Werdegang eines Menschen

 

stimmlich dargestellt

 

Zuerst bist du dieses Krächzen, hilflos, fast blind und noch nicht mal auf allen Vieren, kommen sie und überschütten dich mit ihrer blinden Liebe. Du bist ihr Kleinod, ihre Krone; weißt es nicht, aber gehörst noch ihnen.

Dann bist du dieses Staunen und Plappern, das sich schnell verformt zu diesen ersten (und letzten), ganz hellen reinen Fragen. Dein Mut ist jetzt so gross, dass du oft stürzt und dich blutig schürfst, doch schnell bist du wieder auf deinen Beinen. Du bist jetzt Kind und dein euphorisches Rufen vereinigt die verhärteten Seiten ihrer Strassen spielend. Vielleicht bist du ihre Investition. Und sie lieben dich noch. Aber du musst (vorwärts)machen …

Denn nun bist du bereits gross, krächzt nicht und staunst nicht, bist kein Plappermaul. Vielleicht hast du noch Mut, aber den braucht es nicht, denn du hast gelernt die Ellbogen auszufahren. Wie einer dieser Motorschlitten donnerst du durch eine Schneelandschaft, nickst einmal nach links, dann nach rechts, immer gehaltvoll, und mit kleinen Schnittwunden, die deine besorgte Pupille durchkreuzen, zusammen mit dem, der dir willentlich oder unwillentlich in die Fahrbahn gerät. Wirst du noch geliebt? Vielleicht hast du Glück!

Und was deine Stimme über dich verrät:  sag es doch grad selber!

Du warst nun dieses Krächzen und Plappern, Staunen und Rufen. Warst dieser neutrale, undefinierbare, unverführerische Ton. Kein Gesang! Jedoch Alarmanlage; Zahnrad, potentes Teil, ganz Funktion …!

Und nun kommt bereits der Herbst, und das Licht verändert sich, gräbt einen Ton in dein Herz, ein bisschen wie Erstaunen, ein bisschen wie süsslicher Schmerz:
Du hältst nun inne, du schaust hinunter auf einen eingestürzten Berg. Dieser Berg ist eingestürzt, ohne, dass du genau weißt, warum. Und das macht dich hilflos, und du erhebst vielleicht noch einmal deine Stimme und referierst dein Versagen, verkaufst dein Können, verteidigst dein Recht, einer unter ihnen zu sein. Doch sie laden dich aus.

Irrtum! Schreist du! Dann krächzt du! Bald gehst du auf allen Vieren!

Dann im Rückblick hast du alles relativiert. (Auch, dass es vielleicht keine selbstlose Liebe gibt).

Nun bist du dieses Relativieren, Ende von einem Negieren, komplexes Lavieren. Deine Stimme ist leise, denn du brauchst nicht laut zu reden für dich in deinem zuhause. Dein zuhause kennt und hört dich! Doch dein Körper ist jetzt schwer.

Manchmal gehst du in den Park und siehst die Kinder, wie sie jauchzen und spielen, während ihre Eltern sie observieren. Du denkst: Ihr Leben unterscheidet sich von dem deinen durch eines: Perspektive!

Wenn sie dich anschauen, schlägst du die Augen nieder!

Du bist dieses Murmeln, Grummeln. Zauber eines verschlossenen Abends, noch nicht alt und nicht mehr jung, zu früh und zu schräg gewachsener Baum, zu krumm! Pfeifst, wenn keiner dich siehst, heulst wie ein Baby, ohne dich um ihre Blicke zu kümmern, fängst an zu singen, als wärst du wieder Kind:

Ich bin dieses Krächzen, hilfos, fast blind, und dann auf allen Vieren. Kommen sie und überschütten mich ohne Liebe. Ich ihr Kleinod, ihre Krone.

Gehöre mir selbst.

 

(21.8.18)

 

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