ME_ Blutdrucktagebuch_12.12.20

Ich sollte dieses schreckliche Blutdruckgerät umbinden, warten, wie die Masche sich um meinen Oberarm zusammenzieht, dem zweimaligen Piepsen lauschen, und die Zahlen auf der Anzeige in eine Skala eintragen.

Nichts simpler als das.

Aber ich habe solche Angst vor diesen zwei Zahlen, dass ich lieber davon springe über den Abgrund hinaus.

Es kommt mir vor, als löse dieser Akt des Blutdruckmessens bei mir die fürchterlichste schulische Wettbewerbsangst akut aus, es ist der Todesdruck schlechthin und das auf mich Gestelltsein, Ausgeliefertsein, Sterben allein exat in diesem Anstieg des systolischen u diastolischen Drucks.

Ich spüre, wie er stundenweise meine Gefässe u Arterien zu zersprengen droht, es fühlt sich an, wie der komprimierte unlösbare Leistungsdruck u Lebensdruck, den ich in meinen ersten 25 Jahren erlebte. Ich habe angst und kann mich nicht bewegen, ich liege starr und warte, dass der Druck mich zersprengt, dass ich hinabsinke ins Schwarz, mich auflöse.

Was soll ich tun? Ich muss meinen Blutdruck genau in diesen Stunden messen, weil ich nur so beweisen kann, dass ich an haarsträubenden lebensgefährlichen Dysautonomien leide, die vermutlich nicht mal behandelbar sind, weil der Blutdruck dann auch wieder abfällt nachdem er über Stunden auf hohen Spitzen verharrte.

Ich kann nicht messen, weil ich in dem Moment, in dem die Masche zusammenzurrt, durchdrehe. Also muss ich damit rechnen, dass ein grosses Risiko für Stroke droht.

Es scheint so, als gäbe es kein Entkommen, nicht in diesem Leben, nicht solange ich in diesem Körper bin, nicht solange man nicht weiss, was diese Krankheit verursacht.

Auch das Fiebermessen löst in mir diese Angst aus. Vor zwei Jahren, als ich Influenza hatte, hat Christian mit mir Fieber gemessen übers Telefon.

Früher hatte ich einen Hausarzt, zwei Häuserreihen weiter, bei dem ich immer vorbei gehen konnte.

Nun ist niemand mehr da.

Aber das ist ja auch das, was ich immer in mir drin spürte, dass einmal niemand mehr da sein wird, genau in diesen Stunden, am Schluss, in einer akuten Katastrophe, die ich nicht mehr bewältigen kann. So, wie am Anfang niemand da war, wahrscheinlich.

Wenn ich weine, dann treibe ich den BD sehr in die Höhe und mein Kopf pocht. Wenn ich aufstehe und rumgehe, passiert dasselbe. Würde ich schreien, würden die Sicherungen wohl platzen.

Ich wünsche mir dass es aus ist. Aber nicht so. Ich habe so viel körperliche Bedrohung erlebt, jahrelang, soviel Ausgeliefertsein, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als kontrolliert und begleitet zu sterben, in Ruhe, andersrum als ich gelebt habe.

Aber die Erfüllung dieses Wunsches wird durch grosse bürokratische u ethische Probleme resp Berge vereitelt.

Ich hasse es, im Sterben die Kontrolle zu verlieren, über meine Seele wie über meinen Körper, ich hasse es, mit den täglichen Dramen meines Körpers zu leben und immer noch in Todesangst versetzt zu werden dadurch. Dies ergibt keinen Sinn. Und ich kann es doch nicht ändern.

Es gibt nichts, dass ich so sehr fürchte, wie nach einem Schlaganfall halb gelähmt und gaga in einer Pflegeinstitution dahinzuvegetieren, ich möchte nie wieder u niemals ein Spitalbett belegen. Abhängen von diesem rudimentären lieblosen Pflegealltag.

Aber was soll ich tun? Es ändert nichts daran, dass meine Angst zu gross ist, mir das hoch moderne akurate Blutdruckgerät umzubinden und das Ansteigen der Zahlen, unter Anfeuerung meines Drucks, in gefährlichste Todeshöhen abzuwarten und gnadenlos nüchtern auf die Anzeige zu schauen.

Ich unterlasse es also, mich zu retten, aus zu grosser Angst.

Und das ist ein stimmiges Paradoxon, das das Paradoxe meines Lebens widergibt:

Todesangst war meine frühkindliche Erfahrung, sie ging in meinen Leib über durch Zufall oder nicht. Man behauptete, ich bilde mir die physische Bedrohung nur ein, jahrzehntelang, als sie schon physisch manifest war. Ich versuchte die Lüge zu glauben. Und nun sterb ich doch!!! Und dies habe ich doch  von Anfang an gewusst!!!

An Angst oder an den Folgen, an Ursache od Wirkung, an unterlassener Hilfeleistung, meiner, aber vor allem ihrer….

Und es ist niemand mehr da.

Um 15.20 hätte ich ne Messung angesetzt.

Ich fühle mich konfrontiert mit einem Widersinn in mir.

Mit meinen Grenzen.

Ich fühle mich… zurückversetzt… ins Kindsein. Unfähig, einen Kampf zu gewinnen, ohne die Hilfe von Erwachsenen…..

nachdem ich aufhören musste, auf die Erwachsenen zu bauen.

Ein FB-Kamerad sagte mir, ich müsse vielleicht daran denken (und nicht vergessen), dass ich mit einem Bein m Grab stehe.

Dieser Satz sollte mir helfen und den Mut geben, in 5 Minuten meinen BD zu messen ….

 

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *