Wassersucher (zum Film Jean de Florette von Pagnol)

Ich schaue noch einen Film. Denn ich bin gerade heimgekommen.

Den Film habe ich schon gestern geschaut. Und vorgestern. Und vorvorgestern.

Den Film hab ich all die Jahre geschaut, fast jeden Abend.

Zwei meiner Lieblingsfiguren des Films sind übrigens undurchsichtige Käuze. Sie neigen

zu charakterlichen Fehlern und verstopfen eine Quelle. So dass ein Dritter

auf seinem Grundstück kein Wasser findet. „Dieu! Faites qu’il pleut!“ ruft dieser Dritte in

meinem Film aus, wirft sich auf die Knie und schmeisst die Hände zum Himmel.

Er ist übrigens bucklig und Visionär, er glaubt, er kann seine Existenz, äh, sein Gemüse

mit blossen Händen kultivieren. Seine Tochter wird von einem der beiden

Käuze heftig umworben, aber das ist erst im zweiten Teil des Films, den ich ebenfalls jeden

Tag schaue, wenn ich heimkomme.

Wenn ich heimkomme, was mir selten passiert, sehe ich Gegenstände in meiner

Wohnung fremd und zusammenhanglos daliegen.

Der undurchsichtige Kauz erhängt sich übrigens an seinem Olivenbaum, nachdem

die Tochter des buckligen Visionärs seine Liebe aufs Vehementeste zurückweist. Die

Schöne Emanuelle Béart hat im ersten Teil des Films als Kind nämlich gesehen,

wie die Lebensgrundlage (das Gemüse) ihres Vaters erschlaffte, verdorrte,

seine dürren Kaninchen unter seinen hilflosen Händen verendeten.

Einmal gräbt Jean mit der Hacke ein Loch unter sich in die Erde. Tagelang

gräbt er einen Brunnen, ehe er voller Freude hineinspringt in die Detonation

mit einer Flasche Wein an den Lippen.

Die beiden undurchsichtigen Käuze sind eigentlich Halbkriminelle. Hier, im Film sympathisiere

ich mit ihnen, sympathisiere mit allen Figuren, als wären es meine Freunde.

Ihre Gesten sind mir bekannt, ihre Schrullen beruhigen, ihre Stimmen sind Medikamente.

Und ihre Sätze kann ich auswendig: „Dieu! Faites qu’il pleut!“ (Jean zum Himmel

) „Mais qu’est-ce-qu’il veut faire?“  (César, der Verschlagene zu seinem Neffen Ugolin, dem Handikapierten)

„Il veut cultiver l’authentique. C’est quoi?“ (Ugolin, tragisch, zu César)

„C’est und fleure qui existe dans les livres.“ Etc.

Und dann die Bilder. Die Bäume und das Licht der Haute Provence, das Dorf,

geschmiegt um den Dorfbrunnen, ihre Bewohner schräg und knorpelig gewachsen

wie Platanen, abstossend und menschlich aus einer Zeit des Prä- Individuellen.

Ich niste mich in den Sequenzen ein!  Sage mir immer dasselbe:

vergiss es, dass es ein Film ist. Du lebst in diesem Film. Dein konkretes Leben ist kalt und keine

Kreation. Ich wollte immer in Filmen mitspielen, um meinem Leben fremd zu gehen.

Nun schaue ich jeden Abend den gleichen Film, weil ich dort heimkommen kann.

(11.9.2020)

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *