weiteres Selbstporträt (das Pessimistische)

Die Kindheit war von feinen Beobachtungen, Zusehen aus der Ferne, von vorsichtigen Einwänden geprägt. In der Pubertät folgte eine Abkehr  nach Innen. Wahrscheinlich erlag sie dem Irrtum, von Aussen zugefügte Verletzungen durch ein Übermass an Egozentrik besser abwehren zu können. Diesen Verletzungen, die im Prinzip schon ihre Wirkung entfalten, wenn man einen Schritt vor die eigene Haustüre macht, war sie ausgeliefert. Vermutlich kann man lernen, in einem nicht optimalen Milieu so optimal wie möglich zu funktionieren, auch wenn einem die Vorstellung vom paradiesischen Leben stellenweise in die Quere kommt. In der Adoleszenz war sie gegenüber dem Einbau von Berechnung und Selbstschutz in ihr System auf eine königliche Weise lässig eingestellt. Sie sog den Schmerz durch persönlich erfahrenes Unrecht lieber ein, als dass sie Mechanismen erlernte, wie sie ihn verhindern konnte. Von der natürlichen Selektion hatte sie noch nie etwas gehört. Sie war durch ihre Einzigartigkeit, ein Prädikat, das sie sich selbst verliehen hatte, von dem Wettstreit der „natürlichen Selektion“ unter den Lebenstüchtigen ausgeschlossen, aber bis sie kapierte, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit kein Mensch um seiner selbst von einem andern geliebt wird, war sie bereits über Dreissig. Diese Aufgabe musste sie nun, unter der Anwendung einiger Tricks? fortan für sich selbst übernehmen!

Somit war das Wichtigste erfahren, nämlich, dass auch sie es nicht erreichen würde mit der Bedingungslosigkeit geliebt zu werden, die ihr die Sicherheit gegeben hätte, nicht jeden Tag erneut metertief stürzen und zu fallen …  Wie jeder Verzweifelte, dem aufgeht, wie gottverlassen er ist, trieb sie dreist und kopflos ihre Projekte voran mit dem Ziel: wenigstens einmal im Leben auf dem Vermicelles-Gipfel einer möglichen Würmchen-Biografie zu stehen und herabzuwinken auf die Würmchen-Welt. Dabei stellte sie endlich fest, dass es ihr immer noch an der nötigen Kaltblütigkeit mangelte, die absolut unverzichtbar gewesen wäre um sich gegen andere wie ein Königstiger durchzusetzen. Roaaar, roaaar!!!

Dann gab es da die andere Ebene, die physische. Grossmächtig vernachlässigt durch die Technokratenrufe: „Schreite über Leibesschmerzen hinweg wie über Leichen! Sie sind definitiv nur Ausflüchte in einen wirtschaftlich sich nicht auszahlenden Bereich!“ Gesagt, getan! In diesem Bereich hatte die Anordnung ihre untergründige Wirkung entfaltet. Anfang Vierzig, als die komplexe Stoffwechselzerrüttung Myalgic E., den täglichen Akt des Aufwachens und Einschlafens zu einem Seiltanz machte und die physische Homöostase nicht mehr gegeben war, hing in der Küche über der Tür ein Plakat, auf dem der lebensgrosse Schriftzug prangte: „Sei Rambo!“ Dies war bis anhin der letzte (und ev. Erste) ihr auf den Lebensweg mitgegebene Ratschlag, verzapft aus psychiatrisch-therapeutisch geschultem Mund. Als die Ära ihrer „Körperverteidigungsreden“ begann oder besser in eine strengere und absurdere Epoche zu Zeiten der Digitalisierung überging. Sie hatte sich übererklärt gegen Wand mit Nase, Augen, Mund drin eingebaut oder bisweilen als Anachronismus auch in die Facebook-Maske hinein, wo man natürlich merkte, dass sich hier ein echt ver-hungerndes Maul in Monologen austobte ohne Rücksicht auf die sozialen Normen, die auch im Cybernetz gelten: individuell, gern, anders, lieber nicht! Mitte Vierzig hatte sie einen grossen Verlust zu vermelden: die an sie reichende Aussenwelt war so beschaffen, dass sie es ihr nicht länger erlaubte, dieser zu gefallen! Welch Gähnen! Man konnte also nun nicht nur nicht geliebt werden seiner selbst willen, a: und daraus heraus, b: in der Welt auch nichts erreichen, logo, und c: wenn man a: entweder: physisch schwer unheilbar krank war, (z.b. Mylalgic E.) beziehungsweise, b: anders und für von Marktwirtschaft und Neoliberalismus ausgespickten Köpfe nicht qualifizierbar, c: einfach zu lange in den Mond gestarrt hatte ….Nein! Man versiechte sich c: unter diesen Umständen sogar eine so oberflächliche und heitere Motivation; zu gefallen! Ich würde meinen, dass sie in dieser Phase ihres Lebens verdarb oder spelzig wurde wie ein Wein, der gärt. Und nun will ihn keiner mehr kosten! Die Krankheit Myalgic E. gestaltete sich als Zwinger, innerhalb dem sie farblos versurrte und die kostspieligen Versuche, die Differenz zwischen sich und den andern für eben diese anderen zu klären und wieder und wieder zu formulieren, aus bodenloser Ausgebranntheit einstellte. Dass sie an den Tod dachte war nichts Neues. Kein Tag war wohl vergangen, an dem sie ihn nicht zugleich für möglich, wie unmöglich gehalten hatte. Der Altbekannte, der wie ein Vogerl auf ihrer Schulter sass, war keine Alternative zu dem Makel ihres Lebens, das sie weniger und weniger hergeben wollte, je mehr Qualen sie auch litt. Offensichtlich hatte sie im Alter ein gewisses Selbstbewusstsein erreicht, denn der Gedanke, sich für eine so ultimative Vorstellung von Einsamkeit zu opfern, gefiel ihr nicht, mit andern Worten: sie fühlte sich zu geizig, sich dem Tod herzugeben. Bot er denn eine Erlösung ausserhalb ihrer eigenen Vorstellungskraft? Im Prinzip liefen alle Energien und Triebe in eine Verschmelzungsenergie hinein, flossen von da in die Liebesenergie, und weiter, in Gottes Namen, halt in die sexuelle Auflösung! Diese Art der Erlösung, die manche sogar durch simples Let’s have fun, erreichen konnten, blieb ihr fast immer versperrt, da die Natur sie als Frau oder zumindest als die Frau, die sie war, anatomisch nicht optimal nach diesem Lustgewinn ausgerichtet hatte, was sie masslos erzürnte. So verging das Lieben, ohne Erlösung. Immer bei Verstand. Im Beben. Als sie am Kopfhaar ergraute und alle Exklusivitäten, die sie sich hatte schenken wollen, einbüsste. In diesem Alter konzentrierte sie sich wieder auf die feinen Beobachtungen, dem Zuschauen aus der Ferne, gleich einem zusammengerollten Hund. Energetisch war es ihr jetzt nicht mehr möglich, ihr Ich-Gefühl weiter am Leben zu erhalten. Also verlor sie ihre Selbstbezogenheit, jene Eigenschaft, mit der sie sich ursprünglich gegen ihre Fühligkeit nach Aussen hin hatte wappnen wollen, was dazu geführt hatte, dass sie sich die Fühler gleich ganz geschnitten hatte. Sie fand es nun unnötig, sich auszudrücken, ohne ein Selbst zu sein, weswegen sie starb. Die, die sie gekannt hatten, dachten kurz an sie als eine, aus der sie nie ganz schlau geworden waren.

(18.11.18)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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