zu meinem „Glaubenssatz“

Gestern mailte mir der Verleger, dem ich das Manuskript vor 6 Monaten schickte und fragte, ob das Manu noch aktuell sei?
Ich sagte, nee, er könne das Manu (mein Glaubenssatz) wegschmeissen. Ich müsse einen neuen Schluss schreiben, erst.
Dann fiel mir ein, dass ich ihm ja auch hätte sagen können: lies unbedingt alles, bis zu den letzten 20 Seiten. Was werden diese 20 Seiten schon ändern an Ton&Inhalt…!?
Allerdings, vielleicht ist es wahr, und ich könnte gerade zum erstenmal eine Hand brauchen, die mich irgendwie durch meinen Dschungel führt.
Ich schreibe nur noch selten. Nicht nur, weil ich kein absehbares Ende mehr sehe. Auch, weil ich vom Organismus her nicht mehr auf das Level komme, das ich zum Schreiben benötige: Ich muss in diese verzitterte, ludiz schimmernde Sphäre hoch, angespannt wie eine Saite, muss ich mich fühlen, geschliffen wie ein Messer, gebläht wie ein Blasebalg.
Wann kann ich physisch noch dorthin?
Ich schwimme vor mich her, Tag für Tag.
Ich kann nichts fangen und auf den Punkt bringen.
Meine eigenen Stimmungen sind zu verworren. Oder waren schon klarer und drängender. Und unterhalb der Schmerzgrenze lohnt sich eh nichts mehr. Nicht für mich. Ich bin zu faul, obsessiv zu sein.
Eine chemische Situation. Und eine perspektivische.
Wie soll ich, Poetmaudit, an mein „Werklein“ glauben, allein, von mir aus, ohne, dass sonst jemand meint: dies ist gut genug, dies ist Not genug….. daraus können wir ein Büchlein machen?!
Ich selbst hadere….. ich habe den Eindruck: allein kann ich mir keine Meinung mehr machen über meinen „Glaubenssatz“. Was ich geschrieben habe, hinterlässt bei mir ein desolates Gefühl von Absorpiertheit und Gleichgültigkeit.
Dann ist da noch etwas, womit ich nie gerechnet hätte: die Weltlage hat sich verändert.
Confessional Style ist vorbei. Lust an der Kunst, zum Selbstzweck, ist vorbei.
Ich habe keine Idee, wie ein Roman heute sein muss: eventuell muss er gewisse aktuelle Themen aus der Gesellschaft aufnehmen und so beleuchten, dass man etwas Sinnvolles davon ableiten kann. Figuren einer Geschichte müssen in der realen Welt ihre Abbilder haben und wieder eher wie Lehrfiguren funktionieren. Emotionen, Traumas, Schmerzen; all das muss dezent sein oder aber wie ein Bockbuster. Der Autor, der fast immer mehrere Fächer an der Uni studiert hat, ist ein Psychologe, der ein sensibles Märchen schreibt, nur ohne den Zauber der Grimm’schen Märchen, aber immer ein Märchen, das heisst, eine Geschichte, die ihre Versöhnung mitliefert. Eine Art Ratgeber-Literatur als Roman. Ausnahmen bilden: exotische Literatur, Migrantenliteratur und bis zu einem gewissen Grad Transgender-Literatur (nicht unbedingt feministische Literatur):  diese Themen müssen nicht abgefedert werden, im Gegenteil, für diese Themen hat der moderne, westliche Leser noch eine hohe Toleranz und Schmerzgrenze. Sie sind, im Gegensatz zu individuellem, persönlichen Leid, noch nicht ausgereizt, sondern gesellschaftlich sichtbare Themen. Es wird etwas hochgeschwemmt; dann ist es eine Weile sichtbar und öffentlich akzeptiert. usw. Keine Ahnung.
Ein persönliches und tief individuelles Leid, die Darstellung einer Loser-Existenz im Sinne es Merseults (Camus); sowas ist absolut out, denn heute leidet man nicht mehr ontologisch und sinnlos.
Und ich habe deswegen auch aufgegeben daran zu glauben, dass ich publiziert werden könnte.
Denn, obschon ich eine gesellschaftlich wichtiges und aktuelles Thema mitliefere- eine verkannte Krankheit namens Myalgic E. (an der weltweit 7 Mio Menschen auf einschränkendste Weise leiden, immerhin das)- bin und ist mein „Glaubenssatz“ primär doch nur zutiefst persönlich und „anders“. Mein Leiden ein klassisches Merseut’sches, ein existentialistisches.
Und, My God, …………. wir sind so weit vom Existenzialismus entfernt wie von der fernsten Galaxie.
(10.13.21)
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