Peripheres Wallfahrten oder: Was auf den Boden fällt (2006)

GiroAnnen

Foto:Giro Annen, Besitz Jeanne

Plötzlicher Einbruch der Dunkelheit. Der Kaffeeautomat fröstelt. Der Billetschalter summt vor sich hin. Unbewusst zieht das Hinterteil da und dort eine Schnute. Noch warm und zerwühlt, richtet sich der Spielplatz das Haar. Auch die Festzelte, derer sich der Kater bemächtigt, sind in sich abgesackt und jammern. Halbleerer Milchdrink bevölkert die Bancomathalle. Leergefegt, wie nach der Plünderung, starren die Brotregale.
Über die Hauptstrasse dümpelt die Teerwalze nach Hause. Das Pflaster ist wie ein Brustkorb, den man aufreisst und in grösster Geschwindigkeit wieder zunäht. Sommersprossen, Malinome, versteinerte Kaugummis, allerlei Krümelchen und betoneigene Pigmente sind seiner Oberfläche eigen.
Schon tritt eine vage Stickerei aus dem Himmel. Deckt sanft der Schnee die Nischengräber. (Abteilung A-P.) Stampft meersüchtig die Waschtrommel unter der Erde.
Gurgeln ozeanisch Racheräume.
Dem Schweinebraten gefriert vor Angst das Blut in den Adern. Beim städtischen Altenheim gehen die Lichter aus. Über die Feuerleiter kommt der senile Uli im weissen Nachthemd geflogen. Ein betörendes Krällchen zerrt den Müllsack auf.
Was auf den Boden fällt: Ein Zahnbürstchen. Ein Fischgrätchen. Ein grünes Mandarinchen. Eine Socke. Ein nigelnagelneuer Pullover. Eine Taucherbrille. So etwas wie eine Sauerstoffflasche, verkeilt mit etlichen halb angegessenen Schokoriegeln. So etwas wie ein Ganzkörperanzug, schwer gepolstert, aber ohne eigentlichen Körper. So etwas wie ein Stück Fingernagel, eher mit Gewalt abgezerrt als mit dem Scherchen geschnitten. So etwas wie eine Skischuhschnalle. Einige Landkarten. Ein Sackmesser. So etwas wie ein Kompass, aber vewittert. So etwas wie eine Kakerlake, ziemlich plattgedrückt. Ein zerknülltes Taschentuch mit einem Tropfen Blut. Das Kapital von Karl Marx.
Die Welt ist wie ein Hund, der zwei Schwänze, wie ein Wurm, der zwei Mäuler hat. Was in die Höhe strebt, schlägt Wurzeln in der Tiefe. Was wie ein geschältes Äpfelchen über den Schwebebalken fegt, muss wie eine Runkelrübe über das Taifunrad purzeln.
Schlosshof, Entsorgungshof, Hinterhof, Streugut. Kleingut, Sperrgut, Depotfund, Förderband. Blütenstand, Kleiderablage, Wachtturm, Talsohle. Schuhsöhlchen, Drainschicht, Sammeltank, Wasserkanone. Pollensäckchen, Zweidrittelgesellschaft, Spinnfaser, Hundsrose.
Die Nacht bricht auf wie eine Muschel. Glanz und Moder, bereits besoffen, prosten und packen sich warm am Genick. Ein Stück Wellblech flattert im Wind.
Bekömmliche Stoffe sind ökonomische Stoffe. Gerne machen sie sich schlank oder verdrücken sich ins Nichts, aus dem sie gekommen sind.

Text zu Fotografien des Künstlers Giro Annen , 2006

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