Wessen Puppen

Am liebsten waren der Kleinen und der Grossen zum Spielen die zwei schwarzen Puppen.
Wer ihnen die Puppen geschenkt hatte, wussten sie nicht recht; es hiess sie seien von einer dicken, ziemlich seltsamen Frau, die, obschon sie der Kleinen und der Grossen mit den Puppen wahrscheinlich das schönste Geschenk ihrer frühen Kindheit bereitete, der Mutter der Kinder das Leben mit Lügen, Intrigen und Schmeicheleien eine Zeitlang zur Hölle machte.
All das flutete solange hinter bunt verpackten Geschenken (die Puppen erschienen in wunderschönen Puppenköfferchen!) in die Stürmchensche Stube herein, bis eines Tages die Mutter gequält durch die Blume verkündete, mit all dem sei jetzt Schluss. Sie sprach von der schizophrenen Freundin – falls überhaupt – nur noch wie von einer Fremden.

Die Mutter hatte zeitlebens immer innige Kontakte zu Frauen gepflegt, bestimmt, weil sie damit etwas kompensierte, was sie in der Ehe mit ihrem Mann, dem Vater der Kleinen und der Grossen nach einer kurzen wilden Verliebtheitsphase nicht mehr vorfand. Der Vater und die Mutter hatten sich im Tanzkurs kennengelernt, sie waren naiv gewesen wie die Kinder, sie hatten zusammen die Schritte fürs Leben eingeübt und die Zukunft minutiös und mit Bedacht auf Absicherung weit hinaus geplant. Aber Tanz und wirbelnde, Hüftknappe Röckchen gingen dabei bald flöte. Mann und Frau kommunizierten nicht miteinander! Und vielleicht, vielleicht war ein jeder für sich – Mutter, Vater – als Kind ganz einfach auch zuwenig zum Spielen gekommen …. beide stammten nämlich aus Familien, in denen sich die finanzielle Armut nicht nur auf dem Teller äusserte, sondern als Bitterkeit, traurige Sauertöpfigkeit und Einfallslosigkeit auch in hungernde Erwachsenenherzen hinein zwängte – und dies ist ein Erbe, das auch vor Kindern und Kindeskindern nicht Halt macht.

Nachdem die ominöse Freundin der Mutter, die die Kleine und die Grosse nie zu Gesicht bekommen hatten, weg war, suchte sich die Mutter – um das Manko einer gewissen Beziehungslosigkeit wett zu machen, wie gesagt – eine neue Freundin. Eine junge Frau, Krankenschwester, wie sie selbst, kam eine Zeitlang jedes Wochenende vorbei. Mit ihr sass die Mutter auf der sonnigen Veranda, und die beiden lachten und schwatzten und die Wangen der Mutter überzogen sich mit einem mädchenhaften Rot. Manchmal schaute auch der Ehemann kurz vorbei, betrat kurz die Veranda, hantierte etwas am verrosteten Halter der Sonnenstore herum, indem er diesen ölte, wobei die Frauen einfach weiter schwatzten oder aber ein wenig verstummten.

Die ihr liebsten Beziehungen zu ihren Freundinnen hielten der Mutter nie. Als die Kleine und die Grosse in die Pubertät kamen und die Kommunikationslosigkeit zwischen den Eheleuten auf den Höhepunkt zusteuerte, schaffte sich die Mutter einen Hasen an. Es war ein schwarzes Langohrkaninchen, das sie Höckli (Hocken) nannte und ein Haustier-Projekt, an dem auch die Kinder nichts auszusetzen hatten. Der Vater bastelte für Höckli zudem mit kreativer Begeisterung einen soliden Kaninchenstall. Etwa zwei Jahre lang erhielt Höckli viel Aufmerksamkeit und wartete jeden Tag geduldig da höckelnd seine Streicheleinheiten ab. Dann wurde die Euphorie für das Tier merklich geringer. Die Mutter hatte ihr Arbeitspensum auf einmal aufgestockt, man traf sie sowohl tagsüber als auch abends nur noch selten daheim an, geschweige in der Küche. Der Vater war beim Sport und die Grosse jetzt mehr oder weniger mit ihrem Freund unterwegs.

Nichtsdestotrotz hatte sich auch die Grosse in den Jahren, bevor die männlichen Freunde ihre Haustiere ersetzt hatten, mehrere Nagetiere angeschafft. Zuletzt einen Hamster, auf dessen nächtliche Scharrattacken schon nach kurzer Zeit alle im Haus allergisch reagierten. Bald wurde der Hamster fast jede Nacht im Bastelraum abgestellt. Dort blieb er und verstarb schliesslich, nachdem der Vater (sicher völlig unbeabsichtigt) mit giftigen Substanzen gearbeitet hatte, wahrscheinlich an den Dämpfen von Benzin und Nitroverdünner, die mehrere Tage im fensterlosen Bastelraum in der Luft hängen geblieben waren, (fatal).

Die Grosse hatte für all ihre Haustiere ein Herz und begrub sie an den schönsten Stellen des Gartens. Dies betraf alle Stellen, wo Höckli (das letzte Haustier) in seinen letzten Jahren wie irr geworden herum rannte, wenn es während der Fütterung ausbüchste. Blitzschnell hob Höckli sein Hinterteil und tauchte die Kleine von oben bis unten in einen grossen, warmen Pissestrahl, wenn sie versuchte, das Kaninchen mit dem Drohbesen in Richtung Stallgehege zu befördern. Drei bis vier mal musste sich die Kleine über Mittag jeweils die Kleider wechseln und kam wegen Höckli nachmittags immer öfter zu spät zur Schule. Obschon ihr Höckli mit seinen Kapriolen sogar eine Schulverwarnung einbrachte, konnte die Kleine nicht anders, als ihn nur ein klein wenig verdammen: Das Kaninchen ist in seinem Käfig verrückt geworden. Stellte sie eines Tages bei sich fest. Den lieben langen Tag sitzt es einfach nur da, pisst einen an und strampelt auch noch das Stroh, das man ihm grosszügigerweise gibt, trotzig unter den Holzrost hinab. Fast könnte man meinen, es wolle sich selbst dafür bestrafen, dass es von skrupellosen Menschen vergessen worden ist. Wie schwer wäre es wohl für mich eine solch aussichtslose Einsamkeit auszuhalten?
Dies dachte sich die Kleine, die in ihrer Jugend zumeist allein das grosse Haus hütete.

Die Ära der Haustiere war nun vorbei.

Der Vater, der vor der Heirat mit der Mutter mit einem nicht allzu kleinen Fürzchen in der Hose den Offiziersball getanzt hatte, und dem auch insgesamt der ganze Arbeitsstress als Ingenieur bei dem grössten Telekommunikations-Unternehmen des Landes frontal auf den Magen schlug, zeitlebens, konnte sehr witzig und zu Spässchen aufgelegt sein. Dies geschah immer mal wieder in Phasen seltener Gelassenheit, die er sich – nicht selten ebenfalls, übrigens – durch ein, zwei, drei usw. Gläschen Rotwein selbst schenkte. Einmal bastelte der Vater aus alten Rostteilen eine perfekte kleine Gondelbahn, befestigte sie zwischen Balkon und Gartenvorplatz mit einem Draht und liess seinen Vogel Tschibi darin tuckernd abseilen. Tschibi war nach dem königsblauen Coco der zweite Kanarienvogel des Vaters und (somit) sein offizielles, hauseigenes Haustier. Zwar war Tschibi nicht so schön wie Coco, aber umso zutraulicher. So sass er dem Vater gerne auf der Schulter, pickte ihn ins Ohr oder pfiff lebhaft zurück, wenn ihm der Vater raffinierte, zart lispelnde Pfeifgeräusche zu hauchte. Kein Zweifel: Vater und Tschibi konnten miteinander reden! Leider fiel Tschibi, der seinen Käfig zwischen Fernsehgerät und Telefonanlage hatte, eines Tages beim Klingeln des Telefons mausetot von seiner Sprosse. Es war ein Schocktod. Und ab diesem Moment musste auch der Vater alleine zwitschern.

Der Tag, als der Vater Tschibi zart dem Käfig hob und über den Balkon die Vogel-Abfahrt als Ereignis fröhlich verkündete, war ein schöner blauer Sonntag und alle waren für Augenblicke zufrieden. Die Kleine und die Grosse kamen mit ihren Puppen zur improvisierten Talstation herangesprungen und schauten erwartungsvoll zum Vater hoch. Die Mutter lachte aus dem Fenster. Es ging alles gut, und Tschibi, der aufrecht und langmütig in der Gondel stand, gab keinen Mucks von sich. Dies ist vielleicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er über einen Schnabel zum Kreischen, ein Gefieder zum Reissausnehmen verfügt hätte.
(8.3.18)

Tags: No tags

5 Responses

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *