Rollschuhlaufen mit Goldie und Strich

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(Mit Genehmigung von No Art Design)

Nachdem Goldie mit dem neusten Rollschuh-Hit eine richtige Slalomkünstlerin geworden ist, hat nun auch Strich ein Paar Rollschuhe zum Geburtstag bekommen. Strich findet sie eigentlich schon zum Anschauen ziemlich schön: ein Turnschuh befestigt an einer Leiste, getragen von vier dicken roten Gummirollern! Vorne am Schuh befindet sich zudem ein roter Gummistöpsel, über dessen abgeflachte Kante Strichs Finger immer wieder fasziniert streichen muss.

Goldie erklärt: „Wozu dieser Stöpsel ist, willst du wissen? Dieser Stöpsel ist zum Stoppen! Schau, das ist wichtig für wenn du mal so richtig im Schuss bist. Zum Beispiel kommt dir ein Auto entgegen: In diesem Fall verlagerst du dein Gewicht blitzschnell auf den vorderen Teil deiner Rollschuhe und kippst den Schuh vornüber. Dein ganzes Gewicht wird dann vom Stöpsel aufgefangen und deine Fahrtgeschwindigkeit durch den Stöpsel, welchen du frontal in den Strassenboden rammst, gebremst. Am besten ist übrigens, wenn du vorher noch schnell gegen den Gehsteig auffährst oder in einen Büschel Grün hinein galoppierst. So setzt die unebene Erde deiner Fahrt ein Ende von selbst.“

Goldie weiss natürlich wovon sie spricht! Vom Sonnenmondhügel hinab ins Dorf und in die Schule haben Goldie und Strich zu Fuss mindestens fünfundzwanzig Minuten. Dank ihren Rollschuhen hat Goldie die kurvenreiche Sonnenmondstrasse neulich nun aber in sieben Minuten hinter sich gebracht, wodurch ihr Wecker morgens mittlerweile um ganze fünfzehn Minuten später als jener von Strich, anspringt! Nicht,dass Strich praktische Überlegungen dazu bewogen haben sich anstelle eines Malkastens Rollschuhe zum Geburtstag zu wünschen. Aber wer will schon nicht fliegende Schuhe haben, wenn er damit länger schlafen kann? so die Überlegung von Strich.

Nun macht sich Strich also morgens um Sieben zur Abfahrt bereit! Im Flur auf dem Fussboden sitzend, schlüpft sie zuerst umständlich in ihren linken Rollschuh und legt diesen quer übers rechte Bein. Worauf sie in den rechten Rollschuh schlüpft, diesen umständlich übers linke Bein platzierend. Mehrere Anläufe sind nötig, damit Strich dann auf ihre zwei Beine respektive überhaupt aufstehen kann! Man kann so ein Auftreten auf Rollschuhen ja nicht mit normaler Standfestigkeit respektive Bodenhaftung vergleichen! Kiloschwer befusst rutschen Strichs Beine unter ihr davon! Da bringt es auch nichts, dass sie sich in der Garderobe an Kleiderbügeln festhält, während sie mit Armen auf die Haustüre zusteuert.

Mit den Treppenstufen vor dem Haus nimmt Strich dann auch gleich das erste Hindernis in Angriff, indem sie ein Bein ums andere in fiktive Höhe hebt, etwa so, als würde sie durch ein Moor stapfen. Dass die Fortbewegung auf den Vordergliedern respektive Knien dann doch effektiver geht, liegt nur daran, dass Strich den schwimmenden Kugeln unter ihren Fersballen einfach nicht vertrauen kann. Vorne haben sie Bremsstöpseln angebracht, überlegt sich Strich leicht verärgert. Warum eigentlich hinten nicht!?

