gehabt. Meine Berufung ist es, so blaute mir früh, was immer ich tue, unprofessionell, spontan, intentional, aus dem Moment heraus zu tun, und mir bei meinen (unterlassenen) Tätigkeiten dabei gut auf die Finger zu schauen. Ein körperlich gravierendes Gebrechen hielt mich, wie gesagt, davon ab, mein Leben auf eine Zukunft hinaus zu planen und zu organisieren. Ich kenne überhaupt nur diese Stunde!

Weil mich die Arbeitslosigkeit früh auf mich selbst zurück warf, schärfte sie auch mein Ichgefühl und meine Egozentrik.

Ich habe mir ja zugefühlt, immer wieder. Als wäre mein Ich ein Du. Kann ich meinen Fokus nun auch auf einen Andern lenken?

Nach so vielen überflüssigen Monologen?

Ich ahne, dass mich als Zuhörerin Überraschungen erwarten: Jemand wird mir seine Geschichte erzählen, ich werde sie aufnehmen, Fragen stellen. Sicher wird mir der Erzähler bis zu einem gewissen Grad sehr fremd bleiben. Diese Fremdheit kann einen verschüchtern.

Mir selbst hörte in den ersten zwanzigen Lebensjahren niemand zu. Ich weiss noch, wie die Stimmen in meinem Kopf immer lauter wurden und das Vakuum schliesslich füllten. Vieles war mir fremd: die Inhalte, zuerst. Aber auch die menschlichen Eigenheiten. Gebärden, Gestik, Duft, Klang und Ton…

So komme ich von weit her, obschon ich kaum je gereist bin. Da ich auf einer Insel lebe, kann man mit einer gewissen Neutralität, einer gewissen Gleichgültigkeit rechnen, wenn man mich anruft.

Ich werde versuchen, geduldig zu lauschen.  Werde nur sehen, was ich höre. Nichts herausfühlen, was ich nicht sehe. Alles unbeurteilt im Raum stehen lassen. So selten wie möglich werde ich sagen: ich verstehe! Vielleicht wird mich jemand sogar verbal attackieren oder als Mülleimer benutzen.

Körperlich kann mich aber niemand bedrohen, oder?

Vielleicht werde ich nur ein Echoraum sein und kleine Wegweiser aufstellen, die den Schall disket an den Absender zurückleiten.

Nun bin ich mal gespannt, ob meine Vostellung, die ich mir von mir als Zuhörin mache, irgendetwas mit der Realität zu tun hat.

Ich hab schon die Erfahrung gemacht, dass mir meine Phantasie vorauseilt und so die Realität niemals wahr werden lässt.

Zum Abschluss will ich etwas direkter werden: Hast du Lust, mich anzurufen? Oder kannst du mich sogar zum Schweigen bringen?

Erwarte nichts Aussergewöhnliches von mir. Es ist wirklich nur ein Kleines, das ich geben kann.

(11.1.21)

 

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