Nun kann es losgehen! Innert Sekunden wird Strich die Hauptstrasse ins Dorf hinab für sich beanspruchen und als elegante, schwungvolle Slalomfahrerin bewältigen! Wenn nur während dieser Zeit kein Auto kommt, so dass sie, wie Goldie sie gemahnt hat, auf den ominösen Stöpsel auffahren oder gar ins Gejät hinaus galoppieren muss! Ängstigt Strich. Allerdings hat Strich nicht mit einer so rasanten Geschwindigkeitssteigerung selbst an nur mässig abfallendem Gelände gerechnet! Dafür, dass die Gummiräder unter ihr so schnell sausen, ist die Sonnenmondstrasse doch viel zu schmal! Kaum am linken Strassenende losgefahren, stolpert Strich mehrheitlich auf ihren Stöpseln auch schon in das rechte Strassenende und da in den aufragenden Gehsteigrand grob hinein! Die Kehrtwenden, diese schwungvollen runden Kurven, die Strich an die Weichheit von Pulverschnee erinnert, verrichtet sie täppelnd.

Dann entscheidet sich Strich, der Umständlichkeit ihrer Situation zu entgehen, stellt sich in der Mitte der Strasse auf und lässt ihre Rollschuhe einfach mal fahren … Hui! Aber welche Beschleunigung! Da fliegt ihr schon die imposante Kurve beim Bauernhof Schneck entgegen, als ein Luftstoss sie von hinten aufhebt und haarscharf neben ihr ein Autofenster hinunter gekurbelt wird. „Jeanne, was machst du Lebensgefährliche so mitten auf der Strasse! Man kann dich doch gar nicht sehen in der Kurve!“ Frau Bandi, die wie immer in letzter Minute ihre Knirpse zur Schule bringt, drückt zur Untermalung ihrer Ausrufung noch dreimalig auf die Hupe ….

Strich kann sich unter der Rasanz, in der sich das alles abspielt, nicht mehr lange halten. Ihr Oberkörper schlenkert einmal nach vorne und wieder zurück. Jetzt kann ich nur noch die Stöpsel einsetzen! Und zwar sofort! Geht es ihr durch den Kopf. Und nachdem sie kopfvornüber im Misthaufen beim Bauernhof Schneck gelandet ist: „Ich habe meine Stöpsel eingesetzt“!!!

„Was machst du denn hier? In fünf Minuten beginnt die Schule!“ Jemand kommt mit einem ungeheuren Tempo auf zwei blau genoppten Rollschuhen die Strasse hinunter geflogen. Es ist Goldie, die vor ihrer schmuddligen Schwester einen solchen Stopp reisst, dass diese eine Weile perplex die Bremsspur auf dem Strassenpflaster fixiert. Goldies Stöpsel hat einen Mega-Stopp hingelegt! „Aber wo sind denn deine Rollschuhe?“ Will Goldie sofort wissen. „Mit denen bin ich fertig.“ Orakelt Strich.

Für eine Siebenminuten-Abfahrt hat es Slalomkünstlerin Goldie an diesem Morgen nicht ganz gereicht. Aber als sie fünf Minuten vor halb Acht mit vier statt zwei Paar Rollschuhen ausgestattet in den Schulhof eincheckt, wird sie von neugierigen Klassenkameraden und Lehrern auf die Rollschuhe angesprochen, die sie Huckepack an ihren Schulranzen geschnürt hat. „Die habe ich auf dem Misthaufen zwischen Eierschalen und Kompost gefunden! Keine Ahnung, wer auf eine so dumme Idee kommt, so neue schöne Rollschuhe einfach auszusetzen!“

Dass ihr auf dem Weg in die Sonnenmondstrasse hinab  jemand mitten auf der Strasse in umgekehrter Richtung entgegengekommen ist, mit hängendem Kopf und in den Socken, ist ein Detail, das Goldie geflissentlich verschweigt. Sie weiss: Strich bleibt der Schule lieber ganz fern, sobald sie einmal zu spät dran ist. Wahrscheinlich liegt ihre Schwester zu diesem Zeitpunkt bereits wieder daheim in ihrem warmen Bett und träumt, sie sei mit zwei roten Rollschuhen den Sonnenmondhügel hinab gesegelt. Im Schlaf.

(18.11.18)

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